„Wenn ich einmal reich wär’“, träumt der arme Milchmann Tewje im Musical „Anatevka“, und vielleicht summte im Sommer 2005 auch eine junge Darstellerin im Hof des Dominikanerklosters in Frankfurt die beliebte Melodie mit. Das Volkstheater Frankfurt führte damals von Juni bis August das auch unter seinem Originaltitel „Fiddler On The Roof“ bekannte Stück von Joseph Stein und Jerry Bock bei seinen Freilichtspielen auf. Zum Ensemble gehörte neben Schlagerstar Tony Marshall in der Hauptrolle auch eine 20 Jahre alte Schauspielerin, die einigen Zuschauern vielleicht schon einmal im Fernsehen aufgefallen war, hatte sie doch am 14. Mai 2005 bei ihrer TV-Premiere beim „Hochzeitsfest der Volksmusik“ in der ARD ein Duett mit Moderator Florian Silbereisen gesungen. Einen Plattenvertrag hatte sie da auch schon unterschrieben, allerdings noch kein Lied veröffentlicht. Wie die Bühnenfigur Tewje hatte Helene Fischer also vor allem die Hoffnung auf eine günstige Fügung des Schicksals.21 Jahre später ist Helene Fischer ein Massenphänomen. Laut Schätzungen kennen neun von zehn Deutschen den Namen der Sängerin, die mittlerweile Millionen Alben verkauft hat und mit ihren Konzerten nicht nur Hallen, sondern ganze Stadien füllt. Vom 10. Juni bis 17. Juli wird sie mit ihrer 360-Grad-Tour an insgesamt 16 Terminen die Arenen in elf Städten in Deutschland, Österreich und der Schweiz bespielen und dabei auch ihr neues Lied „Heute Nacht“ präsentieren, das gewiss nicht ganz zufällig auch offizieller WM-Song von Magenta TV zur anstehenden Fußballweltmeisterschaft ist.Nationales Kulturgut: Fischer und die Fußballweltmeister 2014 sind „atemlos“ in Berlin.dpaDiese Kooperation mit der Deutschen Telekom zeigt beispielhaft, dass Fischers Karriere keineswegs eine Laune des Schicksals ist, sondern schon seit ihren Anfängen vor zwei Jahrzehnten ausgeklügelten Plänen folgt, hinter denen maßgeblich der aus der Nähe von Aschaffenburg stammende Musikmanager Uwe Kanthak steckt, der aus seiner Tätigkeit für eine Schallplattenfirma und als Programmdirektor eines privaten Radiosenders schon früh über vielfältige Kontakte in der Showbranche verfügte, bevor er in Frankfurt eine eigene Agentur für Künstlermanagement gründete.Bei dieser Agentur landete 2004 eine Bewerbungs-CD, auf der eine junge Sängerin den Jennifer-Rush-Hit „The Power Of Love“ intonierte. Abgeschickt worden war die CD mit dem Demo von Helene Fischers Mutter Maria, die die künstlerischen Ambitionen ihrer Tochter unterstützen wollte. Die hatte schon in der Schule in Theater-AGs mitgemacht und sich dann von 2000 bis 2003 drei Jahre lang bis zur Bühnenreifeprüfung an der heute nicht mehr existierenden Stage & Musical School in Frankfurt zur Musicaldarstellerin ausbilden lassen. Deren Jobaussichten in einem umkämpften Markt waren allerdings bescheiden, weshalb die Konzentration auf eine Sängerkarriere mehr als eine Option erschien.Deutschsprachige Schlager statt internationale PopsongsKanthak hörte in der Stimme denn auch einiges Potential, allerdings nicht etwa für internationale Popsongs, sondern für deutsche Schlager. Schon länger hatte der Manager die Idee verfolgt, das zur Parodie verkommene, jeden Sinns und jeden Witzes beraubte Genre zumindest zu verjüngen und zu modernisieren, um so neue Zielgruppen zu erschließen. Mit der