Die Wahl von Wolfgang Kubicki zum neuen Bundesvorsitzenden der FDP ist weniger ein Neuanfang als vielmehr ein Offenbarungseid: Die FDP ist keine einheitliche politische Kraft mehr, sondern eine Partei, die sich zwar einen Namen teilt, innerlich jedoch entlang fundamentaler politischer Fragen tief gespalten ist.

Dass Wolfgang Kubicki lediglich rund 59 Prozent der Delegiertenstimmen erhielt, während seine Gegenkandidatin Marie-Agnes Strack-Zimmermann auf rund 40 Prozent kam, macht deutlich, wie tief diese Bruchlinie verläuft. Es geht dabei nicht um Personalfragen. Es geht um die grundsätzliche Frage, was Liberalismus und Freiheit im 21. Jahrhundert überhaupt bedeuten.

Auf der einen Seite steht ein linksliberaler Flügel, der staatliche Eingriffe wie das Selbstbestimmungsgesetz, weitreichende Corona-Maßnahmen oder eine einrichtungsbezogene Impfpflicht unterstützt hat. Auf der anderen Seite steht ein Flügel um Wolfgang Kubicki, der viele dieser Entwicklungen öffentlich kritisiert und sich rhetorisch häufiger auf klassische Bürgerrechte und individuelle Freiheit beruft (im Parlament aber gern zugunsten seiner parteiinternen Gegner abstimmt).

Die Wahl Kubickis bedeutet jedoch keineswegs, dass sich die FDP nun geschlossen auf dessen Kurs ausrichtet. Das Wahlergebnis zeigt vielmehr das Gegenteil: Die Partei bleibt in zentralen Fragen nahezu hälftig gespalten. Wer heute FDP wählt, weiß weiterhin nicht, welchen Liberalismus er tatsächlich bekommt.