Franklin Graham kam vor dem Papst. Der evangelikale Pastor aus den USA predigte schon eine Woche vor Leo XIV. in Madrid. Mehr als 12.000 Gläubige standen bei 36 Grad Hitze vor der früheren Stierkampfarena von Vistalegre an, um mit dem Sohn des berühmten Erweckungspredigers Billy Graham zu beten. Franklin Graham ist überzeugt davon, dass Gott Donald Trump gesandt hat. Als treuer Unterstützer des Präsidenten verteidigt er ihn gegen Kritiker wie den Papst und den spanischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez, die den amerikanisch geführten Irankrieg kritisieren.In Madrid verschonte Graham seinen Landsmann Robert Prevost. Er verdammte nur gleichgeschlechtliche Ehen und Abtreibung. Aber seine Predigtreise nach Spanien war eine Botschaft, die zeigt, wie sich das erste große EU-Land verändert hat, das der neue Papst besucht: Es sind vor allem südamerikanische Einwanderer, die es dort in die evangelikalen Gemeinden zieht, die überall entstehen.In Madrid machen inzwischen rund tausend evangelikale den gut 700 katholischen Gemeinden Konkurrenz. Als mit Benedikt XVI. im Jahr 2011 zum letzten Mal ein Papst nach Spanien gereist war, bezeichneten sich 71 Prozent als katholisch, heute sind es nur noch 53 Prozent; nur 15 Prozent beschreiben sich als praktizierende Katholiken.Zur großen Papstmesse am Sonntag in Madrid werden am Cibeles-Platz dennoch mehr als eine Million Gläubige erwartet. Aber die Reise wird mindestens so politisch wie pastoral sein. Leo landete am Samstag in einem „hyperpolitisierten“ Land, wie das Online-Portal „Religion Digital“ die vielleicht größte Herausforderung für Leo nennt. Dazu hat der Papst selbst beigetragen: Er will über Migration reden und Migranten treffen.Eine Million Gläubige bei der Messe in Madrid erwartetIn Spanien läuft gerade eine der größten Massenlegalisierungen der vergangenen Jahrzehnte. Mehr als eine halbe Million Einwanderer ohne Papiere hoffen, von dem unbürokratischen Angebot der linken Minderheitsregierung zu profitieren, das die rechte Opposition vehement ablehnt. Spanien werde „massive Armut zu importieren“, warnte die Madrider Regionalpräsidentin Isabel Díaz Ayuso von der konservativen Volkspartei (PP). Die rechtspopulistische Vox-Partei wirft dem Regierungschef vor, er wolle die Spanier durch Ausländer ersetzen.Gespannt wartet man deshalb auf Leos Rede am Montag vor beiden Häusern des spanischen Parlaments. Symbolisch wird der Papst später auf Gran Canaria Position beziehen, wenn er die Mole von Arguineguín aufsucht. Dort waren während der Pandemie Tausende Bootsmigranten gestrandet; Zehntausende versuchten, in den vergangenen Jahren über die spanischen Kanaren nach Europa zu gelangen.Leos Lampedusa auf den KanarenGran Canaria soll Leos Lampedusa werden: Mit dem Besuch an der „Mole der Schande“, wie sie 2020 wegen der chaotischen Zustände genannt wurde, will er an seinen Vorgänger Franziskus anknüpfen, der gleich zu Beginn seines Pontifikats die von Migranten überfüllte Insel Lampedusa aufsuchte. Angeblich wollte Franziskus auch auf die Kanaren reisen. Dort wird jetzt Leo den Spaniern und ihrer Regierung für ihre Hilfsbereitschaft danken.Damit begibt sich das Kirchenoberhaupt innenpolitisch an die vorderste Front. Pedro Sánchez, der Leo auch auf die Kanaren begleiten wird, erhofft sich politischen Rückenwind. Es gilt als sicher, dass der Papst dessen Migrations- und Sozialpolitik loben wird. Doch der politische Druck auf Sánchez ist in den vergangenen Tagen wegen neuer Korruptionsvorwürfe in seiner sozialistischen PSOE-Partei gewachsen; nicht nur die rechte Opposition fordert Neuwahlen. Egal, was Leo sagt oder tut, die Parteien werden versuchen, ihn zu vereinnahmen.Erst kurz vor Leos Ankunft hat sich die rechtspopulistische Vox-Partei wieder auf die spanischen Bischöfe zubewegt. Vox hatte die katholische Kirche wegen ihrer Unterstützung der Massenlegalisierung der linken Minderheitsregierung attackiert. Aus Respekt vor dem Papst unterbrechen die Rechtspopulisten ihren Boykott aller offiziellen Veranstaltungen, an denen Pedro Sánchez teilnimmt, und werden am Montag im Parlament anwesend sein.Schwieriges Verhältnis zu den spanischen BischöfenNeue Brücken muss Leo auch zu den konservativen Bischöfen bauen. „Dort will man mich nicht“, soll sein Vorgänger Franziskus gesagt haben. Er machte einen großen Bogen um Spanien; im Nachbarland Portugal war er indes zweimal. Umso sehnsüchtiger erwartete die spanische Bischofskonferenz den amerikanischen Nachfolger des Argentiniers.Doch Robert Prevost ließ die spanischen Bischöfe bis in letzter Minute auf den Termin und das Programm warten. Erst sollten sie ihre Hausaufgaben bei der Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs machen. Die spanische Kirche gehörte zu den Letzten, die sich widerstrebend daran machte. Leo setzte seine Reise geschickt als Druckmittel ein, damit sich die Bischöfe bewegten. Der Vatikan unterstützte die Bemühungen der Regierung Sánchez.Jahrelang hatten sie die Missbrauchsvorwürfe kleingeredet. Dann wollte sie die Opfer selbst entschädigen und den Staat dabei heraushalten. Doch das funktionierte schlecht. Auf Druck aus dem Vatikan gaben die Bischöfe und Ordensoberen schließlich nach. Jetzt hat der staatliche Ombudsmann das letzte Wort über die Anerkennung und die Höhe der Entschädigung. 3109 Opfer und 1621 Täter verzeichnet derzeit „El Pais“; die Zeitung verfügt über die umfassendste Datenbank dazu in Spanien.Fast ein Dutzend Termine stehen in Spanien auf dem Programm des Papstes. Ein Treffen mit Opfern oder ihren Verbänden war anfangs nicht vorgesehen. Erst kurz vor dem Abflug bestätigte der Vatikan dann doch noch einen Termin, ohne weitere Einzelheiten zu nennen. Opfer und Angehörige hatten damit gedroht, vor der Nuntiatur zu demonstrieren, in der Leo in Madrid übernachtet.
Papst Leo in Spanien zwischen den politischen Fronten
Seit 15 Jahren war kein Papst mehr in Spanien. Papst Leo XIV. droht dort in den nächsten Tagen zwischen die innenpolitischen Fronten zu geraten.











