PfadnavigationHomeICONISTGesellschaftNazan Eckes„Ich dachte nur: Oh Gott, wie soll das alles gehen?“Stand: 07:10 UhrLesedauer: 9 MinutenNazan Eckes lebt heute auf Mallorca – und schaut auch kein Fernsehen mehrQuelle: HopestudioDas TV-Aus kam für Moderatorin Nazan Eckes vor vier Jahren überraschend. Nun spricht sie darüber, wie schlecht es ihr damals wirklich ging, warum eine Trennung ein Aufbruch sein kann. Der Druck, berufstätig und Mutter zu sein, war groß.Was macht eigentlich Nazan Eckes? Padel spielen, zumindest kurz vor dem Interview, noch mit leicht geröteten Wangen macht sie sich für das Gespräch bereit. Sie führt es von Mallorca aus, hier lebt sie mit ihren zwei Söhnen (acht und zehn Jahre) seit sie 2022 für Außenstehende plötzlich ihre vermeintliche Bilderbuchkarriere bei RTL beendete. Gerade feierte sie ihren 50. Geburtstag – und blickt zurück. WELT: Als Frau scheint man seine „besten“ Jahre zwischen zwanzig und dreißig zu haben, in dieser Phase wurden auch Sie bei RTL erfolgreich. Wie bewerten Sie rückblickend diese Lebensphase?Nazan Eckes: Ich fühlte mich jung und stark und wusste: Ich habe alles noch vor mir. Ich war richtig mutig. Ich habe einfach gemacht. Mit 30 Jahren änderte sich das aber ziemlich abrupt. In meinem Leben kamen wirklich etwa alle zehn Jahre die großen Veränderungen und Fragen auf.WELT: Welche?Nazan Eckes: Mit 30 hatte ich meine erste Trennung hinter mir. Gleichzeitig geht die Phase des Ausprobierens aber vorbei. Man merkt: Okay, du willst eine Familie gründen, du willst vielleicht ein Haus haben, entsprechend muss man dann auch Geld verdienen. Es wird auf einmal ernst. Für mich ging es auch um berufliche Entscheidungen, damals fühlte sich das so an, als wären die endgültig für das ganze Leben.Lesen Sie auchWELT: Sie haben auf Instagram geschrieben, dass mit dreißig der „Druck von allen Seiten“ kommt. Was meinten Sie damit für sich konkret?Nazan Eckes: Es ging plötzlich darum, diese To-do-Liste abzuarbeiten, die man als Frau hat. Wann willst du Kinder haben? Du brauchst dazu den richtigen Partner – ich hatte mich aber ja gerade getrennt. Ich war noch gar nicht so weit, habe mich auch noch viel jünger als dreißig gefühlt. Es hat mich so genervt, wenn Leute gesagt haben: Jetzt musst du wieder einen neuen Mann finden und Kinder kriegen. Und ich dachte: Warum? Ich habe noch so viel Zeit. Aber der Druck von außen wird irgendwann auch zu einem inneren Druck.Lesen Sie auchWELT: Gleichzeitig waren Sie in diesem Alter auch sehr erfolgreich.Nazan Eckes: Ja, ich war komplett karrierefokussiert, und das gerne. Für mich gab es keine Wochenenden, keine Feiertage. Aber irgendwann habe ich gemerkt: Ich existiere nur noch für die Arbeit. Dabei hatte ich inzwischen auch den richtigen Partner kennengelernt und wusste, dass ich nun Kinder haben will.WELT: Wie war es denn als Moderatorin mit Ende 30 und Kinderwunsch bei RTL – hatten Sie das Gefühl, es würde Ihre Karriere gefährden, Mutter zu werden?Nazan Eckes: Der Druck wurde größer, auch von mir selbst. Ich hatte aber viele Kollegen und Kolleginnen und auch Vorgesetzte, die selbst Kinder hatten. Da spürte ich große Unterstützung, hatte viele Kolleginnen bei ‚Explosiv‘, die Mutter wurden und wieder kamen. Und ich dachte: Ach guck mal, irgendwie geht’s. Das hat mir Mut gemacht. Ich, die vor der Kamera stand, habe mir natürlich trotzdem Gedanken gemacht: Wenn du jetzt hier weg bist, dann wollen zehn andere nachrücken. Wie wird das sein, wenn ich dann Mutter bin? Gehöre ich dann zu den Alten und Langweiligen? Und dann kommen jüngere Moderatorinnen nach, die viel flexibler sind. Aber irgendwann war der Kinderwunsch einfach so groß, dass ich gesagt habe: Jetzt oder nie. Und wenn das eben das Karriereende bedeutet, muss ich damit leben. Aber ich wollte so sehr Kinder haben, dass diese Angst dann