Die USA sind mit der EU und der Schweiz vielschichtig verflochten – was das im Zeichen von Trumps Drohungen bedeutetAbhängigkeiten rücken in den Fokus, doch die wirtschaftlichen Interessen an Zusammenarbeit sind trotz aller Asymmetrie der Kräfte zum Glück gegenseitig. Das stärkt Sicherheit und Frieden in der Welt.–13.07.2026, 06.24 Uhr8 LeseminutenDer amerikanische Präsident Donald Trump versucht, die Globalisierung rückgängig zu machen.KeystonePräsident Donald Trump droht Pharmafirmen mit hohen Zöllen, wenn sie ihre Medikamente in die USA einführen statt dort produzieren. Die Vereinigten Staaten beschränken den Export von Hochleistungschips, um sich einen Vorsprung bei der Entwicklung von künstlicher Intelligenz zu sichern. Und von der Grundstruktur des Internets bis zu den Betriebssystemen von PC und Mobiltelefonen würde wenig funktionieren, wenn die USA die Verbreitung ihrer Technologie und Dienstleistungen drastisch einschränkten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Aber was für ein Sicherheitsrisiko sind die gegenwärtigen Verstimmungen im transatlantischen Verhältnis tatsächlich? Hat sich Europa zu abhängig von den USA gemacht und seine eigene Sicherheit vernachlässigt? Kann es selbständig funktionieren, und sind Autarkie und Selbstversorgung wirklich erstrebenswerte Ziele? «NZZ Pro» analysiert diese Frage aus ökonomischer, technologischer und sicherheitspolitischer Warte.Komplexe und ungleich verteilte AbhängigkeitenDie Aussenhandelszahlen der USA zeigen sofort: Es geht um grosse Beträge. Die Vereinigten Staaten haben im vergangenen Jahr für 2191,9 Milliarden Dollar Waren exportiert. Zu Donald Trumps Ärger importieren sie chronisch mehr Güter, als sie exportieren. Einfuhren im Wert von 3451,5 Milliarden Dollar sorgten trotz allen Zöllen 2025 für ein rekordhohes Handelsbilanzdefizit von 1259,6 Milliarden.Dem steht traditionell ein amerikanischer Überschuss im Handel mit Dienstleistungen entgegen. Mit 327,7 Milliarden Dollar fiel dieser 2025 allerdings nur gut ein Viertel so hoch aus wie das Defizit im Güterhandel.Es gibt also nicht nur viele amerikanische Firmen, für die der Rest der Welt als Absatzmarkt wichtig ist, sondern die amerikanische Wirtschaft ist auch auf Zulieferungen aus aller Welt angewiesen. Die EU ist dabei noch vor Kanada, Mexiko, China und Grossbritannien der wichtigste einzelne Handelspartner. Die Schweiz spielt gemessen an ihrer Grösse zwar eine überproportionale Rolle. Doch die Milliardenflüsse relativieren sich, wenn man sie ins Verhältnis zur Wirtschaftsleistung setzt.Der Binnenmarkt der Vereinigten Staaten, den Trump nun gegenüber dem Rest der Welt zumindest partiell stärker abschottet, ist gross. Insgesamt entsprachen 2025 die Exporte von Gütern und Dienstleistungen der USA bloss 11 und die Importe 14 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP). In der EU waren dies 22 und 21 Prozent und in der Schweiz gar 78 und 70 Prozent des BIP.Mit anderen Worten ist die Verflechtung im Aussenhandel mit dem Rest der Welt für die Schweiz existenzieller als für die EU, und für diese wiederum bedeutender als für die USA.Betrachtet man die Struktur des Güterhandels der USA, so zeigt sich zweierlei. Erstens konzentriert sich der grösste Teil derzeit auf einige Warengruppen. Gut ein Fünftel betrifft die Einfuhr von Pharmaprodukten. Dazu kommen Maschinen, Chemie, Autos und Flugzeuge (und im Fall der Schweiz Uhren und Gold). Zudem sind die USA zu einem bedeutenden Nettoexporteur von fossiler Energie geworden.Zweitens besteht der heutige