Schwimmen, untergehen, von einer Welle durchgenudelt werden, aber sich wieder an die Oberfläche kämpfen, dann plötzlich Auftrieb haben, schweben, in den Himmel gehoben werden, gleiten, fallen: Kaum eine Musik der letzten Jahrzehnte evoziert so starke und so wechselhafte körperliche Empfindungen und traumhafte Elementarsituationen wie die von Tori Amos.Der 1962 in North Carolina Geborenen, die man vom Wesen her wohl als Jazzpianistin bezeichnen darf, gelingt dies teils schon durch ihre Klavierkunst, vollends aber erst durch das Gesamtarrangement ihrer zwischen den Genres pendelnden Werke, in denen auch ihr exzentrischer Gesang, dann vor allem das Schlagzeug, außerdem Bass und Synthesizer tragende Rollen spielen.Eine Ode an MinnesotaDas war auf dem 1992 erschienenen Debüt „Little Earthquakes“ schon so, und es ist bis heute so: Jetzt wieder auf ihrem neuen Album „In Times of Dragons“, das mit siebzehn Songs schon in der Anlage wuchtig wirkt, erst recht aber in der Ausführung, der musikalischen wie der lyrischen.Die titelgebende Drachenzeit bleibt zumeist vage und daher vieldeutig zwischen historischen und aktuellen Bezügen; einmal wird sie aber doch konkreter bei der „Ode to Minnesota“, die sich explizit auf jüngste Ereignisse in dem amerikanischen Bundesstaat bezieht, der unter dem Wüten der paramilitärischen ICE-Beamten besonders zu leiden hat. „Pink rabbits bathed in spearmint / ICE breathes in Fire’s wind“, singt sie darin, wiederum die Elemente und Sprachbilder durcheinanderwirbelnd.Wo ist das Mädchen, das „Silent All These Years“ schrieb?In zweierlei Hinsicht kann Tori Amos auf dem neuen Album auch an frühe Schlüsselwerke wieder anknüpfen: nämlich sowohl an deren lyrische Wut und Widerständigkeit als auch an deren umwälzende rhythmische und melodische Kraft. Gleich das Eröffnungsstück „Shush“ schildert eine Wiederbegnung mit dem früheren Ich: „I knew a girl who wrote‚Silent All These Years‘ / Where is she? / Ooh, where is she?“Tori Amos: „In Times of Dragons“ Fontana„Silent All These Years“ war 1992 eines der Aufbruchslieder von Tori Amos, das davon handelte, nicht mehr still zu sein, seine Stimme zu finden. „Shush“ nun zitiert im Gegensatz dazu immer wieder einen mundtotmachenden Ausspruch, der wohl jungen Frauen gilt: „You put a finger on those beautiful lips / We both know what they’re good for, don’t we?“Aber die Texte und Songs auf dem neuen Album wirken dann wie eine demonstrative Antwort der nicht Stillhaltenden und nicht Schweigenden, die teils mit feministischem Furor, teils mit abgeklärter Milde singt, einmal auch: „Once I was beauty, am I now the beast?“Fast einlullend, dann mit Vaudeville-SpielfreudeBiestig wirken auf diesem Album allenfalls die immer noch sehr überraschenden Taktwechsel und Melodiebrüche, die in einem Lied wie „Gasoline Girls“ den wie zerhackt wirkenden Strophen einen eingängigen Refrain gegenüberstellen. Bei „Strawberry Moon“ kann Tori Amos sogar fast einlullend singen, bevor sie in dem entfernt an die Beatles erinnernden „Fanny Faudrey“ die schiere Spielfreude eines Vaudeville-Stücks mit einer feministischen Ballade verbindet.Die Platte hält noch viele weitere Abwechslungen bereit. „Song of Sorrow“ kommt einer tröstlichen Hymne so nahe, wie es bei dieser sarkastischen Sängerin eben möglich ist. „I invited you in, I invited you in, yes I did“, singt sie da mantrahaft über die bösen Geister, die sie hereingelassen hat und nicht mehr loswird. „Will I still be standing?“, fragt sie zaudernd in „Provincetown“. Mit Elton John könnte man antworten: Still standing, ziemlich aufrecht. Ein opaker Song mit dem vielsagenden Titel „Pyrite“ (etwa: Narrengold) vereint dann so ziemlich alle Qualitäten, die an Amos so zu schätzen sind: den rastlos-treibenden Breakbeat, eine dem Fusion-Jazz eigene Extravaganz und den abgeklärt-hintergründigen Gesang.Nachdem „Flood“ und „Song of Sorrow“ noch mal in tiefste Tiefen führten, hebt schließlich das beste Stück „Tempest“ das Album auf eine neue Ebene. Es wirkt mit seinen rollenden Piano-Arpeggien und Breakbeats wie eine Reprise des wohl bekanntesten Liedes von Tori Amos, nämlich „Cornflake Girl“, das 1994 die Independent-Musikerin in den Mainstream schleuderte und weltberühmt machte, obwohl es – unter anderem – auch vom Widerstand gegen Anpassung und Mainstream handelt. Aber während der albtraumhafte Text von „Tempest“ das lyrische Ich erst in den Sturmstrudel zieht, kann es sich letztlich doch befreien: „She’s hit the road / To form her own“. Es ist, als ermutige die gereifte Tori Amos hier noch mal frisch alle im Wind Stehenden: Lasst Euch nicht treiben, haltet dagegen und schafft etwas Eigenes.Tori Amos: „In Times of Dragons“. Fontana (Universal)