Gab diese kleine, schwer-sympathische Schnitzeljagd, gestartet auf der ersten Single. „Drop Dead“ heißt die und sie eröffnet jetzt auch dieses wunderbare Album. Rodrigo singt da von einer Barbegegnung, bei der es sich um einen Magenschwinger-umwerfenden Kerl handeln muss, der aussieht wie „ein Engel an den Wänden von Versailles“. Dritte Zeile: „You know all the words to ‚Just Like Heaven‘ / and I know why he wrote them / now that you’re standing right here“.Der Engel kennt also in allen Details den Text des The-Cure-Songs, 1987 auf deren Album „Kiss Me, Kiss Me, Kiss Me“ erschienen. Und nun, da der Engel da steht, versteht Rodrigo plötzlich, warum Sänger Robert Smith damals schrieb, was er schrieb, und wie viel schöner kann eine Liebeserklärung denn sein? Verständnis durch Anwesenheit.YouTubeDie SZ-Redaktion hat diesen Artikel mit einem Inhalt von YouTube angereichertUm Ihre Daten zu schützen, wurde er nicht ohne Ihre Zustimmung geladen.Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von YouTube angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an den Betreiber des Portals zur Nutzungsanalyse übermittelt. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie unter sz.de/datenschutz.Die zweite Single hieß dann, womöglich minimal marktschreierisch, „The Cure“, allerdings war die Temperatur nun deutlich abgesackt: tolle, Sechzehntel-treibende Akustikgitarre, Schlafsack-knautschiger Gesang, der allerdings von den dunkleren Ecken des liebenden Verstandes berichtet: „Used to play a game in my head when I’d date a guy / Tally up the girls that he fucked ’til I start to cry / I thought I found the antidote this time“. Ein Gegengift zum Kopfkino? Wäre natürlich toll. Aber diese Liebe, „it’ll never be the cure“. Nein, es wird nicht gut ausgehen mit dem Engel.Die Auflösung der Schnitzeljagd gab es schließlich beim Primavera Festival kürzlich in Barcelona, bei dem Rodrigo Sänger Smith auf die Bühne holte und mit ihm wiederum „What’s Wrong With Me“ sang. Auf dem Album findet sich der Song zwei Plätze hinter „The Cure“ und an die Stelle der Gitarre schieben sich dort jetzt ein paar Synthesizer, wie sie sie auch in den späten Achtzigern benutzt haben, als ihnen langsam klar wurde, dass die Party vorbei ist. Und darüber nun diese beiden Sänger: Die sehr kalifornische Rodrigo, 23, ein Disney-Channel-Gewächs, sehr viel früher mal, ehe sie eine der allertollsten Post-Punk-Pop-Wundergeschöpfe nicht nur für sehr junge Menschen wurde. Und die ewigfantastische britische Proto-Goth-Vogelscheuche Smith, 67.Nach allem, was man über Musik so zu wissen glaubt, müssten ihre Stimmen, ihre Attitüden, ihr ganzer Habitus in etwa so gut zueinanderpassen, wie Blutwurst zu einem veganen Linsencurry. Natürlich sitzt Rodrigos warmer, rehäugiger Flausch trotzdem perfekt über Smiths krisseligem Kikeriki. Man umkreist und umschmeichelt sich, und es ist eine riesige, herzquetschende Freude. Davon abgesehen ist es absolut falsch, das alles auf diese Art zu hören.Die Geschichte dieser ersten Liebe, die brennt und lodert und schließlich also verglüht und dann ist da nur noch LeereMan muss, wir wiederholen das zur Sicherheit mit kursiviertem Nachdruck: muss dieses Album als Album hören. Für Menschen, die auf ihren werbeverseuchten, kostenlosen Streaming-Accounts vor allem Playlists laufen lassen, um ihre Gehirne mit Algorithmus-Widerwertigkeiten zu berieseln: Man startet dafür den ersten Songs. Dann macht man nichts mehr, bis der letzte verklungen ist. Und wenn man dazwischen auch nur ein bisschen zugehört hat, kann es sein, dass man plötzlich bibbernd und schlotternd den panischen Drang verspürt, einem geliebten Menschen zu sagen, vielleicht aber sogar zu zeigen, wie wichtig er ist.Liegt am Storytelling. Es ist auch dies im Grunde unmöglich, aber die 23-jährige Sängerin Olivia Rodrigo, die irgendwo auf dem Weg zu ihrem dritten Album die Lebensweisheit und Abgeklärtheit einer sehr viel älteren Frau eingesammelt haben muss, erzählt nun also die Geschichte der Liebe. Genauer: Die Geschichte dieser einen (ersten) Liebe, die brennt und lodert und glüht. Die schließlich also verglüht und dann ist da nur noch Leere. Falls der Schmerz gerade mal Platz lässt. Und irgendwann und irgendwie kommt man trotzdem zurück.„Honeybee“, Song Nummer drei, und damit an einem Punkt, an dem alles noch in Ordnung ist: ein Klavier wie Katzenpfoten auf dem Flokati. Später werden sich Todeskitsch verquietschende Streicher in die Szenerie schieben, Kathedralenchöre, ein elektronischer Beat, und Rodrigo stellt fest, dass die ganzen Klischees plötzlich wahr bis wahrhaftig werden. Und dann aber diese herrliche Lakonie: „Here’s to hoping“. Erheben wir das Glas also auf die Hoffnung.YouTubeDie SZ-Redaktion hat diesen Artikel mit einem Inhalt von YouTube angereichertUm Ihre Daten zu schützen, wurde er nicht ohne Ihre Zustimmung geladen.Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von YouTube angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an den Betreiber des Portals zur Nutzungsanalyse übermittelt. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie unter sz.de/datenschutz.„Purple“, Song Nummer sieben, womit das Ganze langsam bricht, weil die Protagonistin merkt, dass man sich gerade in der innigsten Liebe besonders prächtig selbst verlieren kann: Die Atmosphäre ist immer noch Sommerwolken-fluffig, aber das Gefühl darunter wird rapide kühler: „I had big dreams till I tied myself to you / Now I’m all consumed“.Bei „Less“ hat Rodrigos Stimme dann tatsächlich endgültig das mondsüchtige Glitzern guter, also bester Filme mit Audrey Hepburn. Tänzelt, nur von einem ganz sanft angejazzten Klavier begleitet, durch die Trümmer der Liebe und singt: „If loving me means letting go and wishing me the best / well then I guess: I wish, I wish, I wish you loved me less“.Anders gesagt: Wenn wir das Glas eh schon zum Gruß an die Hoffnung hochhalten, trinken wir eben gleich weiter. Bis es besser wird. Es wird ja bestimmt wieder besser.