Handel längst nicht mehr aus dem Lehrbuchbeispiel «Tuch gegen Wein». Pharmaprodukte, Maschinen, Chemie und Fahrzeuge sind sowohl bedeutende Import- wie auch Exportkategorien. Aus Europa werden nicht nur fertige Medikamente, sondern auch pharmazeutische Produkte eingeführt, die in den USA zu Medikamenten verarbeitet werden, und vice versa. Und US-Industriefirmen importieren für ihre Maschinen, die sie herstellen oder benutzen, Teile wie Schweizer Präzisionsbohrer.Der Handel und die Lieferketten sind so differenziert, dass man gegenseitig aufeinander angewiesen ist.Europas und Amerikas Wirtschaft sind dabei auch über ausländische Direktinvestitionen miteinander verbunden, die Unternehmen im jeweils anderen Markt getätigt haben. Deren Wert beläuft sich ebenfalls auf Hunderte Milliarden Dollar. Doch gemessen an der Wirtschaftsleistung betragen sie in den USA aus der EU bloss 8 und aus der Schweiz gar nur 0,9 Prozent.All das zeigt: Zölle und Exportrestriktionen sind ein ökonomisch ernstzunehmendes Risiko. Kleine Länder wie die Schweiz sind diesem stärker ausgesetzt, weil grosse Blöcke wie die USA oder auch die EU eher auf gute Beziehungen mit kleinen Ländern verzichten können als umgekehrt. Unternehmen und Länder tun gut daran, ihre Lieferketten geografisch zu diversifizieren.Die beste Versicherung gegen Erpressungsversuche ist jedoch im Allgemeinen die gegenseitige wirtschaftliche Verflechtung und nicht Abschottung und Selbstversorgung – diese sind mit der heutigen differenzierten Wirtschaft unrealistisch und viel zu kostspielig. Tatsächlich ist im vergangenen Jahr das Volumen des globalen Handels laut der Welthandelsorganisation (WTO) um 4,6 Prozent und damit erneut stärker als die globale Wirtschaftsleistung gewachsen.Europa ist technologisch von den USA abhängigBesonders gross ist die internationale Vernetzung im technologischen Bereich. Ein einzelnes Land kann sich faktisch nicht unabhängig machen. Das zeigt sich auch im Handelskonflikt zwischen China und den USA immer wieder, wo beide Seiten aufeinander angewiesen sind.Dass in Europa dennoch eine Debatte um digitale Souveränität aufgekommen ist, liegt an Donald Trump. Seine Politik stellt die transatlantischen Beziehungen grundsätzlich infrage. Amerikanische Technologie und digitale Dienstleistungen haben an Verlässlichkeit eingebüsst. Denn Trump könnte, so die Befürchtung, die technologischen Abhängigkeiten als politische Druckmittel einsetzen.In Europa könnte ein solcher Schritt verheerende Folgen haben. Denn die Abhängigkeit von amerikanischen Tech-Firmen ist gross. So haben die drei grossen Hyperscaler Microsoft, Amazon und Google beim europäischen Cloud-Geschäft einen Marktanteil von geschätzt rund 70 Prozent. Dies ist ein Klumpenrisiko, auch technisch gesehen. Nun kommt das politische Risiko hinzu.Doch wie könnte ein Szenario der amerikanischen Einflussnahme überhaupt aussehen?Dass Donald Trump gewisse digitale Dienste für ein ganzes Land oder sogar mehrere europäische Staaten komplett sperrt, erscheint wegen der gegenseitigen wirtschaftlichen Interessen wenig plausibel. Ein solcher Schritt wäre eine offene Konfrontation und hätte auch in den USA wirtschaftliche Folgen. Der Wert der betroffenen Unternehmen würde an der Börse einbrechen. Die Tech-Konzerne haben ein grosses Interesse daran, dass ihnen Europa als Markt erhalten bleibt. Deswegen würden sie auch bei der amerikanischen Regierung entsprechend intervenieren.Viel plausibler erscheinen politisch motivierte Massnahmen gegen eine einzelne Firma oder eine Behörde. So