Es beginnt mit einem Avatar. Helene, in dieser Version noch mehr als sonst ganz griechische Göttin, glänzt noch vor Konzertbeginn von den vier gigantischen Monitoren über der Bühne als silberne Büste. Ein seltsam fluides Mischwesen mit geschlossenen Augen, irgendwo zwischen weiblicher Oskar-Trophäe und bezopftem Humanoid.In ihrem Antlitz, das wird viel später in der Nacht deutlich, wenn es bereits dunkel ist an diesem überheißen Sommerabend ums Frankfurter Waldstadion herum, ist viel Wahrheit enthalten. Denn das Gesicht von Helene Fischer hält über zwei Stunden lang allen Unbillen der bisweilen akrobatisch-kühnen Darbietung ihres Hitfeuerwerks stand.Über ihren Lebensweg ließe sich ein Musical schreibenAnders als bei den sie begleitenden Tänzern in angesichts der Hitze unerhörten Kostümen ist kein Schweißtropfen auf dem perfekten Make-up ihrer antikisch ebenmäßigen Gesichtszüge zu sehen, was das Übermenschliche ihrer Erscheinung noch betont. Wie auch ihr zirkushaftes Einschweben am Seil von der Decke der Arena, über das die über 50.000 textsicheren Zuschauer ebenso im Bilde zu sein scheinen wie über die nächste Liedzeile, denn alle Blicke respektive Smartphones sind pünktlich um 20.18 Uhr Ortszeit nach schräg oben gerichtet, von wo die schöne Helene Richtung Bühne hinabgleitet, um ihr zweites Frankfurter Konzert in Folge spektakulär zu beginnen.Die demonstrative Menschwerdung dieser späten Wiedergängerin der Tochter des Zeus geschieht dann relativ schnell, bei der freundlichen Begrüßung der Menge im Lokalkolorit. „Ei Gude“ intoniert sie in nahezu akzentfreiem Hessisch, „Ihr Lieben“, so spricht sie das Publikum an und erklärt im Folgenden, wie dankbar sie sei, nach zwanzig Jahren an jenen Ort in ihrer Karriere zurückzukehren, wo alles begann: mit ihrer Ausbildung zur Musicaldarstellerin an der „Stage & Musical School“.Über der Bühne ist Helene Fischer auch als Avatar zu sehen.Matias BasualdoHeute könnte man wahrscheinlich über sie selbst ein Musical schreiben, das märchenhaft den Aufstieg der in Sibirien geborenen Tochter von Russlanddeutschen nachzeichnen würde, wie sie ganz bescheiden im rheinland-pfälzischen Wöllstein aufwächst, in Theater-AGs ihre ersten Schritte auf der Bühne wagt und heute einer der erfolgreichsten deutschen Schlagersängerinnen mit über 18 Millionen verkauften Tonträgern ist.Eine Art Wildwest-Amazone im Circus MaximusEinen ersten Eindruck vom Soundtrack dieses imaginären Musicals, dessen Arbeitstitel zum Beispiel „Die Menschenfischerin“ lauten könnte, kann man sich an diesem Abend in Frankfurt machen, der mit ihrem von heute aus gesehen vorausschauend interpretierbaren ersten Hit „Feuer am Horizont“ beginnt.„Da ist ein Feuer am Horizont“, heißt es da, „das keine Grenzen kennt / Sehnsucht, die nie mehr schweigt / Die tief im Herzen brennt.“ Feuerrot ist auch ihr erstes Kostüm, das aus unzähligen Lederlamellen besteht und aus ihr mit kniehohen Lackstiefeln eine Art Wildwest-Amazone im Circus Maximus macht. Die zur Show auf den Monitoren eingeblendeten Animationen machen aus ihr eine abstrakte Spielkarte, dank der Farbe assoziiert man sofort die Herz-Dame. Und ein weiteres Leitmotiv ihrer Show ist da zu sehen, das Zwinkern mit dem Auge, das in die perfekte Schlagerseligkeit in der Schunkelheit der Menge einen seltsamen Sinnriss in der Performance entstehen lässt.„Mir läuft die Supp“Wem gilt die Geste, die einst jedes Cover der englischen Pop-Gazette „i-D“ zierte? Dem allwissenden Betrachter, der weiß, dass vielleicht alles nicht so schlagerernst gemeint ist, wie es klingt? Beziehen die Zuschauer es als sexy Meme auf sich, das konspiratives Einverständnis mit jedem Einzelnen von ihnen bedeutet? Weil es so brüllend heiß ist, „bei euch da ist doch auch bestimmt über vierzig Grad, von wegen Dreißiger“, so Helene, wirft sie die Lamellen bald ab. „Mir läuft die Supp“, erklärt sie dazu wiederum in perfektem Hessisch. Um 20.47 Uhr wird das erste Hitzeopfer von Sanitätern abtransportiert.Wie eine im Disco-Beat pumpende Hommage an die britischen Superproduzenten Stock Aitken Waterman verschmilzt sie mehrere Hits zu einem Medley, eine Cuvée ihrer größten Erfolge, die deutlich macht, wie nahtlos sich die Songs dank gleichem Rhythmus aneinanderreihen lassen. Allein die Titel des Medleys ergeben ein eigenes Gedicht: „Hundert Prozent / Mitten im Paradies / Die Hölle morgen früh / Von hier bis Unendlich / Ich will immer wieder dieses Fieber spür’n.