Düsseldorf. Sieben Minuten lang spendeten die Abgeordneten Papst Leo XIV. stehende Ovationen, nachdem er das spanische Parlament in einer 30‑minütigen Rede mit unbequemen Wahrheiten konfrontiert hatte. Der erste amerikanische Papst der Geschichte mahnte die Politiker zu ihrer moralischen Verantwortung – gegenüber Migranten, für den Frieden und gegen eine politische Kultur der Herabwürdigung.„Die Welt befindet sich in einer tiefen geistigen und kulturellen Krise, die sich in vielfältigen Formen von Gewalt, Polarisierung und gegenseitigem Misstrauen zeigt“, sagte der Papst. Gesetzgeber müssten sich bewusst machen, dass ihre Entscheidungen konkrete Folgen für Menschen aus Fleisch und Blut hätten – vor allem für jene, die am wenigsten die Möglichkeit haben, ihre Stimme zu erheben.Der Besuch hat hohen Symbolwert. Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez inszeniert sich als europäischer Anti-Trump, der von Beginn an die Angriffe der USA und Israels auf den Iran offen kritisiert und zur Einhaltung des Völkerrechts aufgerufen hat. Auch der Papst hat den Krieg mehrfach verurteilt – und sich damit den Zorn von US-Präsident Donald Trump zugezogen.Vor dem Kongress in Madrid erklärte Leo XIV., es sei „Verpflichtung der Staaten, ihre Streitigkeiten auf friedlichem Wege beizulegen, wie es das Völkerrecht vorsieht“. Waffen könnten zwar vorübergehend zum Schweigen zwingen, schafften aber niemals einen echten und dauerhaften Frieden.„Daher gibt es Anlass zur Sorge, dass an verschiedenen Orten der Welt, auch in Europa, Aufrüstung erneut als nahezu unvermeidliche Reaktion auf die instabile internationale Lage erscheint“, mahnte der Papst. Vor allem Künstliche Intelligenz dürfe niemals automatisiert über Leben und Tod entscheiden.Premier Sánchez (l.), Papst Leo XIV.: Der Pontifex hält sich bis Freitag in Spanien auf. Foto: AFPMit Verweis auf seine Enzyklika „Magnifica humanitas“ betonte Leo XIV., technologische Entwicklung sei nicht neutral, sondern nehme „die Züge derjenigen an, die sie konzipieren, finanzieren, regulieren und nutzen“. Entscheidend sei, welchen Platz der Mensch in politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen einnehme.Enzyklika „Magnifica humanitas“ „KI entwaffnen und lebensfähig machen“ – Papst Leo will KI moralisch erziehen Migration: Der Papst mahnt, die EU handelt andersSein zweites großes Anliegen war „das tragische Migrationsdrama“, das allzu oft verborgen oder ignoriert werde. Wenige Tage nach der Verschärfung des europäischen Asylrechts mahnte der Papst in Madrid, Prävention, Rettung und Unterstützung für die Betroffenen deutlich zu verstärken. Die Staaten müssten „sichere und legale Wege, eine respektvolle Aufnahme und echte Integrationsmöglichkeiten“ schaffen.Die EU schlägt indes einen gegenteiligen Kurs ein: In der vergangenen Woche hat sie den Weg für die Einrichtung sogenannter Return Hubs freigemacht mit dem Ziel, mehr Abschiebungen zu ermöglichen. In diese Aufnahmeeinrichtungen außerhalb der Europäischen Union sollen ausreisepflichtige Migranten gebracht werden, die nicht in ihre Herkunftsländer zurückgeführt werden können. Welche Staaten bereit wären, solche Zentren auf ihrem Territorium einzurichten, ist bislang offen.Spanien geht derweil einen eigenen Weg: Ministerpräsident Sánchez lässt derzeit mehr als eine halbe Million bislang illegaler Migranten legalisieren. Nach Einschätzung von Fachleuten ist die hohe Zuwanderung für nahezu die Hälfte des kräftigen Wirtschaftswachstums Spaniens seit 2022 verantwortlich.Messe auf der Plaza de Cibeles in Madrid: 1,2 Millionen Menschen wollten den Papst sehen. Foto: Manu Fernandez/AP/dpaPapst Leo XIV. hält sich seit Samstag in Spanien auf. Von Madrid reist er weiter nach Barcelona und anschließend auf die Kanaren, wo er am Donnerstag Migranten treffen will.Vor dem spanischen Kongress ging der Papst mit der Politik ins Gericht – auch mit der spanischen. „Politische Vielfalt sollte nicht dazu führen, dass der Gegner ständig herabgewürdigt wird“, mahnte er. In Spanien verläuft ein tiefer politischer Graben zwischen rechten und linken Parteien, der die inhaltliche Auseinandersetzung mit Themen oft überlagert.