Es begann mit einem Zufall. Dann wurde Ema Nikolovska die Stimme der ZukunftDie mazedonisch-kanadische Sängerin ist ein Glücksfall für die Musik. Wenn sie auftritt, geht von ihr eine Unbedingtheit und Wahrhaftigkeit aus, die in Zeiten von Instagram und Tiktok selten ist. An der Zürcher Oper machte sie aus einer Nebenrolle die heimliche Hauptfigur.24.05.2026, 05.30 Uhr5 Leseminuten«Ich wurde dazu erzogen, ich selbst zu sein»: die Mezzosopranistin Ema NikolovskaMarco BorggreveEs begann als purer Zufall, dass Ema Nikolovska an diesem Abend in Unterhemd und langer Unterhose auf einem kleinen Holztisch steht. Mitten auf der Bühne des Opernhauses Zürich, mitten in Mozarts Oper «Le Nozze di Figaro». Und mit heller und schmiegsamer Stimme die Arie des halbwüchsigen Jungen Cherubino singt: «Ihr Frauen, die ihr wisst, was Liebe ist, seht, was in meinem Herzen passiert.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch wenn Ema Nikolovska singt, meint man tatsächlich, in das Herz dieses Heranwachsenden hineinzuschauen. Man sieht all die Liebe und den Schmerz, spürt die Unruhe und all die Glückseligkeit. Dabei wäre die Figur des Cherubino, der traditionell von einer Frau gesungen wird, in Mozarts Oper eine Nebenrolle. Doch an diesem Abend in Zürich wird sie zur heimlichen Hauptrolle.Das liegt an der mazedonisch-kanadischen Sängerin Ema Nikolovska. An ihrer hellen und kristallklaren Stimme. Aber nicht nur. Es ist, als ob von der 32-Jährigen eine Unbedingtheit ausginge. Als offenbare sich in ihrem Singen und ihrem Spiel etwas Wahrhaftiges, das über die reine Darstellung hinausgeht. Solche Momente sind selten. Und selbst an grossen Opernhäusern ein Glücksfall. Wie schafft sie das?«Ich glaube, das hängt damit zusammen, dass ich nicht als Sängerin sozialisiert wurde. Ich wurde vielmehr sozialisiert, mich selbst zu sein», erzählt Ema Nikolovska einige Wochen später im Zoom-Gespräch aus Berlin, wo sie heute lebt. Tatsächlich brauchte es einige Zufälle, bis aus dem 1993 in Skopje geborenen Mädchen eine der vielversprechendsten Sängerinnen ihrer Generation wurde.In ihrem Singen offenbart sich etwas Wahrhaftiges, das über die reine Darstellung hinausgeht.Begonnen hat alles damit, dass Nikolovskas Eltern 1994 aus Nordmazedonien nach Kanada auswanderten, da war sie ein Jahr alt. «Der Entscheid hatte nicht mit dem Balkankrieg zu tun. Es war vielmehr die Neugier meines Vaters, anderswo zu leben», erzählt Nikolovska. Auch wenn sie gerade keine Melodien singt, sondern Sätze spricht, hat jede ihrer Aussagen Gewicht – in Zeiten von Instagram, Tiktok und der schönen Oberflächen fast schon ungewohnt.«Und das erste Visum, dem stattgegeben wurde, war eben das kanadische. Das war angenehm für meine Eltern, weil es in Toronto eine grosse Balkan-Community gab», sagt sie. In dieser Community begann Nikolovskas Vater, ein IT-Fachmann und passionierter Hobbygeiger, Volksmusik zu spielen und nahm seine kleine Tochter jeweils zu seinen Auftritten als Stehgeiger mit.Mit vier brachte er sie zum Geigenunterricht, später meldete er sie im örtlichen Kinderchor an. «Die klassische Musik haben wir aber beide erst später kennengelernt, als ich anfing, bei einer Lehrerin Geigenstunden zu nehmen», so Nikolovska. Auch lange Autofahrten («In Kanada sind Autofahrten fast immer lang!») trat die Familie nie ohne passenden Soundtrack an, da der Vater jeweils ein passendes Mix-Tape erstellt hatte. Und als seine Tochter zehn Jahre alt war, ging er mit ihr an