Bettina ist ein Helene-Ultra. Eine der treuesten Anhängerinnen der Schlagersängerin Helene Fischer. Das erkennt man auch daran, dass sie lediglich von „Helene“ spricht, als wäre sie eine gute Freundin. „Ich habe Helenes Song ‚Luftballon' sogar auf der Beerdigung meiner Mutter gespielt“, sagt Bettina, die mit ihrer Tochter, ihrem Neffen und einer Freundin Fischers erstes von zwei Frankfurt-Konzerten im Frankfurter Waldstadion besucht. Allen vier stehen die Schweißperlen auf der Stirn: Trotz der Abendstunde sind es immer noch über dreißig Grad.An der Wurstbude am Stadioneingang, wo die Fans noch warten, wird ein Bier nach dem anderen verkauft – der Vorfreude tut die Hitze keinen Abbruch: „Die Show ist immer mega!“ Bettinas Freundin Conni sagt zum Schluss noch etwas, das man an diesem Abend von vielen Fans in unterschiedlichen Varianten zu hören bekommen wird: „Die ganze Woche hat man diese Scheiße von Krieg am Hals, da will man sich keine ernsten Songs anhören!“ Außerdem singe Fischer ja, fügt Bettina noch an, trotzdem mitten aus dem Leben.Verschwitzt, aber voller Vorfreude: Fischers Fans auf dem Weg zum Stadion.Matias BasualdoMitten aus dem Leben: Dafür steht Helene Fischer, obwohl ihre Konzerte alles andere als bescheiden sind. Während eines Auftritts bei der österreichischen Satireshow „Willkommen Österreich“ im Mai sprach sie von knapp 200 Leuten, mit denen sie für ihre 360-Grad-Tour durch Deutschland reist. Die Bühne steht dabei in der Mitte des Stadions, gut zu sehen von den Zuschauerrängen auf allen Seiten. Trotzdem lässt sich während des Konzerts erahnen, worin die oft beschworene Bodenständigkeit bestehen soll: Fischer macht Selfies mit ihren Fans, unterschreibt ihre Plakate. Und natürlich sind es die Songtexte, die diesen Anspruch transportieren: große Gefühle, Herzschmerz und Verlust, auf zugänglichste Form verdichtet. Die Welt erscheint darin selten widersprüchlich, dafür umso tröstlicher – und am Ende wartet immer die Aussicht auf einen Neuanfang.Aufregung: Im Vergleich zu anderen Künstlern lässt Helene Fischer ihre Fans nicht lange warten.Matias Basualdo„Niemand kann uns den Moment hier nehmen, sag mir, wirst du an meiner Seite stehen“, singt Fischer, während sie an einem Akrobatikseil ins Stadion fliegt, die Arme links und rechts ausgestreckt, das Gesicht leicht nach oben gewandt. Sie trägt kniehohe rote Lackstiefel und ein knappes rotes Paillettenkleid. Superwoman verneigt sich.„Powerfrau“ – so hatte ein Konzertbesucher vor dem Konzert Helene Fischer in einem Wort beschrieben. In Gesprächen mit Gleichgesinnten bestätigt sich dieser Eindruck: Fischer ist für die Fans jemand, zu dem man aufschauen kann.Fischers Markenzeichen: Fischer kommt nicht auf die Bühne, die fliegt ein.Matias BasualdoNach der Landung auf der Bühne greift die Sängerin ihren Liedtext auf: „Fraaankfuurt“, ruft sie, „das ist unser Moment.“ Dann fällt Fischer ins Hessische: „Hier ging meine Karriere los, hier habe ich meine Ausbildung gemacht“, sagt sie. Der Dialekt komme ganz automatisch. Fischer lacht und schüttelt den Kopf, das blonde Haar hüpft dabei. „Ich sag euch, es fühlt sich an, wie nach Hause kommen.“ Vor 26 Jahren hat Fischer in Frankfurt ihre Ausbildung zur Musicaldarstellerin absolviert und erste Bühnenerfahrungen unter anderem am Staatstheater Darmstadt und am Frankfurter Volkstheater gesammelt.Die letzte große Stadiontour des deutschen Superstars liegt acht Jahre zurück, danach hat sie zwei Töchter geboren, nun ist Fischer zurück auf der großen Bühne. Vor Frankfurt gastierte sie mit ihrer Show bereits in Dresden, Berlin und Stuttgart, insgesamt elf Städte und 15 Konzerte sollen es bis zum Abschluss werden – jedes Mal vor vollen Stadien mit bis zu 60.000 Menschen. Frankfurt sei das Highlight ihrer Tour, sagt Fischer. Immerhin feiere sie ihr Zwanzigjähriges.Das Aufgebot passt dazu: Knapp zwanzig Tänzer umwerben die Sängerin, werfen sie in die Höhe, wirbeln sie um die eigene Achse. Die Männer und Frauen sind passend zu Fischers Aufzug in rote Overalls gekleidet. Sie erscheint wie ein unzähmbares rotes Energiebündel, das auf der Bühne für Stimmung sorgt und von dem man kaum die Augen abwenden kann. Wenn man das Gefühl hat, das war's