Er gilt als Überflieger und besucht als Einziger seiner Klasse eine Mittelschule. Doch dann driftet der Attentäter von Winterthur ins Islamistenmilieu abDie radikale Szene zieht noch immer viele Junge in ihren Bann. Ein Teil der Extremisten hat in einer Moschee in Schaffhausen einen neuen Treffpunkt gefunden – unter ihnen auch der Attentäter.03.06.2026, 05.00 Uhr9 LeseminutenDie im Sommer 2017 geschlossene An-Nur-Moschee war ein wichtiger Treffpunkt für die Islamistenszene. Auch für den Attentäter vom Winterthurer Hauptbahnhof.Illustration Anja Lemcke / NZZHamad Köz (Name geändert) ist das Horrorszenario der Ermittler. Ein Täter, der einen Anschlag gegen ein schwach geschütztes Ziel verübt. Mit geringen Mitteln und ohne grosse Planung. Ein Einzeltäter, den die Geheimdienste und Strafverfolger häufig übersehen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.So passiert es vergangene Woche am Bahnhof Winterthur. Köz sticht am Donnerstagmorgen auf mehrere Passanten ein. Augenzeugen berichten, wie der 31-jährige türkisch-schweizerische Doppelbürger bei der Messerattacke «Allahu akbar» gerufen hat.Bald zeigt sich: Köz war kurz zuvor aus der Psychiatrie entlassen worden. Die Spur nach dem mutmasslichen Terrorakt führt auch in jenes Milieu, das die Stadt vor zehn Jahren über die Schweizer Grenzen hinaus in den Fokus der Sicherheitsbehörden gerückt hat: die Islamistenszene.Eine radikale Szene, der es noch immer gelingt, junge Männer und Frauen in der Schweiz in ihren Bann zu ziehen.Die Moschee der RadikalenDie Anfänge der Winterthurer Islamistenszene reichen zurück in die 2000er Jahre. Früh kursieren Geschichten – von extremistischen Wanderpredigern in Moscheen, von Vätern, die ihre Söhne aus Angst vor den Radikalen nicht in bestimmte Kampfsport-Center schicken, von bärtigen Islamisten, die in der Stadt umherziehen, um Gefolgsleute zu gewinnen.Und immer wieder fällt der Name einer Moschee. Ihr Name: An-Nur – arabisch für «Licht». Sie befindet sich in einem gesichtslosen Gewerbebau, eingeklemmt zwischen Autogaragen, Bahngleisen und einem kleinen Einkaufscenter im Winterthurer Stadtteil Hegi.2009 bezeichnet ein Ermittler das Gebetshaus gegenüber dem «Sonntags-Blick» erstmals als «potenziell problematisch». Dort habe es «immer wieder eine gewisse Sympathie für radikal-islamistische Gruppen» gegeben, sagt er.2012 verteilt ein Knabe in einer Primarschule in Winterthur Flyer des deutschen Konvertiten und Hasspredigers Pierre Vogel. Zu einem Mitschüler, der sich nicht bekehren lassen will, soll er gesagt haben: «Du bist vom Teufel besessen.» Später wird klar, der Knabe ist der Sohn des Imams der An-Nur-Moschee.So richtig in den öffentlichen Fokus rückt die Moschee 2015. Mehrere junge Personen aus Winterthur reisen ins Kriegsgebiet in Syrien und schliessen sich dort der Terrormiliz Islamischer Staat an. Sie haben eines gemeinsam: Sie verkehrten alle in dem Gebetshaus.Die Szene ist gut vernetzt. Es gibt Verbindungen zu Gleichgesinnten in Süddeutschland, aber auch nach Österreich und in den Balkan. Und die Szene wächst: Die Ermittlungsbehörden zählen irgendwann rund sechzig Personen zu dem Milieu. Viele stammen aus schwierigen Verhältnissen, einige haben die Schule abgebrochen oder sind arbeitslos. Sie kennen sich vom Kampfsport, aus der Schule oder aus der Moschee. Oft kommen sie in Trainerhosen und mit Sporttaschen zum Gebetshaus. Dort ziehen sie sich um, legen weisse Gewänder an und versammeln sich zu den Lektionen der Prediger.