Auf den Becken werden unablässig Triolen gerattert, ein Chor weht herein, darunter flucht und wütet eine Bassdrum. Und nach fast einer Minute Laufzeit der neuen EP krächzt Little Simz dann eine Frage, die man sich auch als Zuhörer mit Blick auf die Rapperin immer mal wieder stellt: „Sugar girl, how the hell do you do this?“Denn wie, zum Teufel, schafft sie das eigentlich immer wieder? Noch vergangenes Jahr hatte die Rapperin mit furchtbaren Selbstzweifeln zu kämpfen. Sie trennte sich qua millionenschwerem Rechtsstreit von ihrem langjährigen Produzenten Dean Cover, sprach über hoffnungslosen kreativen Zugzwang, Einsamkeit und Isolation. Zwischenzeitlich habe sie nicht einmal mehr gewusst, ob sie überhaupt noch ein Album machen könne, erzählte sie damals dem Interview Magazine.Aus dieser Krise heraus entstand dann „Lotus“, ihr bisher verletzlichstes Projekt. Auf dem Album zeigte sich die Rapperin gefangen in Zweifeln und Gedankenspiralen, verunsichert, einsam. Und lieferte mit alldem wieder einmal den Beweis, wie sehr Hip-Hop noch immer die Kraft zur ganz großen Kunst hat.YouTubeDie SZ-Redaktion hat diesen Artikel mit einem Inhalt von YouTube angereichertUm Ihre Daten zu schützen, wurde er nicht ohne Ihre Zustimmung geladen.Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von YouTube angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an den Betreiber des Portals zur Nutzungsanalyse übermittelt. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie unter sz.de/datenschutz.Kein ganzes Jahr später meldet sie sich jetzt mit neuer Musik zurück. Und von ihrer Selbstbewusstseinsflaute ist dort nichts mehr zu hören: Während „Lotus“ noch klang wie eine Therapiesitzung, klingt „Sugar Girl“ wie eine Kampfansage. Auf dem protzigen Opener „That’s a No No“ etwa beschreibt die Rapperin sich als Soldatin, die reihenweise die Karrieren anderer Rapper „ermordet“, während ein gewaltiger Synthesizer mit wunderbarer Arroganz brüllt, die den Song völlig für sich einnimmt.Wie schon bei vergangenen Projekten nutzt die Rapperin das Format der EP, um sich an einem neuen Sound auszuprobieren. „Sugar Girl“ klingt also deutlich weniger nach dem nachdenklichen Jazzrap von „Lotus“ oder dem orchestralen Pop von „Sometimes I Might Be Introvert“, sondern zieht Inspiration von Cloudrappern und schräg zugekifften Trapmusikern. Auf „Game On“ dreht sich der Sound der Hi-Hat in schier endlosen Verzögerungsschleifen durch den Mix, darüber klimpert gespenstisch eine Melodie. Und Little Simz stellt noch einmal klar, dass sie ganz und gar nicht in der Krise steckt: „You know when my game be on“ – „Ihr wisst, wann ich in Bestform bin“.Auf „Open Arms“ treibt sie in mantraartiger Selbstaffirmation umher, zwingt sich aufzustehen, weiterzumachen, die Krise hinter sich zu lassen. Darunter klappert der Beat mit einem westafrikanischen Rhythmus, über den die nigerianische Musikerin Deela schließlich einen ganz zarten, wunderschönen Refrain säuselt. Schließlich rappt sie auf „Telephone“ mit autotuneverzerrter Stimme über einen schwebenden Beat, der sich irgendwo in verpixeltem Rauschen völlig auflöst. In dieser fast surrealen, musikalischen Träumerei wird die Rapperin dann zum ersten Mal auch persönlicher. Sie erzählt von der Liebe, und von dem Gefühl, endlich angekommen zu sein: „Something told me that right now I’m in the right place“ – irgendwas sagt mir, dass ich jetzt am richtigen Ort bin. Schön.