Als ich das Koreanische Kulturzentrum in Berlin betrat, um eine Präsentation über die buddhistische Tempelküche zu hören, ahnte ich noch nicht, dass mir eine Nonne den deutschen Spargel schmackhaft machen würde. Die Nonne Beopsong und ihr Team waren aus ihrem Kloster in der Stadt Daejeon für einen zweitägigen Workshop nach Deutschland gereist. Beopsong saß mit ihrem traditionell rasierten Kopf und sorgfältig angelegten grauen Gewändern vor uns und erklärte mithilfe einer Übersetzerin den Ablauf des Mahls.Zweimal täglich Darbringung„Balwoo Gongyang“ bedeutet so etwas wie Schalenritual, wird zweimal täglich in den buddhistischen Tempeln Südkoreas abgehalten und macht die Hauptmahlzeiten im Kloster aus. Gongyang steht für die Darbringung und erfordert, dass man die Mahlzeit mit allen Sinnen wahrnimmt und genießt. Vor uns waren vier Schalen aus Holz ineinandergelegt, mit einem Deckel und einer Art Schärpe verschlossen, die Löffel und Stäbchen enthielt. Wir nahmen die Schüssel auseinander und platzierten sie, zwei oben, zwei unten, auf einem Tuch vor uns.In eine Schüssel kam Wasser, das zum vorsichtigen Spülen der anderen drei verwendet und dann wieder in die Ursprüngliche geschüttet wurde. Dann kamen Reis, ein Gemüseeintopf auf Doenjang-Basis (eine Art dunkle koreanische Misopaste aus fermentierten Sojabohnen) und eine köstliche Auswahl an Banchan, ein Sammelbegriff für traditionelle Beilagen wie Kimchi oder Saisongemüsen, in die restlichen Schüsseln: knuspriger Seetang mit gepufftem Mais, zweierlei Spargel mit einer cremig-nussigen Soße (das Rezept kommt unten), in Sojasud gekochte Kartoffelscheiben und Kimchi.Die buddhistische Nonne Beopsong bei ihrer Essenslektion vor einer französischen KochschuleYonhapVor der Mahlzeit ertönte ein Schlag mit einem Bambusinstrument, und wir hoben die Reisschale an die Stirn, um dem Essen unseren Respekt zu zollen. Der Eintopf war angenehm kräftig und umami durch die Doenjang-Paste. Die Banchan bildeten einen wohltuenden Kontrast. Nach der Mahlzeit nahmen wir das Wasser aus der vierten Schale, spülten die anderen vorsichtig durch und tranken es, um so viele Spuren unseres Essens zu entfernen wie möglich.Tradition und InnovationDie buddhistische Tempelküche blickt auf eine 1700-jährige Geschichte zurück und hat sich seither kaum verändert. Die Grundprinzipien besagen, dass bis auf Milch und Honig, welche aufgrund ihrer Kostbarkeit selten serviert werden, nur pflanzliche Zutaten verwendet werden dürfen. Eine Ausnahme bilden Zwiebelgewächse wie Knoblauch, Frühlingszwiebeln oder Bärlauch, die als zu stimulierend fürs Klosterleben gelten. Bei der Meditation soll der Geist frei und der Kopf gedankenleer sein – da kann eine Knoblauchfahne durchaus störend sein.Doch auch die Tempelküche verschließt sich nicht den Innovationen. Solange die Zutaten nicht gegen die Regeln verstoßen, können sie einen Platz in dieser alten Praktik finden. Beopsong freut sich jedes Mal, wenn sie im Zuge ihrer Reisen neue Zutaten in ihre Tempelküche integrieren kann. „Ich mag die Herausforderung, mit neuen, unbekannten Zutaten kochen zu können“, sagt sie. „In Frankreich hatte ich eine so scharfe Chili probiert, dass ich sie erst in Wasser einlegen musste, um sie genießbar zu machen. Alles schmeckt anders als zu Hause.