Ein Ziel hat die FDP mit der Kandidatur von Marie-Agnes Strack-Zimmermann schon mal erreicht: maximale Aufmerksamkeit. Von den eigenen Leuten, von den Journalisten. Und diese Aufmerksamkeit ist wichtig, das hatte Wolfgang Kubicki in den vergangenen Wochen mehrfach betont. Plötzlich war wieder Leben in der Bude.Strack-Zimmermann hatte am Samstag überraschend Kubicki herausgefordert. Sie bewarb sich wie er um den Parteivorsitz der FDP. Sie unterlag. Kurz nach 16 Uhr stand Kubicki als Sieger fest. Allerdings mit einem schwachen Ergebnis: 59 Prozent. Mit 70 oder mehr war gerechnet worden, bevor die Überraschungskandidatin aufs Feld trat.Bis Samstagmittag war der Parteitag wie geplant verlaufen: Begrüßung durch den scheidenden Vorsitzenden Christian Dürr, Aussprache – also Debatte – über die letzten Monate, Ermutigungen und Ernüchterungen. Dann die Wahl zum Vorsitzenden. Kubickis Landesverband Schleswig-Holstein schlug ihn vor. Sonst noch wer? Ja, da stand ein Mann vorn an der Bühne und hob den Arm: Joachim Stamp aus Nordrhein-Westfalen, wo er mal Minister war, bevor er Migrationsbeauftragter der Ampelregierung wurde. Er schlug Strack-Zimmermann vor. Raunen, ja, Rumoren im Saal.Die Kameraleute und Fotografen, die sich schon vor Kubicki aufgebaut hatten, eilten weiter, in Richtung des weißen Schopfes der Überraschungskandidatin. Die erklärte sich bereit. Nicht ganz spontan, wie die F.A.Z. erfuhr. Schon morgens hatte sie die nötigen 25 Unterschriften von Delegierten beisammen gehabt, die sie vorschlugen. In der Nacht zuvor wenig Schlaf. Feilen an der Rede. Es sollte eine Grundsätzliche werden.Die Partei des WettbewerbsGerüchte über einen Gegenkandidaten zu Kubicki hatte es gegeben, seit NRW-Landeschef Henning Höne im Mai seine Bewerbung überraschend zurückgezogen hatte. Viele in der Partei waren frustriert, weil die Partei des Wettbewerbs – so sieht sich die FDP selbst – offenbar wieder keinen Wettbewerb ums höchste Parteiamt erlebte. Strack-Zimmermann hatte Hönes Kandidatur unterstützt.Dazu kommt, dass Kubicki zwar viele Anhänger hat, aber auch viele Gegner, die ihm Sprunghaftigkeit vorwerfen; teils auch, sich nicht klar genug gegen die AfD abzugrenzen. In den Tagen vor dem Parteitag diskutierte die FDP, auch aus Anlass von Aussagen Kubickis, über ihr Verhältnis zur Brandmauer.Dieser Kritik trat Kubicki in seiner Rede entgegen. Die AfD sei eine Partei, die man bekämpfen müsse. „Es wird mit dieser Partei niemals eine Zusammenarbeit geben. Niemals.“ Da gebe es auch keine unterschiedlichen Auffassungen zwischen ihm, dem designierten Generalsekretär Martin Hagen und Henning Höne, der von manchen auch auf dem Parteitag anders verstanden worden war. Kubicki kritisierte die Medien, die die gleiche Aussage von allen dreien unterschiedlich interpretieren würden.Immer wieder erntete er Jubel. Auch für humorvolle Bemerkungen wie die, dass es das Schlimmste gewesen sei, das man ihm antun konnte, dass es ausgerechnet der SPD-Politiker Ralf Stegner gewesen sei, der ihn gegenüber Journalisten als des Rechtspopulismus unverdächtig beschrieben habe. In „voller Demut“ kandidiere er um den Vorsitz „der stolzen liberalen Partei“, so beendete Wolfgang Kubicki seine Rede. Viele erhoben sich von ihren Plätzen, um zu applaudieren.Strack-Zimmermanns Kandidatur polarisiertStrack-Zimmermann folgte. Auch für sie gab es großen Applaus. Aber auch einige laute Buh-Rufe. Kandidaten würden bei der FDP nicht ausgebuht, mahnte die Tagungsleitung. Da deutete sich schon an, dass die Kandidatin polarisieren würde. Ihre Gegner ärgerten sich, dass sie die von Kubicki, Hagen und Höne ausgerufene Geschlossenheit störte. Aber viele im Saal waren auch erleichtert, dass nun eine Wahl möglich war. Schlachtross gegen Schlachtross.Doch dann kam die Europa-Abgeordnete zur Sache. Sie attackierte Hagen. Der habe neulich einen Text auf der Plattform X geteilt, in dem der Vize-Vorsitzende der Partei Henning Höne als No-Name verspottet worden sei. Jungliberale seien vom Aussehen mit „Fertiggerichten“ verglichen worden. Mit solchen Posts setze man ein Zeichen. Und es sei kein Zeichen der Einigkeit. Liberalismus bedeute Respekt vor dem anderen.Hagen würde das später in einer persönlichen Bemerkung auf der Bühne als unfairen Angriff einordnen. Er las den Beitrag vor, mit dem er den Artikel angekündigt hatte. In dem hatte er die von Strack-Zimmermann erwähnten Passagen nicht selbst zitiert.In Strack-Zimmermanns Rede ging es ausführlicher als bei Kubicki um politische Inhalte. Allerdings sprach sie auch deutlich länger als er. Wichtig sei zum Beispiel marktwirtschaftlicher Klimaschutz, sie plädierte für erneuerbare Energien und „alle fossilfreien Energieträger“. Kubicki schaute mittlerweile auf sein Smartphone. Er hatte vor dem Parteitag gesagt, die FDP brauche auf dem Parteitag keine „inhaltliche Neuaufstellung“.Strack-Zimmermann erhält Jubel, aber etwas weniger als KubickiDie EU-Abgeordnete hob aber auch Unterschiede im Stil zwischen Kubicki und ihr hervor. Sie beschrieb „zwei unterschiedliche Vorstellungen, wie wir wieder relevant werden“. Kubickis sei, dass die Partei noch lauter werden und noch schärfere Pointen formulieren müsse. Ihr Anspruch sei, geleitet von liberalen Überzeugungen größer zu werden, im Mut und in der Ambition – ihre FDP solle „ein Bollwerk der Mitte“ werden. Auch dafür bekam sie viel Applaus.Am Ende nahm der Beifall im Saal das Ergebnis ziemlich genau voraus. Viel Zustimmung, ja, Begeisterung für beide. Aber am Ende doch mehr für Kubicki. 390 zu 259 Stimmen. Offen blieb am Samstag, was die beiden in Zukunft daraus machen. Dass sie sich in vielem ähnlich sind, wissen sie. Aber Rivalen bleiben sie. Und wie verhalten sich die knapp vierzig Prozent der Delegierten, die lieber Strack-Zimmermann als Chefin gehabt hätten, und die Mitglieder, die sie vertreten? Reihen sie sich hinter Kubicki ein? Strack-Zimmermann jedenfalls ging, nachdem das Ergebnis feststand, zu Kubicki und reichte ihm die Hand zur Gratulation.