Der Papst im spanischen Parlament: Ein Appell an Gemeinsamkeit und HumanismusLeo IX. hält in Madrid eine historische Rede und wird allseits stürmisch gefeiert. Dabei hatte er nicht nur Komplimente mitgebracht – wie vor allem die Rechtspopulisten erfahren müssen.Florian Haupt, Barcelona08.06.2026, 16.14 Uhr4 LeseminutenGrosser Applaus für Papst Leo XIV. im spanischen Parlament. Abgeordnete beider Kammern waren zusammengekommen, um der ersten Rede eines Pontifex dort zu lauschen.Ciro De Luca / ReutersDer Applaus wollte nicht enden. Rund sieben Minuten standen und klatschten die Abgeordneten des spanischen Parlaments nach Ende der Rede von Leo XIV., und wenn der von so viel Euphorie geradezu beschämt wirkende Papst nicht irgendwann von selbst die Kanzel verlassen hätte: womöglich würden sie es jetzt noch tun.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es war allerdings auch ein historischer Anlass, der sich am Montagvormittag in Madrid zutrug: die erst fünfte Rede eines Pontifex Maximus vor einem Parlament nach Johannes Paul II. in Polen (1999) und Italien (2002), Benedikt XVI. in Deutschland (2011) und Franziskus in den USA (2015). Das Ambiente im Kongresssaal aus dem 19. Jahrhundert war feierlich, der Stolz über den hohen Besuch erkennbar. Doch so sehr die Abgeordneten einander auch in ihrer Hingabe an den Papst zu überbieten versuchten: Robert Francis Prevost hatte wahrlich nicht nur Komplimente mitgebracht.Selten ist es im Madrider Parlament so ruhig, wenn jemand von der Kanzel spricht, wie an diesem Montag. Erst am Schluss schalte es «Viva el Papa» von den Rängen.Elisabetta Trevisan / Vatican Media via ReutersDezent in der Form, aber klar in der Botschaft redete er den Parlamentariern ins Gewissen ihrer Profession. Demokratie erfordere Dialog -und Konsensbereitschaft statt «permanenter Diskreditierungen des Gegners», so Leo, der seine knapp halbstündige Rede in perfektem Spanisch hielt. Natürlich weiss der Papst, wie ausgeprägt das Lagerdenken im Königreich ist, wie polarisiert der Diskurs. In einem Haus, in dem sonst Kanonaden von Verunglimpfungen aneinandergereiht werden, appellierte er an die Vorbildwirkung öffentlicher Mandatsträger: «Sie haben eine besondere Pflicht, das Wort zu hüten und die Sprache abzurüsten».Es war nicht die einzige Stelle, an der sich besonders die Rechtsaussen-Politiker von Vox angesprochen fühlen durften. Die Aversion von Leo gegen deren Vereinnahmungsversuche der katholischen Tradition Spaniens zur Agitation gegen Einwanderer ist bekannt. In seinem Streifzug durch etliche Aspekte der «spirituellen und kulturellen Krise» der aktuellen Welt rückte der Papst nun immer wieder das «tragische Drama von Flüchtlingen» in den Mittelpunkt: «Die moralische Grösse einer Nation zeigt sich beim Schutz der Schwächsten».Der Papst sprach etwas über 30 Minuten in fliessendem Spanisch. Schon als junger Priester besuchte er Spanien regelmässig. Die Sprache festigte er aber besonders während seiner Zeit in Peru, wo er auch Bischof von Chiclayo war.Elisabetta Trevisan / Vatican Media via ReutersMigration als Schwerpunkt des PapstbesuchsZum Abschluss seiner einwöchigen Spanienreise wird Prevost am Freitag ein Flüchtlingszentrum auf den Kanarischen Inseln besuchen – am selben Tag tritt der neue europäische Migrationspakt in Kraft. Menschenrechtsaktivisten kritisieren, dass dieser für inhumane Zustände an den EU-Aussengrenzen sorgen könnte.Der päpstliche