haben die USA in der Vergangenheit zum Beispiel wegen des Bankgeheimnisses enormen Druck auf die Schweizer Banken ausgeübt. Trump könnte in einem solchen Fall nun zu drastischen Mitteln greifen. Doch selbst dann würde die betroffene Institution wohl eine Übergangsfrist von beispielsweise zwei Monaten erhalten, um ihre IT-Systeme umzustellen. Es wäre für ein grosses Unternehmen aber dennoch eine riesige Herausforderung, in einer so kurzen Zeit die Daten oder E-Mails komplett zu migrieren.Daneben stellen amerikanische Technologien auch im Bereich Spionage ein Risiko dar. Bereits heute können die US-Geheimdienste bei amerikanischen Tech-Firmen Kommunikationsdaten von ausländischen Personen sammeln, gestützt auf die sogenannte Section 702 als gesetzliche Grundlage. Mit Donald Trump ist das Szenario denkbar, dass dieses Datensammeln zusätzlich ausserhalb des rechtlichen Rahmens passieren könnte. So ist etwa anzunehmen, dass die amerikanischen Geheimdienste im Zusammenhang mit dem US-Interesse an Grönland verstärkt Dänemark ausspionieren. Falls die dänischen Behörden US-Produkte einsetzen, könnte dies die Spionage erleichtern, insbesondere im Falle einer Eskalation.Trump hat die Debatte um technologische Risiken ausgelöst. Doch die Problematik besteht unabhängig vom amerikanischen Präsidenten – und wird mit seinem Abgang auch nicht verschwinden. Denn die Welt bewegt sich auf eine Zeit kontinuierlicher Konflikte zu. In den nächsten Jahren oder gar Jahrzehnten werden technologische Abhängigkeiten ein Risiko bleiben, weil sie als Druckmittel genutzt werden können oder die Spionage erleichtern können.Neuordnung der transatlantischen BeziehungenMilitärisch schliesslich haben die USA dieses Jahr endgültig damit begonnen, sich dem Pazifik zuzuwenden – genau so, wie es schon der damalige Präsident Barack Obama 2011 mit dem «pivot to Asia», der strategischen Neuausrichtung nach Asien, angekündigt hatte. Trump und seine Leute begleiten die Umgruppierung von Truppen und Fähigkeiten mit Tiraden und Beschuldigungen gegen die europäischen Nato-Staaten.Diese emotionalen Aufwallungen lenken davon ab, dass die Europäer zu lange darauf verzichtet haben, genügend Mitverantwortung für ihre eigene Sicherheit zu übernehmen. Jetzt befinden sie sich in einem Wettlauf mit der Zeit – und das mitten im sogenannten «Vulnerabilitätsfenster», das von jetzt bis etwa 2030 dauern wird: Die Armeen der europäischen Nato-Staaten können noch nicht ohne amerikanische Unterstützung kämpfen, aber die USA ziehen sich teilweise zurück – und Russland bleibt mit seinen imperialen Zielen eine Bedrohung für seine Nachbarn.Im Zentrum der Aufrüstung in Europa steht deshalb der möglichst rasche Aufbau von «Schlüsselfähigkeiten», damit die militärische Kraft überhaupt gemeinsam und wirksam eingesetzt werden kann: Satelliten, um Bedrohungen zu erkennen, Ziele aufzuklären und zu kommunizieren, Transportflugzeuge oder Systeme zur Luftverteidigung. Die Rüstungsindustrie ist auf eine enge Zusammenarbeit mit der Forschung und der Startup-Szene angewiesen.Besonders günstige Voraussetzungen scheint der Freistaat Bayern geschaffen zu haben: Rund um die Technische Universität München, den Airbus-Konzern oder das Unternehmen Isar Aerospace entstand ein Ökosystem, das mit weiteren Firmen den Aufbau der besonders kritischen Weltraumfähigkeiten bis 2030 vorantreibt. Deutschland plant, ein europäisches Weltraumkommando aufzubauen. Europa hätte dann ein eigenes Lagebild und wäre damit in einem entscheidenden Punkt autonom von den Amerikanern.Die