InterviewJürgen Klinsmann, der Weltmeister von 1990, sagt: «Man muss auch einmal eine Nacht durchtrinken. Das gehört dazu»Der frühere Bundestrainer lebt seit drei Jahrzehnten im Land des WM-Gastgebers. Vor dem Turnierstart erklärt Klinsmann die Entwicklung des amerikanischen Fussballs. Und er verrät, was ihn an der Torhüter-Diskussion in Deutschland stört.07.06.2026, 05.30 Uhr12 LeseminutenSein grösster Moment als Fussballer: Jürgen Klinsmann jubelt über den Gewinn des WM-Titels 1990.David Cannon / Allsport / GettyHerr Klinsmann, Sie leben seit fast drei Jahrzehnten in den USA. Ist das Leben in Huntington Beach, Kalifornien, einfach angenehmer als in Deutschland?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Meine Frau und ich stellten uns die Frage, wo die Kinder aufwachsen sollen, entweder in der Nähe ihrer Familie in den USA oder meiner in Stuttgart. Wir entschieden uns für Südkalifornien. Ich bin aber auch gerne daheim in Süddeutschland, wo ich nach wie vor meinen Freundeskreis habe. Was den kalifornischen Lebensstil so angenehm macht: Hier kann ich am Sonntagmorgen mit einer Altherren-Mannschaft im Park Fussball spielen, und keiner fragt danach, wer ich bin und was ich tue – obwohl sie es natürlich wissen. Die Leute hier haben kein Neid-Syndrom, ich muss mich für nichts rechtfertigen.Ist die Vorfreude auf die WM in Kalifornien spürbar?Ja, enorm. Der Fussball ist in den letzten dreissig Jahren stark gewachsen in den USA, mittlerweile kann er sich neben Basketball, American Football, Eishockey und Baseball zu den grossen fünf Ligen zählen. Millionen von Kindern spielen im Nachwuchsbereich, das College-System funktioniert als Zulieferer für die Profimannschaften. Begonnen hat die Entwicklung mit der WM 1994, zwei Jahre später entstand die Major League Soccer, die seither immer grösser wurde und heute sehr viel Aufmerksamkeit bekommt. Hier reden nun alle über die WM-Favoriten. Natürlich fragen sich die Leute auch, weshalb die Ticketpreise so hoch sind, aber letztlich werden sie in die Stadien strömen. Viele warten ab und spekulieren darauf, dass die Preise noch runtergehen.Wie manifestiert sich der Fussball in der Alltagskultur der USA?Im Schulsystem hatte er immer schon seinen festen Platz. Das soziale Ziel der jungen Amerikaner besteht darin, an eine gute Universität zu kommen, die Jugendlichen an der Highschool wissen, dass sie mit dem Fussball an Stipendien herankommen. Nur fehlte ihnen vor der MLS-Gründung die Aussicht, nach der Uni in einer Profiliga durchstarten zu können. Heute ist das anders, viele Talente finden dank dem Ausbildungssystem den Weg in die MLS. Seit der Einführung des Title-IX-Gesetzes im Jahr 1972 müssen gleich viele Mädchen wie Jungs Stipendien für den Sport bekommen. Weil es aber keinen American Football für die Mädchen gibt, hatten die anderen Teamsportarten riesigen Zulauf. Aus diesem Grund ist der Frauenfussball in den USA so populär: weil die Unis gleich viele Stipendiengelder für Mädchen vergeben wie für Jungs. Deshalb sind die amerikanischen Frauenteams im Fussball so gut.Die MLS wird ihren Spielplan ab 2027 an den europäischen Kalender anpassen. Ist das der nächste Schritt, um international wettbewerbsfähiger zu werden?Ja, aber das hat lange gedauert. So wie auch bestimmte internationale Regeln erst allmählich adaptiert wurden. Anfänglich gab es statt eines regulären Elfmeterschiessens ein Shoot-out wie im Eishockey, wo die Spieler auf den Torhüter zudribbeln. Und ein anderes Play-off-System. Die Amerikaner versuchen, ihre Produkte immer noch besser zu machen als alle anderen, nicht immer hat das funktioniert. Aber die Anpassung des Spielplans an den europäischen Kalender ist ein grosser Schritt nach vorn. Nur schon, weil