Es gibt Hoffnung. Eigenwillige junge Menschen, die nicht das machen, was die anderen auch alle machen, sondern sich ihren ganz eigenen Weg erfinden. Ihre eigene Persönlichkeit. Sogar als Frau in der Öffentlichkeit. Wo es ja nach wie vor hauptsächlich darum geht, zu gefallen. Das will die 20-jährige amerikanische Musikerin Sofia Isella, die gerade durch Europa tourt, explizit nicht. „Bitte seid hässlich“, forderte sie das Publikum bei ihrem Konzert in Paris vor ein paar Tagen auf. Und das Pariser Publikum applaudierte frenetisch.Es sei der Wahrheit halber dazu gesagt, dass Sofia Isella dem gängigen Schönheitsideal so sehr entspricht, dass sie sich Mut zur Hässlichkeit relativ einfach leisten kann, weil sie machen kann, was sie will, und trotzdem wunderschön aussieht. Sie kommt sozusagen gegen ihr gutes Aussehen nicht an. Das ist natürlich optimal für eine Karriere im Showgeschäft. Aber irgendwie nimmt man ihr ab, dass sie es nicht aus Kalkül darauf anlegt, nicht mit ihrem Aussehen zu punkten. Beziehungsweise mit Vorsatz dagegen zu arbeiten. Sie tritt in riesigen erdfarbenen Kleidungsstücken auf und versteckt sich die meiste Zeit hinter ihren langen Haaren, die ihr wie geschlossene Vorhänge vors Gesicht fallen und nur zu besonderen Gelegenheiten kurz mal nach hinten geworfen werden, was dann ein ziemlich kindliches Gesicht mit Stupsnase und runder Stirn entblößt.Oft malt sie sich dunkle Flecken unter die Augen, als sei sie ein halber Waschbär. Sie gibt nicht viele Interviews, aber neulich war sie im Podcast eines amerikanischen Indie-Magazins zu Gast, und darin klingt sie, als wäre der Geist von Jim Morrison in sie gefahren. Nicht wegen Intoxikation oder so, einfach von der Haltung her. Sie klingt wie ein Dude, der schon alles auf der ganzen Welt gesehen hat. Den nichts mehr aus der Ruhe bringen kann. Allein das ist schon so interessant: auszusehen wie eine aus einer Shakespeare-Inszenierung geflüchtete Waldfee und zu klingen wie der abgebrühteste Typ aller Zeiten.Jeder möchte, dass du dich selbst liebst, bis du es tatsächlich tustGeboren wurde sie 2005 in Kalifornien. Ihre Eltern sind Künstler. Ihre Mutter ist Autorin. Auf ihrer Homepage ist zu erfahren, dass sie einmal Miss Idaho war und an einem Memoir schreibt. Ihr Vater ist der chilenisch-amerikanische Kameramann Claudio Miranda, der 2008 für seine Arbeit an „Benjamin Button“ für einen Oscar nominiert war und 2013 für den Film „Life of Pi“ (Regie Ang Lee) einen Oscar gewann. Demnächst wird er einen neuen „Star Wars“ drehen und die Kinoversion von „Miami Vice“. Es gibt noch eine jüngere Schwester. Die Mutter unterrichtete die Töchter zu Hause.Ab dem Alter von drei Jahren erhielt Sofia Geigenunterricht, den sie sehr ernsthaft, mit mehreren Stunden täglichen Übens, betrieb. Seit 2020 veröffentlicht sie selbst geschriebene, selbst produzierte und auch selbst vertriebene Songs – nachdenkliche dunkle Balladen vor allem. Von Anfang an, also schon mit 15, zog sie selbstbewusst unterschiedliche gesangliche Register. Sie kann einen Song regelrecht erzählen, setzt ihren Atem klanglich ein, kann herrlich satt und tief knödeln, aber auch hoch und leise sein.YouTubeDie SZ-Redaktion hat diesen Artikel mit einem Inhalt von YouTube angereichertUm Ihre Daten zu schützen, wurde er nicht ohne Ihre Zustimmung geladen.Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von YouTube angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an den Betreiber des Portals zur Nutzungsanalyse übermittelt. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie unter sz.de/datenschutz.Ein Thema, mit dem sie sich künstlerisch oft auseinandersetzt, sind die Rollen, die Frauen von außen zugeschrieben werden, also dass sie entweder Heilige zu sein haben, oder Hure, Ehefrau oder Geliebte oder Mutter. Mehrere ihrer Songs handeln davon. Auch ihr bekanntester, „Everybody Supports Women“. Er stammt aus dem Jahr 2023 und ist somit nahezu historisch in ihrem Schaffen, das so richtig erst 2024 Fahrt aufnahm, weshalb man sich noch recht leicht einen Überblick über ihr Gesamtwerk verschaffen kann (bisher gibt es vier EPs, die neueste erschien vor wenigen Wochen).„Everybody Supports Women“ wäre auch der Anspieltipp: Es ist ein sparsam instrumentiertes, melancholisches Stück mit extrem gutem Text, den Sofia Isella hörbar nah ins Mikrophon singt. Der Song handelt davon, dass Frauen im Grunde nichts richtig machen können. „Everybody supports women until a woman’s doing better than you“, singt sie. Jeder unterstützt Frauen, bis eine Frau an dir vorbeizieht. „Everybody wants you to love yourself until you actually do.“ Jeder möchte, dass du dich selbst liebst, bis du es tatsächlich tust. (…) „And she does charity, isn’t that the most obnoxious thing you’ve heard?