ebenfalls von ihm betreuten Sängerin Michelle war ihm dies fast schon einmal gelungen, doch sollte es Helene Fischer sein, die sich als das nötige Zugpferd erweisen würde. Die war, wie sie später einmal in einer Fernsehdokumentation gestand, allerdings erst gar nicht begeistert, sich vor den gedachten Karren spannen zu lassen, sondern völlig entsetzt, als ihr Kanthak zu Schlager und zu „Musikantenstadl“ statt zu einer Popstar-Karriere riet. Doch die Sängerin erkannte die Nische, die Kanthak mit dem jungen, frischen Gesicht besetzen wollte, und ließ sich mit aller Professionalität darauf ein.Diese Professionalität ist längst zu Fischers Markenzeichen geworden. Gleich nach ihrem Engagement beim Volkstheater Frankfurt ging sie von Herbst 2005 bis Frühjahr 2006 mit der „Fest der Volksmusik“-Show auf große Tournee durch Deutschland, war sich nicht zu schade, ihre erste Bekanntheit für Auftritte in Einkaufszentren oder bei Volksfesten zu nutzen, und brachte mit dieser Tingelei ihr bei der Branchengröße EMI (mittlerweile Universal) veröffentlichtes Debütalbum „Von hier bis unendlich“ sofort in die Charts und zu Goldene-Schallplatte-Ehren. Die Lieder hatte allesamt der Frankfurter Schlager-Haudegen Jean Frankfurter (eigentlich Erich Ließmann) komponiert und produziert, von dem auch zahlreiche Hits für Schlagersänger wie Bata Ilic, Rex Gildo, Costa Cordalis und Nicole stammten. Und für die Texte sorgten mit Irma Holder und Kristina Bach zwei bewährte Kräfte, die gleichfalls schon für etliche Größen des Genres Herz auf Schmerz gereimt hatten.Die Kombination von jungem Talent und erfahrenem Team erwies sich auch beim zweiten Album „So nah wie Du“ als Erfolgsformel und bescherte der im sibirischen Krasnojarsk geborenen und im rheinland-pfälzischen Wöllstein aufgewachsenen Sängerin die nächste Goldene Schallplatte. Noch wichtiger als die Schallplattenverkäufe sollten für Fischer aber schon bald ihre Konzerttourneen werden. Schon 2007 absolvierte sie ihre erste Solotour, die half, ihre Bekanntheit weiter zu steigern. Regelmäßige Auftritte bei Shows im Fernsehen taten ein Übriges, und gerade die bunten Blätter waren entzückt, als 2008 publik wurde, dass Fischer und ihr einstiger Duettpartner, der Moderator und Sänger Florian Silbereisen, ein Paar sind.Helene Fischer als Marke angemeldetDie wachsende mediale Aufmerksamkeit verstanden Fischer und ihr Manager Kanthak schon früh geschickt zu vermarkten. 2009 wurde Helene Fischer als Marke beim Marken- und Patentamt angemeldet, was den Verkauf von Fanartikeln zur Goldgrube werden ließ. Auch als Werbefigur war die Sängerin schon bald gefragt, was den Erfolg des Unternehmens Helene Fischer weiter befeuerte und der sich doch noch vergleichsweise klein ausnahm gegen das, was im Herbst 2013 geschah. Am 4. Oktober jenes Jahres veröffentlichte Helene Fischer mit „Farbenspiel“ ihr sechstes Studioalbum. Produziert hatte es wieder Jean Frankfurter, mit dessen Hilfe die Sängerin schon früher die Grenzen des Schlagers hin zu Europop und Diskothek erweitert hatte und auf knalligere Beats als im Schunkelgenre sonst üblich setzte. Bestes Beispiel dafür war ein Titel auf dem Album, den Kristina Bach komponiert hatte: „Atemlos durch die Nacht“.Längst eine Marke: Helene Fischer mit ihrer eigenen Barbie-PuppedpaMit mehr als einer