damit auch die Transferfenster synchronisiert werden und die Liga für Spieler so noch attraktiver wird. Heute schämt sich die MLS auch nicht mehr dafür, zu sagen, sie sei eine Ausbildungsliga für die europäischen Topligen und wolle Spieler für viel Geld dorthin transferieren. Diese Aussicht lockt zudem viele talentierte junge Fussballer aus Mittel- und Südamerika an.Haben Sie diese Entwicklung für möglich gehalten?Die USA haben den WM-Zuschlag 1994 ja nur erhalten, weil sie versprachen, eine Profiliga zu gründen. Die WM-Einnahmen finanzierten diese zunächst. Später kam David Beckham in die MLS, was einen Hype auslöste. Heute spielt Lionel Messi hier, und die Augen der Menschen leuchten. Dank solchen Stars wächst auch das Nachwuchs-System weiter, die Entwicklung ist phantastisch. Die Klubs waren zudem intelligent, als sie neue Stadien bauten. Fast alle haben eine Kapazität von 20 000 bis 33 000 und sind immer gut gefüllt. Diese Stadien sind wunderschöne kleine Multifunktionsarenen, in denen auch Konzerte und andere Veranstaltungen stattfinden. Wenn die Amerikaner etwas machen, dann richtig. Das werden wir auch an der WM sehen.«Die deutsche Mannschaft steht auf dem Prüfstand»: Jürgen Klinsmann.Claudio Lavenia / UEFA / GettyWelche Erinnerungen haben Sie an die Jahre zwischen 2011 und 2016, als Sie Nationaltrainer der USA waren?Ein grosses Highlight war die WM 2014 in Brasilien, als wir Portugal nach der Vorrunde nach Hause schickten, liebe Grüsse an Ronaldo! Zwei Jahre später erreichten wir an der Copa América zu Hause die Halbfinals. Aber ganz abgesehen vom rein Sportlichen: Nach Guatemala, Costa Rica oder Honduras zu reisen und dort WM-Qualifikationspartien um 12 Uhr mittags bei 98 Prozent Luftfeuchtigkeit zu absolvieren, das war schon eindrücklich. Teilweise kickten wir auf Spielfeldern, die aus drei verschiedenen Rasen zusammengestückelt waren. Im Sechzehner war der Rasen manchmal absichtlich 20 Zentimeter hoch, damit der Ball ja nicht schneller wird. Ein Flachschuss kam da im besten Fall bis zum Tor. Die sozialen Erfahrungen, die mein Trainerstab und ich damals machen durften, sind von unschätzbarem Wert. Wenn Andi Herzog den Leuten in Österreich jeweils davon berichtet, was wir in Mittelamerika alles erlebt haben, liegen die Leute am Boden vor Lachen. Ein brillanter Geschichtenerzähler.Bei Ihrem Antritt sagten Sie damals, die USA müssten sich an der Spielweise der europäischen Topnationen orientieren, um diese «irgendwann auch zu schlagen». Ist das amerikanische Team heute auf Augenhöhe mit den europäischen Spitzenteams?Ich traue dem Team von Mauricio Pochettino an der WM alles zu, im Positiven wie im Negativen. Das amerikanische Team hat mit der Türkei, Paraguay und Australien eine heikle Gruppe erwischt, es kann gegen alle Gegner verlieren, aber auch alle bezwingen. Was aber anders ist als vor einem Jahrzehnt: Die Spieler haben mittlerweile die Erfahrung, mit solchen Situationen umzugehen, sie kicken in Teams, die Champions League spielen, wie etwa die Leader Christian Pulisic von der AC Milan oder Weston McKennie von Juventus. Und sie können heute alle taktischen Systeme «rauf und runter spielen», wie Mehmet Scholl es einst formulierte. Früher hofften die Amerikaner auf eine Achtelfinalteilnahme, scheiterte das Team dort, verzieh man es ihm – wie uns 2014, als wir an den Belgiern mit Kevin De Bruyne und Romelu Lukaku hängenblieben. Jetzt ist die Zeit der Ausreden vorbei, der Anspruch lautet, die Viertelfinals zu erreichen. Die Frage ist, ob sie’s gebacken bekommen.Weshalb tun sich die Fans in Amerika so schwer damit, sich mit dem Nationalteam zu identifizieren? Liegt das an der Mentalität des Publikums, ist es zu anspruchsvoll?Die vergangenen zwei Jahre des amerikanischen Teams waren durchwachsen, der Fussball-Fan hier weiss noch nicht genau, wie er seine Nationalmannschaft einstufen soll. Nun liegt es am Team, die Anhänger auf seine Seite zu ziehen, ihnen Freude zu bereiten und so eine Euphorie zu entfachen.Deutschland galt jahrzehntelang als «Turniermannschaft». Haben Sie die Hoffnung, dass das DFB-Team das wieder wird?Ja, die Hoffnung habe ich. Dass es im Turnier wächst, als Gruppe und sportlich als Mannschaft. In der K.