Rockkonzerte und in Jazzklubs. Ema Nikolovskas Kindheit war eine grenzenlose Erkundungsreise durch die fabelhafte Welt der Musik.Wenig verwunderlich also, dass es einige Jahre später ebenfalls der Vater war, der auf die Idee kam: «Ema, du hast eine starke und tragende Sprechstimme. Willst du nicht einmal Gesangsstunden nehmen?»Da war Ema schon 16 Jahre alt, spielte mittlerweile seit zwölf Jahren Geige und hatte sich als Berufsziel sozusagen die Etage unter der Opernbühne ausgesucht: Sie wollte in den Orchestergraben und als Geigerin in einem Opernorchester spielen.«Nur so zum Spass» probierte sie das Singen aus und nahm Stunden bei der Gesangslehrerin Helga Tucker. Und von einem Tag auf den anderen wurde plötzlich alles anders. Was war passiert?«Der Unterschied zwischen Singen und Geigen ist, dass beim Singen der Körper selbst zum Instrument wird», erklärt Nikolovska. Und dieses menschliche Instrument reagiere eben auf jeden Gedanken, auf jedes Gefühl, kurz: auf alles. «Damals, als Teenager habe ich mich selbst nicht immer gemocht. Wie viele Heranwachsende kreisten in meinem Kopf oft Gedanken wie: Das wird nie funktionieren. Du bist nicht viel wert», erzählt Ema Nikolovska. Dann unterbricht sie plötzlich: «Entschuldigung, mein Vater ruft gerade an. Ich bin gleich zurück!»Wenige Minuten später erklärt sie, ihr Vater sei soeben in Berlin ankommen, um sie in der Titelrolle von Olga Neuwirths Oper «Orlando» an der Komischen Oper zu hören. «Wir müssen noch ein paar Dinge klären. Aber wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, bei den schwierigen Gedanken.» Diese Gedanken hätten damals eben auch vor der Gesangsstunde nicht haltgemacht. «Ich machte technisch alles richtig. Aber irgendetwas funktionierte trotzdem nicht», erzählt Nikolovska. Bis ihre Lehrerin sie einmal gefragt habe: «Geniesst du denn, was du tust? Freust du dich, wenn die diese Phrase singst?» So habe sie nach und nach gelernt, dass man negative Gedanken zwar nicht verdrängen darf, aber dennoch gleichzeitig immer eine Freude in sich wachrufen könne. «Bald war der Gesangsunterricht für mich nicht nur ein musikalisches Training, sondern es war auch eine Art Therapie», so Nikolovska. Die Gleichung dabei war einfach: Wenn sie gut zu sich selbst schaute, sang sie auch gut.Wie gut, merkten bald auch andere. Und dann ging es plötzlich schnell: Masterstudium in London, Auszeichnung als BBC New Generation Artist, erster Preis am internationalen Gesangswettbewerb s’-Hertogenbosch 2019, künstlerische Residenz im renommierten Londoner Konzertsaal Wigmore Hall, Umzug nach Berlin 2020. («Da war ich nach Kanada und London schon zum dritten Mal in meinem Leben Immigrantin.»)Heute gibt Ema Nikolovska Liederabende mit Martha Argerich oder mit Andras Schiff, sie hat Auftritte an den illustren Salzburger Festspielen, in der Carnegie Hall und in der Elbphilharmonie, aber daneben auch in Kneipen und Lagerhallen.Denn bis heute mag sich Ema Nikolovska nicht auf eine einzige Bühne, ein einzelnes Fach, einen singulären Musikstil festlegen. Weder will sie sich nur der Vergangenheit verschreiben, noch sich auf die Gegenwart beschränken. Nein, sie hat einst als Kind die fabelhafte und ganz unterschiedliche Welt der Musik durchwandern dürfen. Und es ist diese grenzenlose Welt, die sie heute mit anderen Menschen teilen will.Ema Nikolovska singt am 8. Juni 2026 bei «Freunde des Liedes» an der Musikschule-Konservatorium Zürich (MKZ), Florhofgasse 6.Passend zum Artikel