“ Und sie macht Charity – ist das nicht das Widerlichste, was du je gehört hast?Der Song richtet sich übrigens nicht gegen Männer, sondern handelt schon auch davon, wie Frauen sich gegenseitig niedermachen, natürlich nur hinter dem Rücken. Außerdem geht es auch darum, wie erfolgreiche Frauen in der Öffentlichkeit gegeneinander ausgespielt werden.Sofia Isella schreibt überhaupt sehr intelligente Texte, mit gelegentlichen Ausreißern in Richtung Prätention („the pulse of sleep is sucking at my eyes“). Einen Song lässt sie lakonisch mit den Worten „Turns out“ losgehen. Und schon ist man mittendrin, in diesem Fall im Song „All of Human Knowledge Made Us Dumb“, der den vermeintlichen Fortschritt durch Technologie in Frage stellt. Was das angeht, ist Isella ziemlich letztes Jahrhundert. Sie preist die Vorzüge der guten alten Langeweile und hat auch einen Song gegen AI im Repertoire („Crowd Caffeine“).YouTubeDie SZ-Redaktion hat diesen Artikel mit einem Inhalt von YouTube angereichertUm Ihre Daten zu schützen, wurde er nicht ohne Ihre Zustimmung geladen.Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von YouTube angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an den Betreiber des Portals zur Nutzungsanalyse übermittelt. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie unter sz.de/datenschutz.Im Video zu ihrem neuen Song „The Chicken is Naked and Afraid“ kann man sie in rohe Eier beißen sehen, woraufhin ihr der Glibber rechts und links aus dem Mund läuft. Sie trägt einen ausgewachsenen Mann auf dem Rücken und boxt zur unübersetzbaren Songzeile „I am the shit and I hit the fan“ gegen einen Ventilator (fan). Statt nett zu tanzen, liegt sie in wechselnden Umgebungen wie tot auf dem Bauch. Diese Antihaltung ist erfrischend und auch dringend vonnöten in einer Welt voller Kardashians. Hier hat eine junge Frau endlich mal eine andere Haltung zu unserer zunehmend von der Schönheitsindustrie in den kompletten Wahnsinn vor sich hergetriebenen Welt.„Guys, ich dachte, ich jage euch Angst ein. Aber hier seid ihr. Voller Mut. Ich heiße euch bei uns willkommen.“Der Song begründet das neue musikalische Genre Rock mit Hühnergackern und handelt von enttäuschten Erwartungen, was die geistige Tiefe von vielen Männern angeht. Man solle ihn aber, sagte Isella im bereits erwähnten Interview, bitte nicht so ernst nehmen. Andere Songs auf ihrer neuen EP handeln von Sex und Religion. Taylor Swift hat sie bereits 2024 vor sich im Wembley Stadion auftreten lassen; auch vor Florence + The Machine hat sie schon gespielt.In Paris trat sie vor einem überwiegend weiblichen, jungen Publikum auf, begrüßte aber ausdrücklich auch die anwesenden Männer: „Guys“, hauchte sie mit ihrer tiefen Stimme leicht amüsiert ins Mikrophon, „ich dachte, ich jage euch Angst ein. Aber hier seid ihr. Voller Mut. Ich heiße euch bei uns willkommen.“ Sie bestritt das Konzert allein auf der Bühne – nur einmal kam ihr früherer Geigenlehrer, ein relativ junger Typ mit Baseballkappe, zu einem Geigenduett hinzu. Man sah sie auch Gitarre spielen, E-Bass, Banjo, Keyboard, vielleicht tat sie aber auch nur so, schwer zu sagen, sie sang auf jeden Fall live, während die Musik hauptsächlich vom Band kam.YouTubeDie SZ-Redaktion hat diesen Artikel mit einem Inhalt von YouTube angereichertUm Ihre Daten zu schützen, wurde er nicht ohne Ihre Zustimmung geladen.Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von YouTube angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an den Betreiber des Portals zur Nutzungsanalyse übermittelt. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie unter sz.de/datenschutz.Was man nach diesem Konzert noch über Sofia Isella sagen kann: Sie weiß, wie man gute Bilder kreiert. Kommt gleich mal Wasser aus einer Plastikflasche verschleudernd auf die Bühne. Post auf Knien mit der Geige, als spiele sie Rockgitarre. Lässt ihre Haare nach vorne und hinten fliegen wie in Ultrazeitlupe. Lutscht einen Lolli so, dass es aussieht, als hänge ihr eine Zigarette im Mundwinkel. Trägt zwischendurch Cowboyhut. Zieht einmal ihr schlammfarbiges Riesen-T-Shirt aus und offenbart darunter ein Korsett-artiges Unterhemd. Hält den Mikrofonständer quer über die Schultern wie einst James Dean sein Gewehr im Film „Giganten“. Streckt immer wieder ihre langen Arme in Richtung Publikum, rauft sich expressiv die Haare, greift sich mit beiden Händen um ihr Gesicht.Ein bisschen hat ihre Performance etwas von der Rolle, für die Angelina Jolie einen Oscar bekam, im Film „Girl, Interrupted“. Sie spielte damals eine durchgeknallte, rebellische Soziopathin, bei der man nie wusste, was sie als nächstes tat. Und wirkt dabei auf der Bühne so zuhause, so privat, als trete sie in ihrem Schlafzimmer auf. Einem Schlafzimmer voller Fans, die sie anhimmeln und ihre Texte auswendig mitsingen können und nach Hause gehen werden mit der altmodischen Botschaft, dass sie alles sein können, was sie wollen: nur nicht so wie alle anderen! Das ist doch wirklich schön.
Sofia Isella im Porträt: Bitte seid hässlich
Die Musikerin Sofia Isella will nicht hübsch sein und nicht brav klingen. In dunklen melancholischen Songs zerlegt sie alles, was artig ist.