-o.-Phase haben wir das ja häufig gut hinbekommen, aber nicht mehr in den letzten Jahren. Daher steht die deutsche Mannschaft an diesem Turnier auf dem Prüfstand. Denn Russland und Katar, das waren zwei Vollkatastrophen. Viele sagen, die Heim-EM 2024 sei toll gewesen, aber für mich ist es immer eine Enttäuschung, wenn man im Viertelfinal hinausgeht. Handelfmeter hin oder her, die Deutschen hatten 90 Minuten Zeit, ein paar Tore zu schiessen.Ist man da nicht ein bisschen genügsam gewesen?Es hat mich auch sehr verwundert, wie positiv diese Europameisterschaft betrachtet wurde – rein vom Ergebnis her. Darin, dass es eine schöne EM war, sind wir uns alle einig. Die Mannschaft hat auch gut gespielt, aber erfolglos. 1994 in den USA sind wir nach dem Viertelfinal heimgefahren, da haben wir eigentlich keine schlechte WM gespielt, ein Megaspiel gegen Belgien gemacht. Und als wir dann von den Bulgaren heimgeschickt wurden, war es eine Vollkatastrophe. Wir durften uns sechs Wochen gar nicht in der Öffentlichkeit zeigen. Und 1998 war es das Gleiche in Frankreich gegen Kroatien. Man muss die Ansprüche schon hochschrauben, um der Mannschaft klar die Botschaft mit auf den Weg zu geben: Ihr habt den Job, die Geschichte weiterzutreiben, ins Endspiel zu kommen und es zu gewinnen.«Es war eine Vollkatastrophe»: Jürgen Klinsmann nach dem Ausscheiden der Deutschen gegen die Kroaten an der WM 1998.Richard Sellers / Allstar / GettyWas trauen Sie dem deutschen Team an der WM zu?Alles. Auch, Weltmeister zu werden. Von der Qualität her kann das Team von Julian Nagelsmann mit jeder Mannschaft der Welt mithalten, auch mit Spanien und Frankreich, von denen wir immer sagen, die seien so ein bisschen drüber.Wie soll das gelingen?Die Spieler müssen diesen Spirit aufbauen, eine Kameradschaft, die aber nicht immer 100 Prozent funktionieren darf, weil es auch Reibung braucht. Es braucht auch einmal einen Streit, es kann im Training auch einmal robuster zugehen. Das braucht der Fussball. Ich wünsche mir, dass sie in diesen Wochen der Vorbereitung zusammenwachsen und schwierige Momente gemeinsam durchstehen. Die werden kommen. Du musst die Lockerheit beibehalten, in so einem Turnier darf dir nicht die Luft ausgehen. Und wenn du siehst, dass deinem Kumpel die Luft ausgeht, musst du das Ventil aufmachen und wieder Luft hineinblasen. Alle Mannschaften, die irgendwo ein Turnier gewonnen haben, werden die gleichen Geschichten erzählen: dass immer, wenn es schwierig wurde, der eine dem anderen geholfen hat. Dann muss man auch einmal eine Nacht durchtrinken oder sonst was. Das gehört dazu.Der Weltmeister von 1990 lebt seit 30 Jahren in den USAbko. · Jürgen Klinsmann wurde mit Deutschland 1990 Weltmeister und 1996 Europameister. Als Stürmer war er in den 1980er und 1990er Jahren für den VfB Stuttgart, Inter Mailand, die AS Monaco, den FC Bayern und Tottenham Hotspur aktiv. Nach seinem Karriereende 1998 verlegte Klinsmann den Lebensmittelpunkt nach Huntington Beach in Südkalifornien, wo er seither mit seiner Familie lebt. An der Heim-WM 2006 führte Klinsmann das DFB-Team als Bundestrainer auf den dritten Platz, das Turnier ging als «Sommermärchen» in die Geschichte ein. Zuletzt war der 61-Jährige in Südkorea tätig, wo er nach dem