Wolfgang Kubicki hat seinen Antrag an Ostern gestellt, in der Nacht auf Sonntag. Er hing im Dorf Plakate auf. „Engel, Liebe meines Lebens, willst du meine Frau werden?“ Sein Plan: Seine Frau geht am nächsten Morgen mit dem Hund Gassi, ist von der Geste überwältigt und fällt ihm mit einem lauten „Ja!“ in die Arme. Doch zu seiner Überraschung sagte sie erst mal nicht zu. Denn sie fand es nicht gut, dass sein Antrag sich wegen der Plakate schon im Dorf herumsprach, bevor sie davon wusste. Aber die Geschichte hat ein Happy End, die zweite romantische Geste kam offenkundig besser an: Kubicki hatte im Garten noch einen Goldring in einem Ei versteckt.Das war 1997, Kubicki erzählt die Anekdote in seiner Biografie. Fast drei Jahrzehnte später hat Kubicki wieder einen Antrag an Ostern gestellt. Der galt diesmal einer anderen großen Liebe seines Lebens, der FDP. Kubicki schrieb auf der Plattform X, wieder in der Nacht auf Ostersonntag, dass er Vorsitzender der Partei werden wolle. „Ich werde alles tun, die Partei wieder erfolgreich zu machen.“ Doch auch die FDP fiel Kubicki nicht einfach so freudestrahlend in die Arme. Der 74-Jährige hat in seiner langen politischen Karriere zwar viele Fans gesammelt, aber auch viele Gegner. Zu rechts, zu vulgär, zu rücksichtslos finden ihn seine parteiinternen Kritiker. Und auch bei diesem Antrag gab es ein Überraschungsei. Nur war diesmal kein Ring drin, sondern: Marie-Agnes Strack-Zimmermann.Lieber mit Habeck als mit Strack-Zimmermann würde Kubicki ein Glas Wein trinkenAm Wochenende hat der FDP-Parteitag dann doch Ja zu Kubicki gesagt. Aber unter Schmerzen. Kubicki bekam nur 59 Prozent der Stimmen. Denn Strack-Zimmermann kandidierte plötzlich gegen ihn, erzielte beachtenswerte 39 Prozent. Die Stimmung im Saal kippte, als Strack-Zimmermann die Delegierten mit ihrer Kandidatur überrumpelte. Die einen jubelten ausgelassen, die anderen buhten laut. Es wurde giftig zwischen einzelnen Delegierten. So wild war seit Jahrzehnten kein FDP-Parteitag.Strack-Zimmermann und Kubicki fechten seit Langem eine persönliche Feindschaft aus. Kurz vor dem Parteitag wurde Kubicki in einem Podcast gefragt, wen er lieber möge, Robert Habeck oder Strack-Zimmermann. Er wählte den Grünen-Politiker, weil man mit dem besser Wein trinken könne.Marie-Agnes Strack-Zimmermann warf Wolfgang Kubicki indirekt vor, dass er womöglich die Brandmauer zur AfD einreißen könnte. Friedrich BungertStrack-Zimmermann wiederum übte in ihrer Bewerbungsrede scharfe Kritik an Kubicki. Sie nannte ihn an diesen Stellen nicht beim Namen, aber jedem Parteimitglied war klar, wen sie meinte, als sie sagte: „Liberalismus heißt nicht, sich morgens einen Gegner zu suchen, um abends zufrieden in den Sessel zu fallen, wenn man ihn beleidigt hat.“ Auch außerhalb der FDP ist Kubicki bekannt dafür, politische Gegner als „Eierarsch“ oder „Spacken“ zu beschimpfen. Strack-Zimmermann sagte, sie kandidiere gegen die Vorstellung, die FDP mit „Empörung und Provokation“ retten zu wollen.Indirekt warf Strack-Zimmermann Kubicki auch vor, eine Debatte über die Brandmauer angestoßen zu haben. Kubicki hatte Mehrheiten, die nur mit der AfD zustande kommen, nicht ausgeschlossen. Solche Vorstöße, sagte Strack-Zimmermann, brächten aber nur „den Applaus und das Schulterklopfen von reaktionären Stammtischen, die uns nie und nimmer wählen würden“.MeinungFDP:Kubicki hat gewonnen - aber die Partei steht nicht hinter ihmUnd der härteste Vorwurf: Strack-Zimmermann stellte in den Raum, dass Kubicki in Zukunft womöglich mit der AfD gemeinsame Sache machen könnte. Die beste Brandmauer gegen Extremismus sei ein liberaler Kompass, sagte sie. Und ihr Kompass, das könne sie versichern, sei geeicht. Und zwar auch „über die nächsten Wahlen“ hinaus. Auch ohne Kubickis Namen konnte sich jeder Delegierte einen Reim darauf machen, was Strack-Zimmermann darüber denkt, ob dessen politischer Kompass nach den nächsten Wahlen nicht doch mal nach rechts außen ausschlagen könnte. Sie sagte lediglich: „Macht, die ihre Seele verkauft, ist keine liberale Macht.“Kubicki übernimmt den Parteivorsitz in großer Not. Die FDP kämpft ums Überleben. Man muss im Wahlkalender schon länger zurückblättern, um eine Wahl zu finden, bei der die Liberalen zugelegt haben. Das war Anfang 2022 im Saarland. Seitdem ging der gelbe Balken nach unten. 