Angeblich hätten sich die Bischöfe und die Stadtregierung einen anderen Auftritt für Leos ersten Besuch in Spanien gewünscht: einen triumphalen Einzug durch den Alcalá-Bogen, ein Wahrzeichen der spanischen Hauptstadt. Doch das neue Kirchenoberhaupt hatte für den ersten Termin, den er selbst wählen konnte, andere Pläne: Er fuhr lieber nach Lucerno, in den armen Süden Madrids, wo Arbeiter und Einwanderer leben. Dort ließ sich Leo durch eine Obdachlosenunterkunft führen. 15 Jahre war kein Papst mehr in Spanien gewesen, aber Leo nahm sich im Sozialzentrum „CEDIA 24 horas“ der Caritas erst einmal Zeit für Niurka und Khadry: Die beiden Migranten aus Kuba und Senegal berichteten von ihrer Aufnahme in Spanien.„Nächstenliebe duldet keinen Aufschub“, sagte der Papst in seiner kurzen Ansprache und „wir dürfen auf keinen Fall die Armen vergessen“ – in einem Land, in dem die rechten Parteien verlangen, der einheimischen Bevölkerung „nationale Priorität“ vor den Einwanderern zu geben. Schon an seinem ersten Tag seiner fast eine Woche dauernden apostolischen Reise zeigt Robert Francis Prevost seinen eigenen Stil: Erst gut ein Jahr im Amt, knüpft er an das soziale Engagement seines Vorgängers Franziskus an, wartet nicht mit schwierigen Themen und findet politisch deutliche Worte.Die Menschen in Madrid nehmen ihn herzlich und neugierig auf; es ist die erste Reise des Amerikaners in ein großes europäisches Land. Mehr als 1,1 Millionen strömten am Sonntagmorgen zum Fronleichnamsgottesdienst auf den Cibeles-Platz, es waren so viele wie bei keiner seiner bisherigen Messen. Etwa eine halbe Million waren es bei der Jugend-Gebetswache am Samstagabend auf dem Lima-Platz neben dem Bernabéu-Stadion von Real Madrid gewesen.Der Papst ist ein Fan von Real MadridDort haben die Kioske ihr Angebot sofort angepasst. Neben Schals mit Fußballikonen wie Mbappé und Bellingham verkaufen sie auch einen gelben mit Papst Leo neben einer Friedenstaube und mit der Aufschrift „Von Madrid in den Himmel“. Vor seiner Ankunft gestand er ein, dass er als Papst natürlich alle Mannschaften unterstütze, der Amerikaner Robert Prevost aber ein Fan von Real Madrid sei.Er kennt Spanien gut. Das Land hat der frühere Ordensobere der Augustiner zuvor mehrere Dutzend Male bereist, dessen Sprache er fließend spricht – mit einer leichten peruanischen Färbung. Gut zwanzig Jahre war der in Chicago geborene Weltbürger Missionar und Bischof in dem südamerikanischen Land, dessen Staatsangehörigkeit er besitzt und das ihn geprägt hat, wie er während der Vigil erzählt.„Klar, er kommt aus den USA und lebt jetzt in Rom, aber er ist einer von uns“, sagt María Ana stolz. Die Peruanerin sitzt auf einem Klappstuhl am Colón-Platz in der Sonne und schwenkt begeistert eine kleine Flagge ihres Heimatlandes, obwohl sie den Hunderte Meter entfernten Papst nur auf dem Großbildschirm sehen kann. Mehr als 80.000 Peruaner leben allein in Madrid, der „amerikanischsten“ Stadt in Europa: Leo verkörpert die Brücke nach Südamerika.Der Rapper Bad Bunny macht Leo KonkurrenzIn Madrid verursachte der Gast aus dem Vatikan einen kleinen Bevölkerungsaustausch. Aus Furcht vor einem Verkehrschaos waren viele Madrilenen aus der Stadt geflohen, in die Pilger und Fans eines anderen US-Amerikaners kamen; viele Hotels im Zentrum sind ausgebucht, auch wenn in Madrid nicht wie in der Nähe der Sagrada Família in Barcelona Balkone mit Blick auf den Papst für mehr als tausend Euro vermietet werden. Der aus Puerto Rico stammende Rapper Bad Bunny macht dem Papst im Atlético-Stadion Konkurrenz. Die meisten würden wohl den Sänger vorziehen, „aber es werden auch einige hier sein, um den Papst zu sehen“, scherzte Leo.In Madrid lässt er keinen Termin verstreichen, ohne seine Botschaften zu wiederholen. „Niemand kann vor dem Herrn niederknien und gleichzeitig seinen Bruder verachten“, mahnte er in seiner Predigt vor der Fronleichnamsprozession am Sonntag. Er nennt keine Namen, weder den amerikanischen Präsidenten noch die spanischen Rechtspopulisten der Vox-Partei. Jeder kann glauben, andere seien gemeint, wenn er dazu aufruft, „spaltende Erzählungen und sterile Vereinfachungen aufzugeben“ und warnt vor der „Versuchung, Popularität zu gewinnen, indem man das Feuer der Polarisierungen schürt“.Im Königspalast, wohin ihn sein erster feierlicher Protokolltermin als Staatsoberhaupt führt, wählt er ein Kompliment. An König Felipe und den sozialistischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez gewandt, dankte er für Spaniens „Treue zum Völkerrecht und zum Multilateralismus“ und dem Friedensengagement. Wie Sánchez hatte der Papst den Irankrieg abgelehnt.König Felipe spricht zum ersten Mal über MissbrauchUngewöhnlich deutlich wurde in seiner Begrüßungsansprache im Säulensaal König Felipe VI. bei einem Thema, das einen Schatten auf den Besuch fallen lassen könnte. Der Monarch lobte erst die „enorme soziale Arbeit der katholischen Kirche“, um dann hinzuzufügen: „Es gibt keinen größeren Gegensatz dazu als den Schmerz, der durch die Missbrauchsfälle verursacht wird.“ Er dankte Leo für seine „Klarheit und Entschlossenheit“, die unerlässlich für „den Heilungsprozess und die Wiedergutmachung“ seien. Zum ersten Mal hatte Felipe öffentlich darüber gesprochen.Der Papst selbst hatte bis zum Sonntag nur während seines Flugs nach Madrid von einer „weiterhin offenen Wunde“ gesprochen – auf die Frage eines mitreisenden Korrespondenten. Er versprach, in der gesamten Kirche „Normen zu etablieren und einzuhalten“. Nach Kritik von Opferverbänden, die mit Protesten drohten, hatte der Vatikan wenige Stunden vor dem Abflug doch noch ein Treffen mit Betroffenen angekündigt. Er werde „einige Opfer empfangen“, bestätigte Leo. Dazu wird es wohl hinter verschlossenen Türen an diesem Montag nach der ersten Rede eines Papstes vor dem spanischen Parlament kommen.
Papst Leo in Spanien: Real Madrid und soziale Themen
Vor mehr als einer Million Menschen feiert Papst Leo in Spanien seine bisher größte Messe. Schon zu Beginn seiner Reise findet er politisch deutliche Worte.
Papa Leo priorisierte bei seinem Besuch in Madrid Themen der Sozialpolitik – über 1,1 Millionen Teilnehmer beim Fronleichnamsgottesdienst bestätigen die breite Unterstützung seiner Agenda. Der Papst etabliert einen klaren Kurs gegen Polarisierung und Xenophobismus in Europa und positioniert sich als gewichtiger Akteur auf internationaler Bühne mit Fokus auf multilateralen Dialog und Friedensengagement.