Halbfinal-Aus an der Asienmeisterschaft 2024 als Nationaltrainer entlassen wurde.Die Deutschen haben kurz vor dem Turnier eine Torhüter-Diskussion. Das war schon einmal so, als Sie Bundestrainer waren. Was waren damals Ihre Überlegungen, als Sie Jens Lehmann zur Nummer eins gemacht haben?Das war eine 50/50-Entscheidung, die wir vor der WM 2006 getroffen haben, weil der FC Bayern, für den Oliver Kahn spielte, darum gebeten hatte, klar Stellung zu beziehen. Es war eine Millimeterentscheidung. Lehmann und Kahn waren zu dem Zeitpunkt zwei absolute Weltklasse-Torhüter, wir haben uns dann für das Turnier auf Jens festgelegt. Und was Oliver daraus gemacht hat, war phänomenal. Er war natürlich erst einmal sauer und angefressen, ist ja logisch. Aber dann hat er sich besonnen und gesagt: Ich stehe bereit, wenn etwas kommt, bin ich da, dann spiele ich das Turnier. Und wenn nicht, dann helfe ich, dass wir Weltmeister werden. Oliver hat sich in den Dienst der Mannschaft und der Sache gestellt. Er war einer der ganz grossen Gewinner der WM 2006.Als Bundestrainer schrieb Jürgen Klinsmann (Mitte) Bildnummer mit seinem Team 2006 an der WM in Deutschland WM ein Sommermärchen.ImagoDie Berufung von Manuel Neuer hat eine riesige Diskussion ausgelöst, nachdem es so ausgesehen hatte, als hätte er seine Karriere im Nationalteam beendet. Kommunikativ hat das einen schlechten Eindruck gemacht, einverstanden?Die Kommunikation ist das eine, aber Tatsache ist, dass er mitgeht und dass er sich mit Oliver Baumann und Alexander Nübel im Training gut pushen kann, auch wenn noch ein vierter Torhüter hinzustösst. Wenn Manuel auch nur Normalform hat, gehört er immer noch zu den top 3 der Welt. Natürlich hat er einmal einen Blackout, aber er hat schon immer verrückte Dinge gemacht, auch schon vor fünfzehn Jahren, als er Angreifer umdribbelt hat. Er spielt seit je mit mehr Risiko als andere Torhüter. Aber dafür steht er auch 30 Meter vor dem Tor und macht sauber, er hat seine Innenverteidiger fest im Griff. Manuel hat eine gigantische Erfahrung und ist nach wie vor schnell unten mit seinem unglaublichen Reaktionsvermögen. Da ist alles da.Gleitet die Kritik an einem Torhüter wie ihm in Deutschland schnell ins Masslose?Manuel Neuer spielt im FC Bayern. Das ist einer der Top-5-Klubs der Welt, ohne Wenn und Aber. Und im FC Bayern würde niemand über Neuer diskutieren, auch nicht nach seinem Skiunfall und anderen Episoden. Letztlich zählt nur die Qualität, und die hat er nach wie vor. Da kann man nur den Hut ziehen. Er gehört zu dieser Generation von Spielern, die mit 40 noch Phänomenales leisten und an eine WM fahren, wie Cristiano Ronaldo oder Lionel Messi. Das hat es vor zwanzig oder dreissig Jahren noch nicht gegeben. Von daher ist die harte Kritik an Neuer nicht in Ordnung.Wenn man sich die deutsche Mannschaft anschaut, fragt man sich, wie es um die Hierarchie bestellt ist. War es auch vor diesem Hintergrund wichtig, jemanden wie Manuel Neuer zurückzuholen?Das ist eine gute Frage. Ich weiss auch nicht, wer der Chef in diesem DFB-Team ist. Bei uns, der 1990er Weltmeister-Mannschaft, war es klar: Lothar Matthäus und Rudi Völler, das waren die zwei Leitwölfe, zusammen mit Klaus Augenthaler und Andy Brehme. Damals gehörte ich zu den jungen Spielern, da nickst du nur ab und sagst: alles klar, kein Problem. Jede Mannschaft braucht eine Hierarchie, das gegenwärtige DFB-Team muss diese erst finden. Oftmals hat gar nicht der erfahrenste Spieler das Sagen, sondern es sind andere, die die Kabine im Griff haben.Dass Goalie Manuel Neuer an die WM reist, ist für Klinsmann ein richtiger Entscheid: «Wenn er auch nur Normalform hat, gehört er immer noch zu den top 3 der Welt.»Michael Probst / APVermutlich hatte es nicht