kleiner war.WELT: Ihre zwei Kinder kamen mit zwei Jahren Abstand. Das muss parallel zu einer TV-Karriere extrem anstrengend gewesen sein.Nazan Eckes: Ich habe immer gedacht, ich wäre so resilient, eine coole Mom, die alles mit links macht. Aber ich habe komplett unterschätzt, was eine Geburt bedeutet, was hormonell passiert, wie man sich emotional fühlt. Dass man sein Baby keine Sekunde abgeben möchte. Meine erste Geburt war sehr problematisch. Ich habe sehr lange gebraucht, um wieder auf die Beine zu kommen, hatte aber natürlich meinen Wiedereinstieg schon geplant. Als ich dann nach einem halben Jahr das erste Mal wieder zur Arbeit gefahren, habe ich die komplette Strecke Rotz- und Wasser geheult. Vor der Redaktion habe ich mich gesammelt – und dann haben wir an diesem Tag bei „Explosiv“ über einen sehr schweren Kindesmissbrauchsfall berichtet. Ich bin im Schnitt fast zusammengebrochen, hatte meine zweite Heulattacke. Ich dachte nur: Oh mein Gott, wie soll das alles gehen?WELT: Und wie ging es?Nazan Eckes: Nach etwa zwei Wochen hatte ich einen Rhythmus gefunden. Aber jedes Mal, wenn ich nach Hause kam, stand meine Mutter schon mit meinem Sohn am Fenster, er drückte die Nase an die Scheibe. Bis ich schlafen ging, habe ich mein Baby nicht mehr losgelassen. Man unterschätzt völlig, welch emotionale Achterbahnfahrt und welche körperliche Belastung Mütter durchmachen. Dazu kommt die Angst: Hat mir in meiner Abwesenheit jemand den Platz streitig gemacht? Ich wollte abliefern und unbedingt zeigen, dass ich das auch mit zwei kleinen Kindern kann. Im Nachhinein frage ich mich, wie ich das geschafft habe.WELT: Waren die Jahre zwischen 40 und 50 Ihre härtesten? Kleine Kinder, die Trennung vom Vater Ihrer Kinder, die Alzheimer-Erkrankung Ihres Vaters, das Ende bei RTL.Nazan Eckes: Ja, es waren die absolut herausforderndsten und schwierigsten Jahre meines Lebens. Es fing an, als die Kinder ein Alter erreicht hatten, wo ich wieder das Gefühl hatte: Hey, ich bin ja auch noch Frau. Ich habe auch ein eigenes Leben. Parallel dazu habe ich angefangen, über verschiedene Dinge nachzudenken: Ich hatte erste Zweifel, ob ich mich als Moderatorin überhaupt noch mag. Ich war unzufrieden und hatte das Gefühl, im Job Dinge abzuliefern, die ich eigentlich gar nicht mehr machen wollte. Irgendwann habe ich gemerkt, dass mich das alles komplett überlastet. Ich war so unglücklich, hatte viel zu wenig Zeit für meine Kinder. Das hat mich in eine emotionale Krise gestürzt. Dann kam alles auf einmal. Die Trennung vom Vater meiner Kinder bahnte sich an. Die Alzheimer-Erkrankung meines Vaters verschlechterte sich dramatisch. Dazu kam diese innere Jobkrise. Ich hatte teilweise richtige Bauchschmerzen, wenn ich wusste: Heute musst du wieder vor die Kamera. Es war so, als wären die private Nazan und die Nazan auf der Mattscheibe zwei völlig unterschiedliche Menschen geworden.WELT: Wie kam es zu dieser Entwicklung? Sie haben auch einmal gesagt, Sie konnten Ihr „Fernsehgesicht“ nicht mehr sehen.Nazan Eckes: Mir kam plötzlich alles so künstlich und oberflächlich vor. Ich hatte das Gefühl, durch meine Kinder, die Krankheit meines Vaters und die Trennung mit so schweren Themen beschäftigt zu sein, dass mir alles, was ich im Job gemacht habe, unwichtig vorkam. Ich hatte keine Lust mehr, dieses Fernsehlächeln aufzusetzen. Ich habe es emotional nicht mehr geschafft, professionell zu funktionieren, vor die Kamera zu gehen und danach wieder nach Hause zu kommen und mich um die Dinge zu kümmern, die mich wirklich interessiert haben: mein Vater, meine Familie, meine Kinder – und ich selbst.WELT: Es war aber sicher auch nicht einfach, so einen vermeintlichen Traumjob aufzugeben.Nazan Eckes: Ich hatte total Angst. Ich dachte: Ich kann doch nicht einfach kündigen, nur weil ich mich nicht mehr wohl fühle. Ich