Jositsch, Rickli, Badran: In Zürich kommt es wohl zum Ständeratsrennen der politischen Schwergewichte. Wer hat die besten Chancen?Der Kanton Zürich wählt 2027 seine Vertretung im Ständerat. Nach Jositschs Parteiaustritt folgt eine Überraschung nach der anderen.06.06.2026, 05.00 Uhr5 LeseminutenJacqueline Badran, Natalie Rickli, Daniel Jositsch liefern sich ein Schattenboxen.Bilder Keystone; Bearbeitung NZZDer Kanton Zürich wählt seine Vertretung im Ständerat. Zwar erst 2027, aber der Wahlkampf hat bereits begonnen – und das fulminant. Der Bisherige Daniel Jositsch will es noch einmal wissen, aber nicht mehr als Mitglied der SP. Die Grünliberale Tiana Moser möchte ihren Sitz verteidigen. Die SP-Nationalrätin Jacqueline Badran steht in den Startlöchern, neuerdings auch die SVP-Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es könnte zum Ständeratsrennen der Superlative kommen. Doch es stellen sich einige gewichtige Fragen.1) Kneift Badran und sorgt für den Super-GAU der SP?Nach dem Parteiaustritt von Daniel Jositsch richten sich in der SP alle Augen auf Jacqueline Badran. Die Nationalrätin und politische Urgewalt spielte beim unrühmlichen Abgang Jositschs eine zentrale Rolle – obwohl sie festhielt, sich «grundsätzlich und nachweislich» nie in Personalpolitik einzumischen.Kurz vor der entscheidenden SP-Versammlung liess sie verlauten: «Sollte die Partei respektive die Delegierten wollen, dass ich kandidiere, werde ich zur Verfügung stehen.» Badrans gezielt platzierter Einwurf offerierte den SP-Delegierten eine Alternative zum wenig geliebten Jositsch. Lediglich acht Stimmen besiegelten schliesslich dessen Schicksal.Nun ist die klare Erwartung der Genossen, dass ihre vermeintliche Spitzenkandidatin zu ihrem Wort steht. Doch sicher ist das nicht. Bereits kursiert im politischen Zürich das Gerücht, Badran wolle einen Rückzieher machen – genauso wie sie es vor den Zürcher Stadtratswahlen 2021 getan hatte. «Jaco», «Jackie always chickens out», lautet ein geflügeltes Wort. Es ist angelehnt an das erratische Verhalten des amerikanischen Präsidenten Trump («Taco»), der mit einem ähnlich aufbrausenden Temperament wie Badran gesegnet ist.Würde Badran kneifen, wäre dies der Super-GAU für die Zürcher SP. Ihren bisherigen Ständerat hätte sie in die Wüste geschickt, und eine personelle Alternative mit Wahlchancen stünde nicht zur Verfügung. Ihr Ständeratssitz wäre Geschichte.Wie gross die Wahlchancen für Badran wären, ist ebenfalls alles andere als klar. Ja, sie war bei den letzten Nationalratswahlen Panaschierkönigin und erzielte 150 000 Stimmen – mehr als alle anderen Kandidaten. Doch das Ständeratsrennen ist eine Majorzwahl; eingemittete Politiker sind im Vorteil. Etwas, das für die Polterin Badran definitiv nicht zutrifft.Für Daniel Jositsch, der nun als Parteiloser kandidiert, dürfte es die grösste Genugtuung sein, wenn er ausgerechnet seine ehemalige parteiinterne Widersacherin in einer Volkswahl besiegen könnte. Seine Wahlchancen gelten bei Beobachtern als ausgezeichnet – wegen seines Profils, seines Leistungsausweises und des Bisherigenbonus. Bei den letzten Wahlen holte er über 230 000 Stimmen und wurde im ersten Wahlgang souverän bestätigt.2) Stürzt Natalie Rickli die SVP ins Dilemma?An demselben Tag, an dem Jositsch seinen Austritt aus der SP verkündete, brachte sich die Zürcher SVP-Regierungsrätin Natalie Rickli unerwartet ins Spiel: «Ich prüfe eine Ständeratskandidatur», gab sie bekannt.Überraschend ist dies insofern, als Rickli bereits angekündigt hat, dass sie für eine weitere Legislatur im Regierungsrat zur Verfügung stehen werde. Falls sie sich für die Ständeratswahlen aufstelle, werde sie dieses Vorhaben aber fallenlassen, schreibt sie in einer Stellungnahme.