«Die Lektionen finden oft in Nebenräumen des Gotteshauses statt, doch der Imam schreit dabei so laut, dass es auch unbeteiligte Muslime im grossen Gebetsraum hören können», schreibt der Journalist Kurt Pelda, der wohl beste Kenner der Schweizer Islamistenszene, 2015 in einem Artikel in der «Weltwoche».In den Lektionen werden überlieferte Aussagen des Propheten Mohammed behandelt und radikal ausgelegt. Die Prediger vermitteln den Teilnehmern das Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen, Auserwählte zu sein. Ihr Überlegenheitsgefühl wird gestärkt durch den Hass auf die «Kuffar», die Ungläubigen.Die meist Jugendlichen und jungen Erwachsenen hören gebannt zu. Einer von ihnen ist Hamad Köz. Er ist damals 20 Jahre alt.Ein Begabter radikalisiert sichHamad Köz wächst zusammen mit zwei jüngeren Brüdern in Winterthur Wülflingen auf. 2010 zieht die Familie innerhalb der Stadt um, in ein ruhiges Wohnquartier. Seine Eltern stammen aus einem Dorf in der Türkei, Köz wird in der Schweiz geboren.Im Quartier steht der älteste der drei Brüder für eine Erfolgsgeschichte. Als Einziger seiner Klasse schafft er es an die Handelsmittelschule (HMS). Darauf ist er stolz, den Schulkollegen an der HMS erzählt er es immer wieder. An der Schule gilt Köz, damals ein schmächtiger Jugendlicher mit einem bubenhaften Gesicht, als witzig und intelligent. So erzählen es Personen, die mit ihm zu tun hatten.Dann beginnt er sich zu verändern.In jeder freien Minute liest er im Koran, mit den Schulkollegen will er nur noch über den Islam sprechen. Die Schulnoten werden schlechter, Köz isoliert sich zunehmend.Jemand erinnert sich, dass er plötzlich angefangen habe, die Schulfreunde zu provozieren und sie als Rassisten zu beschimpfen. Einmal habe er seinen Schweizer Pass in die Schule mitgenommen. Er hatte ihn erst kurz davor erhalten, 2009 war er eingebürgert worden. Köz habe den Pass auf den Boden geworfen und sei demonstrativ darauf herumgetrampelt.Er fehlt immer häufiger in der Schule, dann ist er plötzlich ganz weg. Monatelang sieht ihn von den Schulfreunden niemand mehr. Bis er plötzlich an einer Party auftaucht, zusammen mit einem Schlägertrupp. Die Jugendlichen hätten provoziert und gepöbelt. Als sie gemerkt hätten, dass sie in der Unterzahl seien, seien sie gegangen.Köz zieht sich zurück. Nachbarn sagen, er sei häufig mit dem Laptop auf dem Balkon gesessen und habe Red Bull getrunken und geraucht. Die Wohnung verlässt er fast nur noch, um die Moschee zu besuchen.Wie tief drin in der Islamistenszene er bereits ist, zeigt sich 2015. Köz, damals 20 Jahre alt, muss sich vor Gericht verantworten. Zwei Jahre zuvor soll er zusammen mit einem Bruder und einem Freund angetrunken einen Deutschen krankenhausreif geprügelt haben.Der «Landbote» berichtet damals über den Prozess: «Aus dem angetrunkenen Jugendlichen, der in einer Novembernacht 2013 einen Mann angegriffen haben soll, ist ein radikalgläubiger Muslim geworden. Dem Alkohol hat er entsagt, nun trägt er Bart und fordert die Einführung der Scharia, des islamischen Rechts. Die Schweizer Justiz lehnt er offen ab.»Köz ist arbeitslos. Sein Alltag besteht aus Beten und Social Media. Auf Facebook postet er Bilder von Hinrichtungen und bekundet seine Bewunderung für die Attentäter des islamistischen Terroranschlags auf die Redaktion des Satiremagazins «Charlie Hebdo» in Paris, bei dem 2015 zwölf Personen getötet werden.Was genau zur Radikalisierung von Hamad Köz führt, bleibt unklar. Bekannte sagen später, er sei am Leistungsdruck zerbrochen. Andere vermuten, eine schwierige Kindheit habe eine Rolle gespielt. Wieder andere halten ihn für psychisch krank.Sicher ist nur: Im Umfeld der