habe zwei Kinder. Natürlich hatte ich großes Glück und immer ein gutes Einkommen, aber trotzdem war das keine Entscheidung, die man einfach so trifft. Irgendwann ist wirklich alles wie ein Kartenhaus zusammengebrochen. Ich habe gemerkt: Wenn ich jetzt nicht die Reißleine ziehe, gerät alles außer Kontrolle. Ich war innerlich so weit weg von diesem Leben, ich musste raus. Ich habe meine Verträge noch erfüllt und bin gegangen. Danach habe ich erst einmal ein Jahr lang nichts gemacht. Nicht mehr in der Öffentlichkeit stattzufinden, habe ich als unglaublich heilend empfunden. Zum ersten Mal konnte ich mich nur um meine Kinder und um mich selbst kümmern.WELT: In der Zeit haben Sie auch Ihre Ehe beendet.Wie schafft man es, sich gut zu trennen?Nazan Eckes: Als bei mir zum ersten Mal der Gedanke aufkam, dass eine Trennung vielleicht richtig wäre, hatte ich riesige Angst. Aber heute weiß ich, dass Kinder vor allem mental stabile, glückliche Eltern brauchen, keine perfekte Fassade. Wir haben alle unsere Probleme, unseren Stress, unsere Überforderungen. Und das darf man den Kindern zeigen. Ich habe meine Kinder bei allen Prozessen mitgenommen. Wir haben in unserer Gesellschaft immer noch dieses Bild von der perfekten Familie. Aber ich kenne inzwischen so viele andere Familienmodelle, die genauso liebevoll und gesund sind. Auch getrennte Eltern können eine Familienstruktur aufrechtzuerhalten. Ich würde zwar niemals jemandem, der mir von einer Ehekrise berichtet, als Erstes sagen: Wenn du es nicht mehr aushältst, geh einfach. Aber manchmal ist es für alle der bessere Weg. Ich habe damals ein Systemcoaching gemacht und gelernt, Dinge anders zu sehen. Das hilft enorm, Klarheit zu bekommen.Lesen Sie auchWELT:Was hat sich im Vergleich zu damals beim Fernsehen geändert?Nazan Eckes: Es wurde sehr viel mitgeredet, was das Äußere anging. Als erstes helle Strähnen – ich gehörte zu den wenigen Moderatorinnen mit dunklen Haaren und entgegen mancher Ratschläge war mir ganz wichtig, brünett zu bleiben. Aber ansonsten wurde sehr genau darauf geschaut, wie wir aussehen. Wir hatten teilweise alle dieselben Frisuren, Strähnchen vorne, ein heller ‚Haargesichtsrahmen‘ wirkt in der Kamera freundlicher. Ich habe manchmal gedacht: Wir sehen alle aus wie Barbie-Puppen. Und natürlich macht das etwas mit einem. Vor der Kamera wurde plötzlich jedes Kilo zum Thema. Einige Kolleginnen haben sofort abgenommen, weil sie sich zu dick gefühlt haben. Man übernimmt diesen Druck irgendwann selbst. Ich wollte natürlich auch möglichst gut aussehen. Heute ist viel mehr Authentizität gefragt. Wir waren viel fremdbestimmter, nicht nur optisch. Auch öffentliche Äußerungen, wie wir Interviews geben oder ob wir politisch Haltung zeigen. Heute ist Haltung fast Pflicht. Damals galt vor allem eins: bloß neutral bleiben. Auch privat. WELT: Hatten Sie in Ihrem Berufsleben jemals das Gefühl, Sie müssten sich mehr anstrengen als Männer an derselben Stelle ihrer Karriere?Nazan Eckes: Ja. In der Unterhaltung standen tatsächlich eher Männer an der Front und Frauen waren das begleitende Accessoire. Als Frau musste man sich seinen Platz erst mal erkämpfen. Oft hieß es: Wir suchen noch eine Co-Moderatorin. Und ich habe ein paarmal zugesagt und danach gemerkt: Eigentlich will ich nicht die Frau sein, die nett lächelt und den kleineren Part hat.Nazan Eckes wurde 1976 in Köln als Tochter türkischer Einwanderer geboren. Ihre Karriere begann Ende der 90er-Jahre bei VIVA, bevor sie zu RTL wechselte und dort über zwei Jahrzehnte zu einem der bekanntesten TV-Gesichter Deutschlands wurde. Sie moderierte unter anderem „Explosiv“, „Extra“ und „Let’s Dance“.2022 zog sich Eckes überraschend aus dem Fernsehen zurück. Heute lebt sie mit ihren beiden Söhnen überwiegend auf Mallorca, arbeitet als Unternehmerin und Markenbotschafterin.