Über die Gründe für den möglichen Richtungswechsel lässt sich nur spekulieren: Will Rickli einfach nur zurück an ihre alte Wirkungsstätte nach Bundesbern? Oder versucht sie gerade, ihrem Amt als kantonale Gesundheitsdirektorin zu entfliehen, in dessen Dunstkreis sich wegen der Causa Maisano am Unispital ein Skandal ereignete?Fest steht: Rickli stellt ihre Partei vor ein strategisches Dilemma. Mit zwei neuen Kandidaten in das Rennen um Sitze in der Kantonsregierung zu gehen – das sei «klar ein Risiko», sagt Domenik Ledergerber, Präsident der Zürcher SVP. Gleichzeitig hält er fest: «Natalie Rickli wäre eine starke Kandidatin für den Ständerat.» Die SVP hatte letztmals 2007 mit Hans Hofmann einen Sitz in der kleinen Kammer. «Nach zwanzig Jahren hoffen wir, diesen zurückzugewinnen», sagt Ledergerber. Deshalb wolle man nun «alle Optionen sorgfältig prüfen».Als Alternative für den Ständerat wurde bereits die Nationalrätin Nina Fehr Düsel genannt, die ebenfalls Interesse an einem Wechsel in die kleine Kammer geäussert hat. Ledergerber will sich heute nicht zu dieser Option äussern. Ein Grund hierfür könnten die Plagiatsvorwürfe gegen Fehr Düsels Dissertation sein, die nach wie vor im Raum stehen.Ausserdem gibt es Spekulationen, dass sich sogar der abtretende Regierungsrat Ernst Stocker als Ständeratskandidat aufstellen lassen könnte. In diesem Fall steht für Ledergerber aber fest: «Stocker hat sich nun seinen Ruhestand verdient.»3) Fehlende Spitzenkandidaten bei der FDP – spannen die Bürgerlichen zusammen?Angesprochen auf das Gerücht, dass er womöglich selbst für den Ständerat kandidieren wolle, lacht Filippo Leutenegger. «Kein Kommentar», sagt er zuerst nur. Und dann: «Ich bin Präsident der Zürcher FDP und nicht Ständeratskandidat.»Gleichzeitig fehlt es den Freisinnigen aber an einem offensichtlichen Spitzenkandidaten. Der Fokus von Nationalrat Andri Silberschmidt etwa liegt derzeit – anders als bei Rickli – klar auf den Zürcher Regierungsratswahlen. Der 32-Jährige strebt hier die Nachfolge von Carmen Walker Späh an.In den Fokus rücken die übrigen Mitglieder der fünfköpfigen Zürcher FDP-Nationalratsfraktion. Bettina Balmer möchte sich noch nicht im Rennen um den Ständerat sehen: «Wir werden in der Partei erst entscheiden müssen, ob wir antreten. Ich werde mir zu gegebener Zeit Gedanken machen.» Gleiches gilt für Beat Walti. Er sagt zwar: «Das Amt des Ständerats ist inhaltlich spannend.» Die Vereinbarkeit mit seinem Beruf als Partner bei einer Anwaltskanzlei wäre aber schwieriger. Ausserdem stünden die parteistrategischen Entscheide erst noch an.Klar Stellung bezogen hat hingegen Nationalrat Hans-Peter Portmann. Wenn das gewünscht sei, würde er sich eine Kandidatur «ernsthaft überlegen». Das sagte er den Tamedia-Zeitungen. Es gelte schliesslich, die derzeitige Konstellation von GLP und SP im Ständerat zu durchbrechen.Denkbar ist auch, dass die FDP dazu bei den Ständeratswahlen von Anfang an mit der SVP zusammenspannt. Laut dem SVP-Präsidenten Domenik Ledergerber steht man derzeit im Gespräch. «Wir prüfen, ob wir uns im bürgerlichen Lager auf eine gemeinsame Kandidatur einigen können.»4) Reicht Moser von der GLP der Bisherigenbonus?Die GLP hat 2023 einen der beiden Ständeratssitze erobert. Tiana Angelina Moser hat vor, ihren Sitz zu halten. Sie sagt: «Ich werde auf jeden Fall erneut antreten.»Moser dürfte intakte Chancen haben, erneut gewählt zu werden: Als GLP-Vertreterin ist sie in der politischen Mitte angesiedelt und würde Stimmen aus dem ganzen politischen Spektrum holen – wenn auch möglicherweise weniger als bei den letzten Wahlen. Weil die GLP nicht genug Ständeräte hat, um eine eigene Gruppe zu bilden, hat sich Moser den Grünen angeschlossen. Das könnte sie Unterstützung aus dem bürgerlichen Lager kosten. So wird sich wohl zeigen müssen, ob der Bisherigenbonus reicht, um ihr die Wiederwahl zu sichern.5) Verschlafen Mitte und Grüne den Wahlkampf?Die Mitte scheint vom frühen Beginn des Ringens um die Ständeratssitze überrascht zu sein. Die Zürcher Mitte-Präsidentin Tina Deplazes sagt: «Wir sind noch nicht so weit.» Wahrscheinlich werde man einen Kandidaten oder eine Kandidatin aufstellen – wer, sei aber noch unklar.Bei den letzten Ständeratswahlen trat Philipp Kutter an, damals Stadtpräsident von Wädenswil und bis heute Nationalrat. Doch er hat bereits Interesse an einem Regierungsratssitz bekundet – dass er sich für den Ständerat aufstellen lassen möchte, kann man deshalb ausschliessen. Am naheliegendsten sind deshalb Yvonne Bürgin und Nicole Barandun, die die Zürcher Mitte im Nationalrat vertreten.Entscheiden wird die Mitte aber noch lange nicht: Ihre Findungskommission nimmt ihre Arbeit erst nach den Sommerferien auf.Auch die Grünen haben noch keinen Kandidaten und keine Kandidatin auserkoren. Präsidentin Selma L’Orange-Seigo sagt: «Wir werden auf jeden Fall eine Kandidatur aufstellen, das tun wir immer.» Wann Namen feststehen werden, ist aber noch offen.Passend zum Artikel
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