To Athena hätte die neue Schweizer Pop-Prinzessin werden sollen. Heute ist sie froh, nicht jedem zu gefallenTiffany Limachers Verhältnis zum Rampenlicht erlitt früh einen Bruch. Vom schnellen, fremdbestimmten Erfolg abgeschreckt, suchte sie abseits des Mainstreams ihre Stimme – mit fragilem Kammer-Pop.Niels Bossert02.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenNach einem Burnout fragt sich To Athena auf ihrem jüngsten Album: «Have I Lost My Magic?»Vera JoderIst ihr Künstlername To Athena eine Hommage an Athene, die Göttin der griechischen Mythologie? Es würde passen: Athene steht für Kunst und Handwerk. Und die Sängerin To Athena wuchs in einer Geigenbauerfamilie in Luzern auf. Früh entdeckte sie ihre Leidenschaft für Comedy, Theater, Musical, Musik.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch der Künstlername entstand eher zufällig. Von ihrer krakeligen Unterschrift war stets nur «To» zu entziffern. In der Schule nannte man sie so. Athena ist schlicht ihr zweiter Vorname.To Athenas Musik lebt von cineastischen Arrangements, 1980er-Synth-Glanz, intimen Texten. Live tritt sie mit einem neunköpfigen Ensemble auf, inklusive Harfe und Streichern. Die Musikerin gehört zu den profiliertesten Stimmen der Schweizer Indie-Szene. Für ihr Werk erhielt sie 2023 bei den Swiss Music Awards den Artist Award. Diesen Preis vergeben die Musiker unter sich.Auf Schweizerdeutsch und Englisch singt To Athena von Weltschmerz, Verletzlichkeit und Trost. Eine fragile Musik, in der klassische Klänge mit Pop verschmelzen. Ein musikalisches Tagebuch einer empfindsamen Seele.Der fremde Traum, der nie ihrer warAnfang Mai gibt To Athena ihren Fans einen ersten Vorgeschmack auf ihr drittes Album, «Have I Lost My Magic?». Vor der Show im Zürcher Klub Kauz stellt sich To Athena, die eigentlich Tiffany Limacher heisst, als «Tiff» vor.Denn eigentlich will sie Bühnenfigur und Privatperson klar voneinander abgrenzen. Ein Schutzmechanismus. To Athena ist die Kunstfigur, die sie erschuf, um ganz sie selbst sein zu können – und sich zugleich vor der Aussenwelt zu schützen. In ihrem Leben prallten immer wieder fremde Erwartungen auf ihr Selbstbild. «Es ist, als würde einem ein Idealtraum übergestülpt, welcher nicht zu einem passt», sagt sie.«Wer meine Musik hört, denkt, ich sei ein Mensch voller Schwere», findet To Athena. Das stimme schon, doch sie sei auch optimistisch und leicht. Diese Facette versucht sie ebenfalls in die Lieder einfliessen zu lassen. Und so wirkt sie auch im Gespräch. Sie lacht viel und herzt überschwänglich einen Hund, den sie auf einem Ledersofa entdeckt.Und die schwere Musik mit Streichern und Harfe? Das war nicht absehbar. Zwar prägte ihr Grossvater ihre Kindheit mit klassischer Musik, doch diese erschien ihr zu ernst. Lieber hörte sie Italo-Pop und 1980er-Hits, die ihr Vater, ein Geigenbauer und DJ, auflegte. «Kurlig und poppig» – das gefiel ihr.Die Karaoke-Videospiel-Reihe «Singstar» zeigte ihr, dass man mehr als nur Kirchenlieder im Chor singen kann. Ab zehn Jahren versuchte sich To Athena in Musical und Theater. In einer Rolle fühlte sie sich wohl, stand sie selbst im Rampenlicht, quälte sie Unsicherheit. Sie wollte allen gefallen und niemandem die Show stehlen. Der Gedanke, berühmt zu werden, machte ihr Angst. Daran hat sich bis heute wenig geändert.Zwei Jahre ohne Bühne2011 meldeten zwei Bekannte sie ohne ihr Wissen bei der Casting-Show «Die grössten Schweizer Talente» an. Limacher war 16. Nervös kichernd stand sie vor Christa Rigozzi, DJ Bobo und Roman Kilchsperger und beantwortete die Fragen der Jury. Ob sie glaube, dass sie die Show gewinne. Oder was sie mit dem Preisgeld machen würde. Doch als sie ihre Eigenkomposition «I Need a Boyfriend» vorsang, strotzte sie vor Selbstvertrauen.Der Teenager kam gut an und schaffte es bis ins Halbfinale. Kurz vor ihrem grossen Auftritt zwang sie jedoch eine Kehlkopf- und Luftröhrenentzündung ins Bett. «Die Ärzte pumpten mich mit Kortison voll», erzählt Limacher. «Ich durfte nicht freiwillig ausscheiden, da ich eine Vereinbarung unterschrieben hatte.» Ihre Stimme versagte auf der Bühne, sie brach ab und schied aus. Danach wurde sie in der Schule gemobbt und im Internet verspottet. Sie habe die falsche Technik, sie habe schlecht gesungen, sie sei peinlich gewesen.Limacher wollte nie wieder auf eine Bühne. Nie wieder wollte sie sich einem Urteil von aussen aussetzen.Zwei Jahre lang hielt sie an ihrer Entscheidung fest. Erst ein Musical-Projekt von jungen Kulturschaffenden weckte ihre Lust wieder. Es ging dabei weniger um die Performance als um den kreativen Prozess. Dieses Gefühl von Freiheit wollte sie sich bewahren. Nach dem Gymnasium entschied sie sich für ein Pop-Studium an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK).Kurz vor dem Abschluss bot sich die nächste Gelegenheit zum schnellen Erfolg: eine von einem Major-Label «herangezüchtete Girl-Band in Deutschland», wie es Limacher ausdrückt. Eine Japan-Tour wurde geplant, Musikvideos auch. Sie sollte Teil der Band werden. Sie grübelte, lehnte aber ab. «Ich wollte nie ein Sternchen sein, sondern etwas kreieren.»Zwei Wochen später gab sie ihr erstes Konzert als To Athena – beim Bachelorabschluss im Klub Mehrspur der ZHdK. Es war nicht nur ihre Abschlussprüfung, sondern auch der Startschuss dafür, sich zu trauen, die Künstlerin zu sein, die sie sein wollte.Künstlerisch frei, doch gehetztSeither begleitet To Athena die Suche nach ihrer Identität in ihrer Musik. Sie ging für ein Auslandsemester nach Berlin und veröffentlichte 2020 während der Pandemie ihr Debütalbum «Aquatic Ballet».Vor allem der Song «Angscht», in dem sie erstmals auf Schweizerdeutsch sang, traf einen Nerv. In einer Zeit kollektiver Überforderung fand das zarte Lied über Zweifel, Ängste und Verletzlichkeit, das nur einer einengenden Klaviermelodie folgt, Resonanz. Bis heute ist es ihr erfolgreichster Song mit vier Millionen Streams auf Spotify.
To Athena hätte die neue Schweizer Pop-Prinzessin werden sollen – wollte sie aber nie sein
Tiffany Limachers Verhältnis zum Rampenlicht erlitt früh einen Bruch. Vom schnellen, fremdbestimmten Erfolg abgeschreckt, suchte sie abseits des Mainstreams ihre Stimme – mit fragilem Kammer-Pop.