Winterthurer Salafistenszene findet Köz Halt und Zugehörigkeit. Und Kontakte zu ebenso fanatischen IS-Anhängern.In engem Kontakt steht er mit Christian I., der später zum Jihadisten wird. Die beiden wachsen nur wenige hundert Meter voneinander entfernt auf und besuchen dieselbe Schule. Christian I. reist 2015 nach Syrien, wo er bei einem Luftangriff der USA ums Leben gekommen sein soll. Köz ist auch vernetzt mit einigen der Leitfiguren. Mit Sandro V. etwa, der sich selbst «Emir von Winterthur» nennt. Oder mit einem jungen Mann, der sich selbst Idris al-Albani nennt. Und der nach seiner Rückkehr aus Syrien zu einem der Wortführer in der Szene wird.Winterthur macht in dieser Zeit international Schlagzeilen als «Mekka der Schweizer Jihadistenszene». Auch über Köz kursieren Gerüchte. Er sei nach Syrien gereist, um sich dem Islamischen Staat anzuschliessen. Belege dafür fehlen.Sein Name taucht zwar immer wieder in Justizakten auf. In Verfahren, die die Ermittler gegen Exponenten aus der Winterthurer Islamistenszene führen. Doch gegen ihn selbst führt die Bundesanwaltschaft nie ein Strafverfahren.Insider berichten über eine andere Auffälligkeit bei Hamad Köz: seinen psychischen Zustand. Er habe sich selbst als schizophren bezeichnet, sich aber auch als eine Art Gelehrten gesehen. Immer wieder sei er mit kruden Geschichten und Theorien aufgefallen.Köz besucht die An-Nur-Moschee, doch anders als andere Salafisten scheint er weniger von ihr abhängig zu sein. Die meiste Zeit verbringt er allein zu Hause. «Der grösste Imam ist das Internet», sagt er 2015 in einem Interview mit Tamedia.Im selben Gespräch erklärt Köz zunächst, er sei «viel zu schwach», um in den Krieg zu ziehen. Später sagt er jedoch: «Wenn Allah entscheidet, dass ich gehen soll, dann gehe ich.» Wie weit seine Radikalisierung damals bereits fortgeschritten ist, zeigt sich auch daran, wen er kritisiert: Den deutschen Salafistenprediger Pierre Vogel bezeichnet Köz als «zu weich» — obwohl Vogel in mehreren Ländern als extremistischer Influencer gilt und in der Schweiz mit einer Einreisesperre belegt wurde.Die Radikalen verlieren ihren TreffpunktMit jeder Jihad-Reise, mit jedem neuen Radikalisierungsfall rückt die An-Nur-Moschee mehr in den Fokus der Behörden. Im Herbst 2016 durchsuchen Ermittler die umstrittene Moschee, sie nehmen auch einen Imam fest, der in einer Predigt zum Mord an missliebigen Muslimen aufgerufen hat.Wenige Monate später werden bei einer weiteren Polizeiaktion zehn Personen aus dem Umfeld der Moschee verhaftet. Sie waren dabei, als zwei Gläubige in der An-Nur-Moschee attackiert wurden, weil man in ihnen Spitzel sah, die Informationen an die Medien herausgaben. Unter den Angreifern befinden sich auch die beiden Brüder von Hamad Köz.Schliesslich verlängert der Vermieter den Vertrag mit dem Moscheeverein nicht mehr, im Sommer 2017 ist endgültig Schluss. «Ein Weitermachen macht keinen Sinn mehr», sagt der Präsident des Gotteshauses damals zur NZZ. Die Leute hätten Angst, sich in der Moschee sehen zu lassen.Mit der Schliessung des Gotteshauses verlieren die Radikalen zwar ihren zentralen Treffpunkt. Doch die meisten von ihnen sind immer noch da. Sie treffen sich in privaten Wohnungen ausserhalb von Winterthur, in Musikproberäumen und Pfadiheimen, einige besuchen andere Moscheen.Die Ermittler bekämpfen die Szene mit viel Aufwand. Sie verwanzen Fahrzeuge, Wohnungen und Treffpunkte, sie installieren Videoüberwachungen, hören Telefonate ab und observieren einige der Führungsfiguren.Viele von ihnen kommen in den folgenden Jahren vor Gericht und werden zu mehrjährigen Freiheitsstrafen verurteilt. Figuren wie Sandro V., Idris oder Azad M., der die An-Nur einmal lobend als «Moschee der Terroristen» bezeichnete – und sein Umfeld mit den Worten «Hallo, hier ist der Islamische Staat» begrüsste.Die Szene ist dadurch vielleicht geschwächt, zerschlagen ist sie jedoch nicht. Eine mit den Ermittlungen vertraute Person drückt es damals so aus: «Wenn der Vater dem Extremismus huldigt, färbt das auch auf die nächste Generation ab.» Obwohl die Islamisten in den folgenden Jahren in der öffentlichen Wahrnehmung weniger präsent sind, zieht die Szene weiterhin junge Männer und Frauen in ihren Bann.In einem Interview mit dem «Sonntags-Blick» warnt Bundesanwalt Stefan Blättler im Herbst 2025 vor der neuen Generation von Islamisten. Seine Leute führten mit 140 so viele Terrorverfahren wie noch nie.Die Szene bleibtEin Teil der Islamistenszene verkehrt seit einigen Jahren in einer neuen Moschee. Sie liegt in Neuhausen im Kanton Schaffhausen. Das Gebetshaus gilt seit längerem als Treffpunkt der Radikalen. Der als «Rollstuhl-Jihadist» bekannt gewordene Osamah M. verkehrt dort. Der Iraker, der im Krieg in seiner Heimat derart schwer verletzt wurde, dass er im Rollstuhl sitzt, wurde 2016 verurteilt, weil er einen Terroranschlag in Europa mitgeplant haben soll. Die Behörden betrachten ihn als Gefahr für die Sicherheit, doch ein Gericht hat die gegen ihn verhängten Massnahmen inzwischen aufgehoben.Auch der Jihad-Rückkehrer Idris und weitere Personen aus der Winterthurer Szene besuchten die Moschee laut einem Bericht von CH Media zeitweise. Dabei war da manchmal auch Hamad Köz, wie die NZZ aus mehreren übereinstimmenden Quellen erfahren hat.Die Szene rund um das Schaffhauser Gebetshaus gerät zunehmend in den Fokus der Ermittler. 2024 werden zwei radikalisierte Jugendliche aus Neuhausen verhaftet, die Sprengstoffanschläge geplant haben sollen. Sie werden verdächtigt, den IS unterstützt zu haben. Laut der Schaffhauser Staatsanwaltschaft ging es um Anschlagsziele in der Schweiz.Im gleichen Jahr verlässt Hamad Köz die Schweiz und lebt laut den Zürcher Behörden knapp zwei Jahre lang in der Türkei. Was er dort genau gemacht hat, ist unklar.Klar ist: Im Mai 2026 taucht Köz wieder auf. Und dann geht es plötzlich schnell. Drei Tage vor der Tat, am 25. Mai 2026, meldet sich der 31-Jährige über den Notruf bei der Winterthurer Stadtpolizei. Er macht wirre Aussagen, spricht davon, in seiner Wohnung festgehalten zu werden.Nach dem Anruf rückt die Polizei aus, Köz wird daraufhin in die Integrierte Psychiatrie Winterthur (IPW) eingewiesen. Gegen ihn wird eine fürsorgerische Unterbringung ausgesprochen. Auch auf anderer Ebene werden die Behörden aktiv. Laut einem Bericht des «Sonntags-Blicks» informiert die für Extremismusfälle geschaffene Sonderkommission Master der Kantonspolizei Zürich die Bundeskriminalpolizei über den Fall Köz.Doch das verhindert nicht, dass Köz am Tag nach seiner Entlassung aus der Psychiatrie am Bahnhof in Winterthur zusticht. Inzwischen ermittelt die Bundesanwaltschaft wegen mehrfachen versuchten Mordes und Beteiligung an und Unterstützung einer terroristischen Organisation gegen den 31-Jährigen. Im Vordergrund steht für die Ermittler derzeit die Hypothese eines terroristisch motivierten Anschlags. Für Köz gilt bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung die Unschuldsvermutung.Sein Fall hat die Islamistenszene schlagartig zurück in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gebracht.Passend zum Artikel
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