15-mal in Folge.Die Verluste in Serie schmerzen die stolze Partei. Und sie bedrohen ihre Existenz. Verlorene Wahlen bedeuten weniger Geld, weniger Abgeordnete, weniger Mitarbeiter, weniger Aufmerksamkeit. Wenn die FDP unter der Fünf-Prozent-Hürde bleibt, könnte sie 2029 verschwinden. Dann sollen der Bundestag und das EU-Parlament gewählt werden. Im Bundestag sitzen schon keine Liberalen mehr, in Brüssel und Straßburg sitzen noch Abgeordnete. Zwar gilt in Europa keine Fünf-Prozent-Hürde, aber es ist natürlich nicht der Anspruch der FDP, nur noch wie die Tierschutzpartei an Mini-Mandate zu kommen.Kubicki will die Trendwende schaffen, indem er die Partei konservativ-liberal positioniert, mit einer härteren Migrationspolitik. Viele Liberale verstanden ihn so, dass er die Partei umkrempeln will. Bedienen könnte sich das Team Kubicki für den intellektuellen Überbau beim FDP-nahen Philosophen Sven Gerst. Der hatte letztens einen Aufsatz über „Dark Liberalism“ geschrieben, dunklen Liberalismus. Das meint, konfrontativ in die gesellschaftliche Debatte zu gehen. „Ein solcher Liberalismus spielt bewusst mit dem Feuer“, schrieb Gerst. Themen, die in der Gesellschaft als befriedet gelten, müsste der dunkle Liberalismus wieder radikal politisieren. Dazu brauche man „notwendigerweise eine ordentliche Prise Vulgarität“. Passend zum „Dark Liberalism“ ist das Logo der FDP auf dem Parteitag schon in Schwarz zu sehen.Früher trat die FDP in poppigen Farben auf, nun hat sich die Parteitagsregie für eine recht düstere Inszenierung entschieden. Friedrich BungertAls Parteivorsitzender ist Kubicki, wenn man so will, jetzt also der Lord des dunklen Liberalismus. Doch der Parteitag setzte ihm schmerzhafte Grenzen. Die fast 40 Prozent für Strack-Zimmermann sind ein deutliches Zeichen, dass die Progressiven eine Hausmacht in der Partei sind. Und die organisiert sich zunehmend. In den Wahlen fürs Präsidium bekamen Kubicki-Anhänger eher schlechte Werte, Kubicki-Gegner und Progressive teils unerwartet gute.Der Zweikampf hat auch eine GeschlechterkomponenteDer Zweikampf Kubicki versus Strack-Zimmermann hat auch eine Geschlechterkomponente: Ausgerechnet eine Frau hat seine Macht begrenzt. Und sie kann in der Parteiführung nun jederzeit auf ihre fast 40 Prozent verweisen, wenn sie Kubicki mal wieder einhegen will. Dabei ist die FDP eine deutlich männlich geprägte Partei, die Partei wird häufiger von Männern als von Frauen gewählt. Diese Stimmen will Kubicki sichern. Er spricht bewusst so, dass er in Männerumkleidekabinen Zustimmung bekommen kann. Kurz vor dem Parteitag sagte er etwa, er wolle Menschen für die FDP gewinnen, „denen der Staat mittlerweile auf den Sack geht“.Es regnet Männer: Frauen sind bei den Liberalen in der Minderheit. Friedrich BungertNach der Eruption auf dem Parteitag kamen vom neuen Vorsitzenden keine Signale, dass er seinen bisherigen Kurs verlassen und auf die anderen zugehen will. In den ARD-„Tagesthemen“ wurde Kubicki gefragt, wie er jetzt die Anhänger von Strack-Zimmermann für sich gewinnen will. „Gar nicht“, antwortete er. Er sehe es nicht als seine Aufgabe, in die Partei zu wirken – sondern Wähler zu gewinnen. Denen sei egal, was die Partei intern diskutiere.Kubicki möchte erkennbar, dass die Partei ihm dankbar ist, dass er sich noch mal in die Wahlkämpfe wirft, durchs Land fährt, in die Talkshows geht. Er könnte es auch lassen – und stattdessen seinen Ruhestand genießen und nach Mallorca zum Golfen fliegen, aber das opfert er aus seiner Sicht. Das Überleben der FDP geht dann doch vor. Sein offensichtlicher Wunsch, dass die Anhänger von Strack-Zimmermann das anerkennen, muss von denen aber nicht erwidert werden. Die Progressiven haben auf dem Parteitag gelernt, welchen Einfluss sie haben. Die Polarisierung in der Partei könnte zunehmen.Wie prekär die Lage für die FDP ist, zeigte sich an einer Wortmeldung des früheren Parteichefs Christian Lindner. Auf der Plattform X schaltete er sich öffentlich in die laufende Parteidebatte ein – was er seit seinem Rücktritt nicht getan hat. Er rief dazu auf, Kubicki zu stützen. „Alle freiheitsliebenden Menschen innerhalb und außerhalb der FDP“, schrieb er, „sollten sich hinter ihm versammeln.“