jetzt, greift Fischer nonchalant nach einem Seil über ihr, hebt ab und schwebt wenig später über dem Publikum, Luftrollen inklusive. Der Abend ist perfekt choreographiert; jede Bewegung, sei es nur das Haar, das hinter das Ohr gestrichen wird, sitzt perfekt.Grazil: Fischers professionelle Tänzercrew folgt dem Takt, den der Star vorgibt.Matias BasualdoDie kommerziell erfolgreichste deutsche SängerinDieser zirkusartige Kern des Konzerts spiegelt sich in einer weiteren Beobachtung: Manche Menschen erklären vor Beginn, dass sie gar nicht primär wegen der Musik kommen. Vielmehr gehe es ihnen darum, die Show zu erleben und das Phänomen Helene Fischer aus nächster Nähe zu sehen. Ein Paar aus Freiburg hat dafür über 800 Euro für zwei VIP-Packages ausgegeben, obwohl es die Sängerin davor noch nie live gesehen hat. Das Paket umfasst Merchandise, zwei Getränke pro Kopf und Stehplätze ganz vorne. „Wenn wir etwas machen, dann richtig“, sagen die Süddeutschen.Einen Mix aus alten und neuen Liedern bietet Fischer an den beiden fast dreistündigen Konzertabenden – auch ihren ersten Hit singt sie: „Von hier bis unendlich“. Diese Single erschien 2006, damals war die Sängerin 21 Jahre alt. Berühmt werden wollte sie damals nicht unbedingt. In einem Interview, das sie noch während ihrer Ausbildung dem „Hessischen Rundfunk“ gegeben hat, sagt sie: „Geil darauf bin ich nicht“. Damals ist Fischer 16 Jahre alt und studiert Gesang und Schauspiel an der Stage & Musical School Frankfurt. Den Plattenvertrag, der alles änderte, hat sie dem Einfall ihrer Mutter zu verdanken: Sie hatte heimlich eine Demo-CD ihrer Tochter an den Künstlermanager Uwe Kanthak geschickt. Heute ist Helene Fischer die kommerziell erfolgreichste Sängerin im deutschsprachigen Raum.Groupie: Ein Fan posiert vor einem Banner der Schlagersängerin.Matias Basualdo„Ich bin so froh, wieder eure Liebe zu spüren“, haucht Fischer ins Mikrofon. Gerade hat sie ihren Mega-Hit „Atemlos“ performt. Die Menge jubelt. Auf den großen Bildschirmen, auf denen die Show auch auf den hinteren Rängen gut zu sehen ist, wird das Plakat eines Mädchens eingeblendet. Zwischen bunten Verzierungen steht darauf: „Helene, heute ist mein Geburtstag!“ Fischer spricht sie jetzt direkt an: „Meine Süße, wie alt wirst du heute?“ Vierzehn, ruft das Mädchen, die ihr Glück kaum fassen kann und Tränen in den Augen hat. Die Sängerin lässt sich das Handy den Teenagers über die Absperrung zwischen Bühne und Publikum reichen. Sie justiert kurz die Position, dann gelingt dem Profi ein Selfie mit dem Geburtstagskind.360 Grad: Auf LED-BIldschirmen ist Helene Fischer von überall und immer gut zu sehen.Matias BasualdoWas für die Einlagen gilt, gilt auch für die Fan-Pflege: Zu glauben, der Höhepunkt des Abends sei bereits erreicht, erweist sich bei Helene Fischer schnell als Trugschluss. Es gibt immer noch eine Steigerung. Mehr Nähe geht immer.Willst du mich heiraten?Plötzlich versucht eine junge Frau, über die Absperrung zu klettern. Für einen Moment wirkt es wie eine unkontrollierte Aktion – bis ein Security-Mitarbeiter eingreift und ihr hilft. Helene Fischer reicht ihr die Hand, wenig später steht eine Frau in ihren Zwanzigern im Fischer-Fan-T-Shirt auf der Bühne. „Ich weiß auch nicht, was mich heute reitet, aber ich mach das jetzt einfach“, sagt die Sängerin mehr zu sich selbst und reicht der Frau neben ihr das Mikrofon. Diese richtet sich erst an Fischer: „Danke Helene, ich kann dir gar nicht sagen, was dieser Abend für mich bedeutet.“ Dann wendet sie sich an jemanden im Publikum. Sie legt ihre Hand auf die Brust.Wird sie singen? Spielt Fischer jetzt Talentscout?„Ich möchte dir vor den ganzen Leuten hier sagen, dass ich dich liebe, von hier bis unendlich und ich möchte dich fragen: Willst du mich heiraten?“ Die Kamera der LED-Bildschirme schwenkt zu einem Mann im gleichen T-Shirt. Er lässt den Kopf sinken, schüttelt ihn, schaut wieder hoch. Dann nickt er.Die Menge jubelt. Fischer und ihre Auserwählte umarmen sich. Aus einer Ecke des Publikums kommt der Vorwurf, das sei doch inszeniert gewesen – so leise, dass ihn nur die Besucher neben ihm hören. Er bleibt der Einzige, der das so sieht. Im Fischerversum ist die Welt noch in Ordnung.