Digitec Galaxus löscht 380 000 Produktbewertungen – der Auslöser heisst «Kevin»Beim grössten Schweizer Onlinehändler dürfen ab sofort nur noch Käufer Produkte bewerten. Damit schärft Digitec Galaxus sein Profil gegenüber Billigplattformen wie Temu.09.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDer grösste Schweizer Onlinehändler will seine Produktbewertungen künftig stärker an echte Käufe binden.Mathias Förster / CH MediaBewertungen haben in der Onlinewelt grosses Gewicht. Der Uber-Fahrer, das Hotelzimmer, der im Internet gekaufte Staubsaugerroboter: Zu fast allem kann man heute seine Meinung abgeben. Sterne und Kommentare sollen dem nächsten Nutzer eine Orientierung geben. Sie beeinflussen, ob ein Produkt gekauft, ein Zimmer gebucht oder ein Anbieter gemieden wird.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In der Schweiz hat kaum ein Unternehmen den Wert solcher Bewertungen so stark herausgestrichen wie Digitec Galaxus. Der Onlinehändler, der zu einem Grossteil der Migros gehört, nutzt Rezensionen seit Jahren auch in der Werbung. Auf Plakaten und in Onlinekampagnen zitiert Digitec seine Nutzer – nicht nur mit Lob, sondern auch mit schrägen, wütenden oder unfreiwillig komischen Urteilen. Die Botschaft lautet: Auf dieser Plattform spricht die Kundschaft offen darüber, wie gut ein Produkt wirklich ist.Nur noch Bewertungen von KäufernDoch an gewissen Bewertungen gab es offenbar Zweifel. Nun passt Digitec Galaxus die Regeln an, wie am Montag kommuniziert wurde: Ab sofort darf ein Produkt nur noch von Personen bewertet werden, die es beim Onlinehändler gekauft haben. Gleichzeitig löscht das Unternehmen alle bisherigen Rezensionen, die nicht von Käufern stammen. Das betrifft rund 380 000 Bewertungen. Das sind knapp 4 Prozent des gesamten Bestands.Den konkreten Anstoss gab laut Digitec Galaxus ein Einbrecherschutz mit dem Namen «Kevin». Das Produkt hatte auf der Plattform auffallend gute Bewertungen erhalten. Sie stammten allerdings von Personen ohne Kaufnachweis. Der Händler ging der Sache nach und stellte fest, dass mehrere Rezensionen von Mitarbeitenden des Herstellers oder aus dessen Umfeld stammten.«Kevin» sei aber nur der Anlass für die Umstellung gewesen. Die eigene Redaktion habe schon früher ähnliche Fälle aufgedeckt, schreibt Digitec Galaxus.Bewertungen als GeschäftMit der Einschränkung der Bewertungsmöglichkeiten geht Digitec Galaxus ein verbreitetes Problem an. Je wichtiger Bewertungen werden, desto grösser ist der Anreiz, sie zu beeinflussen. Unternehmen können eigene Produkte loben, ohne dass dies erkennbar ist. Konkurrenten können schlechte Bewertungen streuen. In manchen Fällen wird daraus sogar ein Geschäft: SRF berichtete vor einigen Monaten über Onlinebanden, die Schweizer KMU mit Ein-Stern-Bewertungen unter Druck setzten.Der grösste Schweizer Onlinehändler liess Bewertungen bisher sehr offen zu. Wer ein Nutzerkonto hatte, konnte ein Produkt bewerten, auch ohne es auf der Plattform gekauft zu haben. So sollten möglichst viele nützliche Meinungen zusammenkommen. Rezensionen von Käufern waren zwar gekennzeichnet, doch in die Gesamtbewertung der Produkte flossen alle Stimmen ein. Richtlinien gegen Missbrauch gab es, doch liessen sie sich in der Praxis schwer durchsetzen. Oft brauchte es Hinweise anderer Nutzer, die auf Ungereimtheiten aufmerksam machten.Einbrecherschutz brachte das Fass zum ÜberlaufenMit der Beschränkung auf verifizierte Käufer löst Digitec Galaxus das Problem nun weitgehend. Auf manchen Plattformen ist ein solches System längst üblich: Einen Uber-Fahrer kann nur bewerten, wer mit ihm gefahren ist. Bei Airbnb gilt dasselbe für gebuchte Unterkünfte. Im klassischen Onlinehandel ist die Praxis weniger einheitlich. Laut Alexandra Scherrer von der E-Commerce-Beratungsfirma Carpathia werden verifizierte Käufe typischerweise gekennzeichnet; Amazon gewichte solche Bewertungen zudem stärker.Für Scherrer ergibt der Schritt von Digitec Galaxus Sinn. Vertrauenswürdige Bewertungen seien eine zentrale Währung im E-Commerce. Plattformen müssten deshalb sicherstellen, dass Ratings tatsächlich die Erfahrungen echter Kunden widerspiegelten.Transparenz als MottoBemerkenswert findet Scherrer, dass Digitec Galaxus nicht nur die Regeln für künftige Bewertungen ändert, sondern auch den bestehenden Bestand bereinigt. Das zeige, dass der Händler das Thema Vertrauen umfassend angehe. Der Onlinehändler verfüge mit seiner aktiven Community über genügend echte Transaktionen, um auch künftig eine hohe Zahl relevanter Produktbewertungen zu generieren.Die Massnahme passt zu anderen Transparenzinitiativen des Händlers. Seit Herbst 2021 legt Digitec Galaxus die Preisentwicklung von Produkten offen. Das soll Kundinnen und Kunden helfen, Scheinrabatte zu erkennen. Anfang 2023 kamen Angaben zu Retouren und Garantiefällen hinzu. Seither zeigt der Händler, wie häufig Produkte zurückgeschickt werden, wie oft sie während der Garantiefrist Probleme machen und wie lange die Abwicklung eines Garantiefalls dauert.Die Angaben sind auch eine Form der Abgrenzung. Der Onlinehandel wird derzeit stark von Billigplattformen wie Temu geprägt. Über den Preis kann Digitec Galaxus nicht gewinnen und setzt deshalb stärker auf Verlässlichkeit, lokale Verankerung und Informationen, die beim Kaufentscheid helfen sollen.Das kommt offenbar gut an. Die Schweiz gehört laut Scherrer zu den wenigen europäischen Märkten, in denen sich Amazon nicht als unangefochtener Marktführer durchgesetzt hat. Stattdessen hat sich mit Digitec Galaxus ein nationaler Anbieter an die Spitze gesetzt. Im vergangenen Jahr erzielte das Unternehmen einen Plattformumsatz (im In- und Ausland) von 3,8 Milliarden Franken, 17 Prozent mehr als im Vorjahr.Passend zum Artikel
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