nur einen fussballerischen Grund, Toni Kroos 2024 vor der Europameisterschaft zurück in die Nationalmannschaft zu holen.Als Trainer sucht man immer nach der gesunden Mischung, nach Erfahrung, nach frischem Blut. Die Qualität steht über allem, aber als Trainer hat man die Hoffnung, Leitwölfe zu haben, die das Team führen, auch wenn es einmal Zoff gibt. Als Trainer geht man ungern dazwischen, weil man dann ja eine Position einnehmen muss. An der EM 1996 hat Berti Vogts das perfekt gelöst. Er hatte Probleme mit dem einen oder anderen Spieler, kam zu mir und hat es mir erzählt. Dann habe ich mit zwei anderen erfahrenen Spielern – Thomas Helmer und Jürgen Kohler – den betreffenden Spieler gepackt und Klartext geredet. Das konnten wir dem Trainer abnehmen, weil wir diese Hierarchie innerhalb der Mannschaft hatten.Wie war es 2006, als Sie die deutsche Mannschaft als Coach an der WM betreut haben?Die Fragezeichen waren riesig, aber es war auch eine Mannschaft, die sich damals gefunden hat – aus vielen jungen, hungrigen Spielern mit ein paar Leitwölfen: Ältere wie Oliver Kahn, Jens Lehmann, Michael Ballack, Bernd Schneider, Miro Klose und Thorsten Frings. Daraus ergab sich zusammen mit den Jungen eine gute Mischung: Lukas Podolski, Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm und Per Mertesacker. Als Nationaltrainer ist man darauf angewiesen, was einem an Talenten gegeben wird, in erster Linie von der Bundesliga. Und dann hat es richtig gut gepasst, und alle haben mitgezogen. Gleich im Auftakt-Match kam es zum Schulterschluss mit dem Publikum, als Philipp Lahm gegen Costa Rica den Ball in den Winkel geschossen hat und die ganze Nation dachte: «Oh, jetzt passiert hier wirklich etwas.» Von da an sind wir auf einer Welle geritten.Philipp Lahm (rechts) weckte laut Klinsmann im Eröffnungsspiel der WM 2006 die ganze deutsche Nation: «Oh, jetzt passiert hier wirklich etwas.»ImagoWar die Stimmung im Team damals vergleichbar mit dem, was Sie 1990 erlebt haben?Ich denke schon. Jede Mannschaft, die ein erfolgreiches Turnier spielt, hat eine besondere Chemie, einen besonderen Spirit. Und dieser Spirit lebt von den Persönlichkeiten der Jungs. Als Trainer muss man dann auch Glück haben, dass man mit dieser Generation arbeiten darf, die Spieler miteinander auskommen, sie sich im Training pushen und dass ein Streit, wenn es ihn gibt, auch wieder beigelegt wird. In der Mannschaft von 1990 war das Training beispielsweise wesentlich intensiver als das Spiel. Als wir fünf gegen zwei gegen Matthäus, Brehme und Völler gespielt haben, war es brutal. Du wolltest dir gegen sie keine Blösse geben. Dagegen war das Spiel fast Erholung.Ihr Engagement als Nationaltrainer Südkoreas endete 2024 abrupt, nach nur einem Jahr. Was war passiert?Es war spannend, die südkoreanische Kultur kennenzulernen, auch wenn die Zusammenarbeit für mich unschön geendet hat. Ich wurde entlassen, nachdem am Abend vor dem Halbfinal in der Asienmeisterschaft zwei Spieler aufeinander losgegangen waren. Ein jüngerer Spieler machte einen Spruch gegen einen älteren, der sich das nicht gefallen liess. In Südkorea gilt die ungeschriebene soziale Regel, dass der Ältere immer recht hat. Nach dem Vorfall war das Team gespalten zwischen der jungen und der alten Fraktion, tags darauf verloren wir den Halbfinal. Der Präsident des südkoreanischen Fussballverbands sagte mir, jemand müsse die Verantwortung für den Vorfall übernehmen. Das waren dann wir Trainer, obwohl wir ihnen mit dem Erreichen des Halbfinals einen Riesenerfolg beschert haben.Die Zusammenarbeit endete mit einer Entlassung: Jürgen Klinsmann 2024 als Nationaltrainer von Südkorea.Markus Gilliar / GES / GettyEin Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel