Er war ein glühender IS-Anhänger – und bezeichnete sich selbst als schizophren. Als er aus der Psychiatrie entlassen wird, sticht er auf Passanten ein und schreit «Allahu akbar!»Der mutmassliche Attentäter von Winterthur verkehrte lange in der Islamistenszene. Geschichte eines labilen Eigenbrötlers mit radikalem Gedankengut.29.05.2026, 05.00 Uhr7 LeseminutenPolizisten durchsuchen mit Spürhunden die Gegend, in der der Attentäter von Winterthur gewohnt hat.NZZOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die dunklen Haare und der Bart stehen wild ab, das schlabbrige T-Shirt hängt lose über den kurzen Hosen. Als Einsatzkräfte der Polizei Hamad Köz (Name geändert) am Winterthurer Hauptbahnhof abführen, blicken Passanten erschrocken auf – manche filmen die Szene.Es ist Donnerstagmorgen. Kurz zuvor, um 8 Uhr 30, ist der 31-jährige schweizerisch-türkische Doppelbürger zur Tat geschritten. Er stach auf drei Männer ein, Zufallsopfer im Alter von 28, 43 und 52 Jahren. Augenzeugen berichten später, wie Köz bei der Messerattacke «Allahu akbar» gerufen hat. Alle drei Opfer mussten ins Spital gebracht werden, sie sind teilweise schwer verletzt. Einer der Männer wird am Oberschenkel verletzt und muss notoperiert werden.Das Motiv des Täters liegt noch im Dunkeln. Sollten die Ermittlungen den Verdacht bestätigen, wäre es eine der gravierendsten islamistisch motivierten Terrorattacken, die die Schweiz bisher gesehen hat. Der Zürcher Sicherheitsdirektor Mario Fehr spricht an einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz am Donnerstagnachmittag bereits von einem Terrorakt. Möglich wäre allerdings auch, dass der Mann während eines psychotischen Schubs zur Tat schritt.Das Video eines Taxifahrers zeigt, wie der mutmassliche Angreifer abgeführt wird.Sicher ist: Hamad Köz ist kein Unbekannter. Der 31-Jährige bewegt sich seit vielen Jahren in extremistischen Kreisen, er galt als glühender Anhänger der Terrormiliz Islamischer Staat.Und: Er ist psychisch schwer angeschlagen. Kurz vor der Tat wurde Köz in die Psychiatrie eingeliefert, dort aber wieder entlassen. Ein Arzt hatte entschieden, dass beim 31-Jährigen weder Fremd- noch Eigengefährdung vorliege.Ein «Gelehrter» mit kruden Geschichten und TheorienHamad Köz verbringt seine Kindheit und Jugend im Winterthurer Stadtquartier Wülflingen. 2010 zieht er innerhalb der Stadt um, in eine ruhige Gegend mit in die Jahre gekommenen Wohnblöcken einer Genossenschaft. Köz ist der Älteste von drei Brüdern. 2009 wird er eingebürgert, 2024 beantragt er die Erneuerung seines Schweizer Passes, taucht aber nie auf dem Amt auf.Er bewegt sich schon als junger Mann in der Islamistenszene. Damals erobert die Terrormiliz IS in Syrien gerade Landstrich um Landstrich, Stadt um Stadt. Und sie ruft ein Kalifat aus. Tausende junge Männer und Frauen aus Europa ziehen in den Jihad, um sich den radikalen Islamisten anzuschliessen.Auch aus der Schweiz, auch aus Winterthur.Köz ist eng vernetzt mit der radikal-islamistischen Szene. Vor allem auch mit den Einflüsterern, Rekrutierern und ideologischen Mentoren. Er kennt Sandro V., der sich selbst «Emir von Winterthur» nennt, ein Mann, der schon früh nach Syrien reist und später zu einer mehrjährigen Freiheitsstrafe verurteilt wird. Eng ist die Beziehung laut gut informierten Quellen auch zu einem jungen Mann mit kurdischen Wurzeln, der später nach Syrien geht, um für den IS zu kämpfen. Er stirbt später im sogenannten Kalifat.Personen, die Hamad Köz kennen, berichten auch über eine andere Auffälligkeit: den psychischen Zustand von Köz. Er habe sich selbst als schizophren bezeichnet, sich aber auch als eine Art Gelehrter gesehen. Immer wieder sei er mit kruden Geschichten und Theorien aufgefallen – und damit manchmal auch mit den Wortführern aus der Szene aneinandergeraten.Nicht nur deswegen gilt Köz als Eigenbrötler. Er ist nur selten bei Treffen der IS-Anhänger anwesend, lieber verbringt er seine Zeit daheim auf seinem Sitzplatz. Nachbarn erzählen, er habe manchmal stundenlang auf dem Balkon gesessen, sei am Rauchen oder am Computer gewesen. Er sei ein unauffälliger Nachbar gewesen.Den Behörden fällt der junge Mann auf. 2015 wird er wegen Verbreitung von IS-Propaganda angezeigt, 2018 ermitteln sie gegen ihn im Zusammenhang mit einer Schlägerei.Köz’ Name taucht immer wieder in Justizakten auf. Auch in Verfahren, die die Ermittler gegen Exponenten aus der Winterthurer Islamistenszene führen. Einer von ihnen ist der Mann, der sich einst Idris al-Albani nannte. Damals, 2014, zog er als 16-jähriger Teenager mit seiner Schwester aus Winterthur los, um sich dem IS anzuschliessen. Ein Jahr später kehrte er zurück. An seiner fundamentalistischen Gesinnung habe sich bis heute nichts geändert, sagen Quellen.Idris al-Albani gilt lange als eine der Leitfiguren der Szene. Aus der Anklage der Bundesanwaltschaft aus dem Jahr 2023 gegen Idris geht hervor, wie er und Hamad Köz sich mehrfach über Videos und sogenannte Nasheeds unterhalten – fanatische Gesänge der Terrormiliz. In der Anklage protokollieren die Ermittler unter anderem einen Vorfall von Mitte Dezember 2018.An jenem Abend schickt Idris seinem Glaubensbruder Köz ein Video mit einer Ansprache des deutschen Rappers und Jihadisten Deso Dogg. Auf dem Video ist eine Gruppe schwer bewaffneter Personen vor einer IS-Fahne sichtbar. Idris sagt zu Hamad Köz, das Video sei «krass» und Deso Dogg ein «guter Bruder».Das Foto eines Taxifahrers zeigt: Der mutmassliche Täter von Winterthur wird abgeführt.PrivatDrei Brüder im IS-SumpfWie sich Hamad Köz radikalisiert hat, ist nicht ganz klar. Sicher aber ist: Er ist nicht der Einzige in seiner Familie mit einer radikalislamistischen Gesinnung. Auch seine beiden jüngeren Brüder waren früher als IS-Sympathisanten aufgefallen. 2018 sassen sie auf der Anklagebank am Bezirksgericht Winterthur.Unter grosser Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit fand damals der Prozess gegen IS-Anhänger rund um die berüchtigte und mittlerweile geschlossene An-Nur-Moschee statt. Der Gebetsraum im Stadtteil Hegi war damals schweizweit einschlägig bekannt als Treffpunkt für fanatische Salafisten und Anhänger der Terrormiliz Islamischer Staat.Den insgesamt zehn Beschuldigten warf die Staatsanwaltschaft damals vor, zwei Moscheebesucher verprügelt, eingesperrt und mit dem Tod bedroht zu haben. Sie hielten die beiden Männer an einem Abend im Jahr 2016 für Spitzel, die Informationen aus der Moschee an Medien weitergegeben hätten.Einer der beiden Brüder von Hamad Köz spuckte einen der Männer an und beleidigte ihn, während der andere dem zweiten Opfer so heftig gegen den Kopf schlug, dass dieses eine Hirnerschütterung erlitt. Später fand die Polizei auf seinem Notebook und Mobiltelefon IS-Propagandamaterial – Greuelvideos. Vor Gericht sagte er, das habe ihn einfach interessiert, «so Kriegssachen». Mit dem IS habe das aber nichts zu tun.So viele Jihad-Verfahren wie noch nieDie Attacke in Winterthur wäre nicht das erste islamistische Attentat der Schweiz. Im März 2024 stach ein damals 15-jähriger tunesisch-schweizerischer Doppelbürger in Zürich auf einen orthodoxen Juden ein. Der Attentäter stand in regem Kontakt mit IS-Terroristen. Gemäss Anklage der Jugendanwaltschaft soll er vor dem Messerangriff versucht haben, in eine Synagoge einzudringen, um dort Menschen jüdischen Glaubens zu töten.Seine Radikalisierung fand nach Behördenangaben in den sozialen Netzwerken statt. Möglicherweise trug zu seiner Radikalisierung auch bei, dass der Jugendliche einen Teil seiner Kindheit in seiner Heimat Tunesien verbrachte. In dem nordafrikanischen Land hat der Antisemitismus in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz sprach er nur schlecht Schweizerdeutsch und hatte Mühe, sich in der Schule zurechtzufinden und sich zu integrieren.Ebenfalls 2024 verhafteten Zürcher Ermittler zwei Jugendliche, die einen Anschlag auf die Zurich Pride geplant haben sollen – den grössten queeren Umzug des Landes. Beide Teenager hatten einen islamistischen Hintergrund. Recherchen der NZZ ergaben, dass sich einer von ihnen in einschlägigen Kanälen danach erkundigt hatte, wie man einen Anschlag mit einem Lastwagen durchführen könnte.Auch ausserhalb des Kantons Zürich kam es in den vergangenen Jahren zu mehreren Attentaten. 2020 tötete etwa in Morges ein Islamist mit einem Messer ein Zufallsopfer in einem Kebab-Lokal. Im gleichen Jahr stach in Lugano eine Jihadistin in einem Kaufhaus auf zwei Kundinnen ein.Bei der Bundesanwaltschaft sind zurzeit 140 Verfahren im Bereich des «jihadistisch motivierten Terrorismus» offen – so viele wie noch nie. Was dabei auffällt: Die Verdächtigen werden immer jünger. Bei den Verfahren geht es oft um die Rekrutierung für Terrororganisationen, aber auch um Finanzierung und Propaganda. Nur vereinzelt lautet der Vorwurf «Planung von möglichen Attentaten».Zwar kam es in den letzten Jahren zu Verurteilungen auch von Mitgliedern der Winterthurer Islamistenszene. Doch das Strafrecht stösst an Grenzen: Der Nachrichtendienst warnt davor, dass Jihadisten nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis einen «permanenten Risikofaktor» darstellten. Gleiches gelte für Personen, die sich während des Verbüssens der Freiheitsstrafe radikalisiert hätten. Sie würden ihrem Gedankengut trotz abgesessener Strafe treu bleiben und in ihr altes Umfeld zurückkehren.Kurz vor der Tat in psychiatrischer BehandlungWie Hamad Köz in den letzten Jahren gelebt hat, ist erst lückenhaft bekannt. Ebenso, wie extrem seine Einstellung zuletzt war. Im August 2024 verlässt er aus eigenen Stücken die Schweiz und wohnt laut Angaben der Zürcher Behörden knapp zwei Jahre lang in der Türkei. Was er dort genau gemacht hat, ist unklar. Sicherheitsdirektor Fehr spricht an der Pressekonferenz von einem starken Bezug ins Heimatland. Es habe dort sicher «zusätzliche Radikalisierungselemente» gegeben.Klar ist: Auf dem Radar der Schweizer Behörden taucht Köz erst im Mai 2026 wieder auf. Und dann geht es plötzlich schnell.Drei Tage vor der Tat, am 25. Mai 2026, meldet sich der 31-Jährige über den Notruf bei der Winterthurer Stadtpolizei. Marius Weyermann, Kommandant der Kantonspolizei Zürich, sagt dazu später: «Er machte wirre Äusserungen, die darauf schliessen liessen, dass er möglicherweise Wahnvorstellungen hat.»Es ist der gleiche Tag, an dem sich Köz wieder offiziell in der Schweiz zurückgemeldet hatte. Nach dem Anruf rückte die Polizei aus. Nachbarn beschreiben der NZZ, wie er aus der Wohnung abgeführt wurde.Köz wird daraufhin in die Integrierte Psychiatrie Winterthur (IPW) eingewiesen. Gegen ihn wurde eine fürsorgerische Unterbringung ausgesprochen. Diese besagt, dass er eigentlich in der Klinik bleiben müsste. Trotzdem verlässt er die Institution schon einen Tag später wieder. Die Psychiatrie schreibt ihn umgehend aus, worauf die Polizei abermals bei ihm vorfährt und ihn zurück in die Klinik bringt.In der IPW kommt ein Arzt schliesslich zum Schluss, dass beim Täter weder Selbst- noch Fremdgefährdung bestehe. Mario Fehr bezeichnet diese Entscheidung «als Kippmoment in dieser Geschichte». Warum so entschieden worden sei, wisse er nicht, sagte Fehr. «Aber offensichtlich war diese Entscheidung falsch.»In einer Stellungnahme schreibt die IPW am Donnerstagabend, man sei schockiert und tief betroffen vom Angriff. Die Verantwortlichen der Klinik wollen die Ermittlungen der Polizei unterstützen. Sie haben zudem eine externe Administrativuntersuchung in Auftrag gegeben. Damit sollen unter anderem die Abläufe und Zuständigkeiten, die zur Entlassung von Hamad Köz geführt haben, überprüft werden.Sicher ist, dass der Aufenthalt von Hamid Köz mit dem Entscheid des verantwortlichen Arztes, die fürsorgerische Unterbringung aufzuheben, als freiwillig gilt. Zwar rät man ihm, er solle doch noch bleiben und sich weiter stabilisieren. Aber am Abend des 27. Mai beschliesst Köz, die Psychiatrie zu verlassen.Am Morgen danach schreitet er zur Tat.Der Bahnhof Winterthur blieb am Donnerstagvormittag abgesperrt.Claudio Thoma / KeystonePassend zum Artikel