“Disziplin ohne EintönigkeitIm Kloster sind immer drei Nonnen oder Mönche für das Kochen der Mahlzeiten zuständig. Es wird zweimal täglich frisch gekocht aus selbst geernteten, gespendeten und ein paar wenigen eingekauften Zutaten. Eine Person ist nur für den Reis, eine für den Eintopf und eine für die Banchan zuständig. „Alle achten darauf, ihre Aufgaben sorgfältig zu erledigen“, erklärte mir Beopsong in einem anschließenden Gespräch. „Damit es aber nicht zu eintönig wird, werden diese Aufgaben alle drei Monate durchrotiert.“Ein Grundprinzip des Buddhismus ist der Verzicht oder die Reduktion irdischer Freuden. Manche Mönche und Nonnen essen zum Beispiel nur so viel, dass sie kein Hungergefühl mehr verspüren. So strikt halten es nicht alle. Beopsong verschließt sich auch zum Beispiel nicht den Künsten und geht gern zu Konzerten oder Kunstausstellungen, wenn es sich ergibt. „Nudeln sind meine Leibspeise, und wenn es diese gibt, mache ich auch mal den obersten Knopf meiner Hose auf“, sagt die Nonne verschmitzt. Doch trotz kleiner, irdischer Freuden ist Beopsong glücklich über den geistlichen Pfad, den sie gewählt hat: „Nach 30 Jahren im Kloster kann ich mit gutem Gewissen sagen, dass ich nichts aus meinem alten Leben vermisse.“Rezept zum NachkochenIn Korea bringt der Frühling viele neue Wurzeln und Gemüsesorten, deshalb ist er die liebste und abwechslungsreichste Jahreszeit für Beopsong. Ihr Besuch in Berlin fiel auf den Beginn der Spargelzeit, weshalb sie ein erfrischendes Gericht aus grünem und weißem Spargel zubereitete. „Der Spargel hier ist öliger, als ich es von zu Hause gewohnt bin, deshalb habe ich das Rezept etwas angepasst“, erklärte Beopsong. Das folgende Gericht gilt als Banchan, eine Auswahl an kleinen Begleitspeisen in der koreanischen Küche. Ein Bestandteil ist eine Creme aus dem Öl und den gemahlenen Samen der Perillapflanze (in asiatischen Märkten zu finden) und pürierten Sojabohnen.Spargelsalat mit Perillasamen-Sojabohnen-Dressing(für 2 Personen)Zutaten:500 g frischer Spargel (grün und weiß, falls verfügbar), holzige Enden entfernt und in mundgerechte Stücke geschnitten200 g getrocknete Sojabohnen (am besten über Nacht einweichen)1 Schale Eiswasser zum AbschreckenFür das Dressing:2 EL Perillaöl3 EL koreanische oder helle Sojasoße2 EL Reissirup (Jocheong)7 EL gemahlene Perillasamen (alternativ gemahlene Leinsamen verwenden)Salz nach GeschmackZubereitung:1) Weichen Sie die getrockneten Sojabohnen am besten über Nacht in reichlich Wasser ein. Gießen Sie sie anschließend ab, kochen Sie sie in frischem Wasser weich (ca. 30–40 Minuten, je nach Größe), lassen Sie sie dann abkühlen, und pürieren Sie sie fein, bis eine cremige Masse entsteht.2) Bringen Sie in einem Topf Wasser zum Kochen, salzen Sie es leicht, und blanchieren Sie den Spargel darin 5 Minuten, sodass er bissfest bleibt. Schrecken Sie ihn danach sofort im Eiswasser ab, um die Farbe zu erhalten, und lassen Sie ihn gut abtropfen.3) Verrühren Sie in einer Schüssel Perillaöl, Sojasoße, Reissirup und die gemahlenen Perillasamen gründlich. Rühren Sie das pürierte Sojabohnenmus unter, bis ein cremiges Dressing entsteht. Schmecken Sie es mit Salz ab.4) Geben Sie den abgetropften Spargel in eine Schüssel, geben Sie das Dressing darüber und vermengen Sie alles vorsichtig, aber gründlich. Genießen Sie es bei Raumtemperatur oder leicht gekühlt.