“Lack und Leder: Helene Fischer tanzt in Frankfurt.Matias BasualdoEs ist dieses obstinate wummernde House-Bollern, das neuerdings auch die Schlagerwelt kennzeichnet und vom Publikum, viele passend zum späteren Spiel der Nationalmannschaft im Fußballtrikot, mit frenetischem Klatschen und Mitsingen bejubelt wird. Wie sagt sie es in eigenen Worten: „Wir wollen natürlich immer mit dem Trend gehen.“ Und ist begeistert, „mit über 40 noch Tiktok-Star zu werden“. Aber Helene kann auch anders, was sie im Latin-Medley beweist, Oktoberfest meets Buena Vista Social Club sozusagen, in das plötzlich auch vertraute Popsplitter aus fremden Federn wie Coldplays „Viva la Vida“ erklingen oder Chocolates „Ritmo de la Roche“ mit Verona Feldbusch. Dazu Helene: „Frankfurt, lasst mal eure Hüften kreisen.“Generationenübergreifender SchulterschlussDas machen auch die zwei blonden Frauen vor mir, beide im gleichen Look, Jeans-Hot-Pants, graue Wildleder-Cowboyboots und dazu das weiße Helene-Fischer-Konzert-Shirt mit heutigem Datum am Ärmel, sicher beste Freundinnen, denke ich. Die haben sich das Teil gerade erst gekauft und gleich im Waschraum angezogen, echte Fans eben. Da drehen sie sich beide beim Tanzen zur Seite und ich finde den Fehler: Es sind Mutter und Tochter, ein generationenübergreifender Musikschulterschluss im Zeichen des Herzens, ein weiteres Leitmotiv, das überdeutlich wird – in der positiven Energie des Abends, die Helene fortwährend lobt. „Es ist so schön, mit euch zu schwitzen!“Am Ende jeder Ausgabe der „Hitparade“ moderierte TV-Legende Dieter Thomas Heck dem wahlberechtigten Publikum zur Erinnerung an die einzelnen Titel kurze Einspielungen an, um die Entscheidung zur nächsten Nummer 1 zu erleichtern. Der Star, der nach seiner Darbietung im Publikum Platz zu nehmen hatte, erhob sich zu diesen Reprisen-Snippets höflich, nickte lächelnd nach allen Seiten, und als Krönung wurde seine Postadresse für Autogrammwünsche eingeblendet. Bei Helene Fischers zweistündiger Hitparade ihrer selbst werden mit nicht immer hundertprozentig der Wahrheit entsprechenden Statements vom Publikum ganz andere Sachen eingefordert: „Habe heute Geburtstag, Selfie und Umarmung wäre ein Traum“ steht auf dem Plakat eines Mannes, der wahrscheinlich eifersüchtig auf das eine Mädchen ist, das wiederum nicht ihres, sondern Helenes 20. Bühnenjubiläum feiert und ein Selfie von der Bühne mit ihrem Smartphone bekommt.Zwischen ABBA und Drafi DeutscherWiedererkennbarkeit war von jeher wesentlicher Bestandteil des Erfolgs in der Schlagerwelt. So klingt in „Und Morgen früh küss ich Dich wach“ ABBAs „Fernando“ an, und im absoluten Überhit „Atemlos durch die Nacht“ kann der popkundige Hörer im „Uh-Oh“ ein Echo von Drafi Deutschers „Dam-Dam“ erlauschen.Der Höhepunkt der Show kommt direkt nach „Atemlos“: eine Zirkusnummer mit ihrem Ehemann Thomas Seitel „An meiner Seite“, ein Luftakrobat, der seine Karriere beim Cirque du Soleil begann und sie, auch das eine der aussagekräftigsten Szenen des Zukunfts-Musicals, beim Vortanzen kennen- und lieben lernte. Wie sie da beide als Trapez-Akt durch die Luft schweben und sich fortwährend aneinander ineinander verhaken, liebkosen, hoch im Arena-Himmel, dass alle trotz der Hitze die Luft anhalten, wird die Darstellung mit dem Dargestellten eins.Spätestens in diesem Moment wird auch klar, dass die Herzschmerz-Welt ihrer Texte, in denen sie „in zerriss’nen Jeans um die Häuser“ zieht, hinter ihr liegt, der Hochseilakt des Paars ist minuziöse Akrobatik in perfekter Inszenierung, die nichts mehr mit diesem „mich total verlier’n, nichts mehr kontrollier’n“ zu tun hat. Den Schlusspunkt setzt sie nach dem letzten Kostümwechsel mit ihrem neuesten Hit und dem aus ihrem Video bekannten schwarzen Paillettenkleid, das aus zersprungenen Vinyltonträgern zu bestehen scheint, ein Bild nicht nur für die Sprengkraft des Schlagers, sondern auch für dessen Qualität des Zusammengesetzt-Seins aus Versatzstücken der Musik allgemein. „Heute Nacht“ heißt das Stück, und wer laut genug singt, kann dank der verwandten Harmonie die Überhymne „Paninero“ dazu intonieren und sich vielleicht einen Moment wieder in der Popgeschichte zu Hause fühlen. Oder mit den Worten Helenes selbst: „Dank euch werde ich heute beseelt schlafen gehen.“