Schwerpunkt hat in Spanien aber auch innenpolitische Symbolkraft, nachdem die sozialistische Regierung jüngst die Legalisierung von Hunderttausenden Migranten durchsetzte. Am Samstag hatte Leo bereits ein Madrider Sozialprojekt besucht und dabei von einem Einwanderer eine Kopie seiner frischen Aufenthaltsgenehmigung geschenkt bekommen.Die Initiative zur Regularisierung war ursprünglich aus der Kirche gekommen, die konservative Opposition attackiert die Massnahme. Umgekehrt konnte sie sich am Montag über die Passagen freuen, in denen der Papst den Schutz des ungeborenen Lebens und der Schulwahlfreiheit für Eltern einforderte – die öffentlichen Subventionen für die vielen religiösen Semi-Privatschulen missfallen linken Kreisen.Vor allem eine VerschnaufpauseÜberwiegend bedeutete die Parlamentsrede von Leo – wie bisher sein ganzer Besuch – aber eine Atempause für die von Korruptionsaffären schwer gebeutelte Regierung. Bei den grossen Themen der Zeit findet der Papst in Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez schliesslich seinen derzeit wohl prononciertesten Verbündeten. Nicht umsonst avancierten beide in den vergangenen Monaten zu bevorzugten Zielscheiben des Zorns von US-Präsident Donald Trump.In seiner Parlamentsrede unterstrich Leo nun sein Eintreten für das Völkerrecht als Grundlage der internationalen Beziehungen und seine Sorge über den Mangel an Alternativen zu «Wiederbewaffnung als quasi unvermeidbare Notwendigkeit angesichts der Brüchigkeit des internationalen Szenarios». Schon am Samstag zu Auftakt hatte er der spanischen Regierung bei seinem Empfang im Königspalast explizit für ihre Position in Konflikten wie dem in Iran gedankt.Er sei besorgt, dass Wiederbewaffnung die Antwort der Zeit auf Konflikte sei, sagte der Papst. Der spanischen Regierung dankte er explizit für ihre Haltung im Iran-Krieg.Vatican Media via ImagoAuch auf das Thema der Künstlichen Intelligenz, dem er seine erste Enzyklika «Magnifica humanitas» gewidmet hat, kam der Papst am Montag zu sprechen: «Technologie ist nicht neutral, denn sie nimmt das Antlitz desjenigen an, der sie konzipiert, finanziert, reguliert und nutzt», sagte er in Anspielung auf das Maga-Universum von Trump und Tech-Milliardären wie Peter Thiel. Spaniens Rechtspopulisten sympathisieren mit diesen Kräften, Sánchez wirbt für ihre Eingrenzung.Insgesamt blieb Leo im Parlament etwas allgemeiner als bei seinem Empfang im Königspalast. Dort hatte er unter anderem gefordert, «identitären Ansätzen zu entfliehen, die alles zu erklären scheinen, aber die Welt mit Gespenstern und Feinden bevölkern». Wie schon eine kürzliche Begegnung mit konservativen Abgeordneten in Rom interpretieren Beobachter auch solche Bemerkungen als Appell an die klassische Christdemokratie, ihr Spektrum und ihre Wurzeln gegen aggressive Tendenzen zu verteidigen.Spanien habe grosse Traditionen, sagte der Papst vor dem Parlament: intellektuell etwa bei seinem Beitrag zur Entwicklung des Völkerrechts, in der Literatur und Philosophie darin, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Prevost, der wichtige Teile seiner Karriere in Peru durchlief, weiss, wie wichtig Spanien auch als Brücke in das katholische Lateinamerika ist. Er setze grosse Hoffnungen in das Land, schloss er seinen Appell an Gemeinsamkeit und Humanismus am Montagvormittag. Es wird sich zeigen, ob die Abgeordneten ihm so gut zugehört haben wie sie ihm applaudierten.Passend zum Artikel