Schweizer Armee und das österreichische Bundesheer wollen im Rahmen des sogenannten Dach-Formats an diesem Effort partizipieren. Wie genau, dürfte sich insbesondere im Fall der Schweiz erst nach der Neutralitätsabstimmung Ende September konkretisieren. Immerhin hat die ETH Zürich in Heilbronn einen neuen Campus aufgebaut, der die beste Hochschule des Kontinents in die technologische Aufholjagd Deutschlands involviert.Auch die Industrien der skandinavischen Länder sind in der Lage, die amerikanischen Systeme mit moderneren, eigenen zu ersetzen. Der schwedische Saab-Konzern hat mit «Globaleye» ein Frühwarn- und Kommandosystem entwickelt und zusammen mit dem kanadischen Hersteller Bombardier in einen Business-Jet verbaut. Das italienische Luftfahrtunternehmen Leonardo arbeitet zusammen mit British Aerospace und Mitsubishi aus Japan an einem Kampfflugzeug der sechsten Generation, dem Global Combat Air Programme (GCAP).Das Projekt hat eine zusätzliche Bedeutung erhalten, seit die deutsch-französische Zusammenarbeit beim Bau eines ähnlichen Systems unter dem Kürzel FCAS (Future Combat Air System) gescheitert ist. Noch immer sind die Animositäten zwischen den beiden Ländern zu gross. Dabei sind die Europäer offensichtlich auf eine transnationale Zusammenarbeit angewiesen, um sich mindestens ein wenig von den Amerikanern zu lösen.Eine vollständige Entkoppelung von den USA ist aber weder sinnvoll noch möglich: Beim GCAP-Projekt profitiert der Leonardo-Konzern vom Wissen, das er sich bei der Mitentwicklung des F-35 erarbeitet hat. Noch deutlicher wird es bei den Lenkwaffen: Lockheed Martin ist mit Rheinmetall eine strategische Partnerschaft eingegangen, damit in Zukunft auch in Deutschland Munition für die Himars-Raketenartillerie oder das Patriot-Luftverteidigungssystem produziert werden kann. Ein ähnliches Versprechen machte nun Trump gegenüber der Ukraine.Auch wenn die Rhetorik des Präsidenten irritiert, besonders wenn er seine Bewunderung für den russischen Machthaber Wladimir Putin zum Ausdruck bringt: Die USA verschwinden nicht aus Europa, sondern ordnen die transatlantische Zusammenarbeit bloss neu – auch im Rüstungsbereich. Die westlichen Länder von Nordamerika über Europa nach Asien sind weiterhin eng miteinander verbunden. Das dürfte am Ende auch den Einsatz der neu produzierten Waffen gegeneinander verhindern: dem nationalistischen Zeitgeist zum Trotz.Mehr Versicherung als SicherheitsrisikoDie Weltwirtschaft hat sich aus guten Gründen diversifiziert und mit internationaler Arbeitsteilung und Wettbewerb überhaupt erst den Wohlstand geschaffen, an den wir uns gewöhnt haben. Nun rufen geopolitische Turbulenzen in Erinnerung, dass entstandene Abhängigkeiten auch zu einem Sicherheitsrisiko werden können.Europa sollte deshalb auf mehr digitale Souveränität setzen. Damit ist nicht Unabhängigkeit gemeint, sondern mehr Kontrolle in Schlüsselbereichen, um sich Handlungsfähigkeit zu bewahren. Europa sollte beginnen, seine eigenen technologischen Stärken als strategisches Mittel einzusetzen. Denn die heutige Sorglosigkeit ist zu Ende.Das zeigt sich auch in der Rüstungsindustrie. Europa muss mehr eigenständige Verantwortung übernehmen und sich stärker zusammenraufen. Aber gerade im transatlantischen Verhältnis wäre eine generelle Entkoppelung besonders unsinnig und kostspielig. Ihr Handel und die Zusammenarbeit stärken die Wirtschaft aller Beteiligten. Sie sind nicht primär ein Sicherheitsrisiko, sondern eine wirksame Versicherung gegen unsinnige Erpressungsversuche.Passend zum Artikel