Million verkaufter Einheiten gehört der Titel nicht nur zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Liedern überhaupt in den Hitparaden, er vervollkommnete auch Kanthaks Plan von der Modernisierung eines Genres. Nun hörten auch Menschen Fischers Deutschpop, die sich gegen Schlager noch verwehrt hätten. Als dann auch noch die deutsche Fußballnationalmannschaft nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft 2014 das Lied zu einem ihrer Favoriten erklärt hatte und Fischer es live beim Empfang der Mannschaft in Berlin sang, war es quasi zum nationalen Kulturgut erhoben.Und es diente als ein weiterer Magnet für Fischers Konzerttourneen. Die lockten immer größere Massen, mehr als 800.000 Besucher waren es bei den 22 Konzerten der „Farbenspiel-Stadion-Tour 2015“, auf jeden Fall ein Geschäft im mittleren zweistelligen Millionen-Euro-Bereich. Für ihr Eintrittsgeld bekamen die Zuschauer aber auch ein Spektakel geboten. Schon für ihre vorherige Tour hatte Fischer amerikanische Tänzer in Los Angeles gecastet, weil die von ihr gewünschte Qualität in Deutschland nicht zu finden war. Auch Inspiration für ihre Shows holt sie sich lieber in Las Vegas und setzt damit neue Standards für Produktionen in Deutschland, die sie 2022 mit ihrem Wechsel vom deutschen Tourveranstalter Semmel Concerts Entertainment zum internationalen Branchenriesen Live Nation sogar noch erweiterte.Zusammenarbeit mit dem Cirque du SoleilSchon ihre Tour 2017 konzipierte sie gemeinsam mit einem Tochterunternehmen des berühmten kanadischen Cirque du Soleil und unterzog sich dafür auch selbst einem harten Artistentraining, um bei den Showeinlagen mitwirken zu können. Die Konzerte waren ein Renner und katapultierten Fischer in die Liga der weiblichen Topstars von Weltrang. Sowohl die „New York Times“ als auch das „Forbes Magazine“ führten Fischer 2018 jeweils auf Platz acht der einkommensstärksten Sängerinnen des Jahres, als einzige nicht englischsprachige Künstlerin.Die Corona-Pandemie war allenfalls eine Verschnaufpause in der Rekordjagd Fischers, die mittlerweile den Luftakrobaten Thomas Seitel geheiratet hat und Mutter zweier Töchter geworden ist, fast nebenbei aber auch weiterhin Maßstäbe im deutschen Tourneewesen setzt. So gab sie im August 2022 auf dem Messegelände in München vor 130.000 Zuhörern das bisher größte Konzert ihrer Karriere und lockte 2023 mit einer vom Cirque du Soleil inszenierten Show bei insgesamt 71 Konzerten, von denen sie jeweils fünf hintereinander in einer Stadt gab, abermals Hunderttausende Fans in die Hallen.Solcher Zuspruch ist nun auch das Ziel bei der anstehenden Stadiontour, bei der Fischer weniger auf Spektakel setzen will, wie sie auf eine Frage der F.A.Z. antwortet: „Die Musik steht diesmal noch stärker im Mittelpunkt. Natürlich wird es auch visuelle Elemente geben – das gehört zu meinen Shows einfach dazu. Aber die neue Tour lebt vor allem von der besonderen Nähe zum Publikum. Die 360-Grad-Bühne verändert die Dynamik komplett. Man steht nicht mehr vor den Menschen, sondern mitten unter ihnen.“ Willkommener Nebeneffekt einer solchen Bühnenkonstruktion: Es passen noch mehr Konzertbesucher in die Arenen, wie schon bei den Tourneen von Ed Sheeran und nun aktuell von Metallica zu beobachten gewesen ist. Rekorde wollen nun mal gebrochen werden.