Wolfgang Kubicki schaut erst gar nicht hin. Der 74-Jährige sitzt an diesem Samstagnachmittag in der ersten Reihe und tippt eifrig auf seinem Handy. Es ist 15.14 Uhr und vor ihm auf der Bühne des 77. Bundesparteitags der FDP hält gerade Marie-Agnes Strack-Zimmermann eine flammende Rede.Im Berliner Estrel-Hotel ist die Anspannung, die Nervosität jedem anzumerken. Und Kubicki? Reagiert nicht und applaudiert schon gar nicht. Vor ihm liegt eine Tüte Popcorn, die er nicht anrührt.Eigentlich ist an diesem Samstag das Ergebnis schon vor dem Anpfiff klar. Kubicki, seit dem für viele überraschenden Rückzug von Nordrhein-Westfalens Landeschef Henning Höne aus dem Rennen der einzige – und somit auch beste – Kandidat, würde zum Chef gewählt werden und alle früher Feierabend machen.Der Kieler selbst hielt die Angelegenheit für sicher, gab sich betont entspannt: Die Delegierten würden schon den gesunden Menschenverstand haben, nicht mehr dazwischenzufunken, sagte er sinngemäß. Und auch im Kubicki-skeptischen Lager witzelte man vom Parteitag als „Königsmesse“.Doch diese blieb aus, zumindest für einen Moment. Plötzlich Konkurrenz Es ist kurz nach halb drei, als die Bombe platzt. Als der Kandidat nominiert werden soll, tritt unvermittelt der nordrhein-westfälische FDP-Mann Joachim Stamp ans Mikrofon und stellt im Namen von fast drei Dutzend Delegierten eine andere Person auf: Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Europaabgeordnete, Teil des sozialliberalen Flügels und seit Langem eine Gegnerin Kubickis.Die Anwesenden trifft das gänzlich unvorbereitet, viele Delegierte schauen sich ungläubig an, es bricht Raunen aus. Nicht einmal der engste Führungskreis wusste von dem Plan. Zwar war seit Tagen zu hören, dass es im Vorfeld zu hitzigen Debatten kommen würde. Ebenso, dass Teile der Partei angesichts des Vorgehens Kubickis wütend seien.Aber vieles spricht dafür, dass Strack-Zimmermann die Entscheidung in letzter Minute spontan getroffen hat. Sie habe ein Zeichen setzen wollen für jene, die mit dem neuen Ton unter Kubicki fremdelten, sagt sie in ihrer Rede: „Meine Stimme wird auch in Zukunft gehört, im Gegensatz zu jenen Mitgliedern, die bis vor zwei Wochen noch die Hoffnung auf eine Debatte über Konzepte, Inhalte und Personen hatten. Diese Hoffnung wurde jäh enttäuscht.“Ich glaube nicht, dass unsere Partei stärker wird, wenn sie klingt, wie eine schlecht gelaunte Erinnerung an bessere Zeiten.FDP-Präsidiumsmitglied Marie-Agnes Strack-Zimmermann in ihrer BewerbungsredeSchon im Vorfeld hatten viele Liberale mokiert, dass ausgerechnet die Partei des Wettbewerbs bei einer womöglich alles entscheidenden Personalfrage auf diesen verzichten wollte. Nun hatte sie ihn doch. Und für einen Moment sah es so aus, als könnte es tatsächlich eine Überraschung geben: 147 Sekunden hielt der Applaus für Strack-Zimmermann an, 119 für Kubicki. Doch letztlich ging der Putsch für Kubicki glimpflich aus – oder verheerend, je nach Sichtweise. Er wurde mit 60 Prozent der Stimmen zum neuen starken Mann gewählt, aber von einer echten Machtposition kann keine Rede mehr sein. Die Aufgabe: Aufmerksamkeit Das führt die Partei in eine schwierige Lage – und die ist ohnehin schon schwierig genug. Genau ein Jahr und zwei Wochen ist es erst her, dass die FDP am selben Ort nach der verheerenden Wahlschlappe in Christian Lindner ihr bisheriges Gesicht abstreifte, um einen radikalen Neuanfang zu starten.„When life gives you lemons, make lemonade“, stand damals an jeder Ecke der Halle. Selbstbestärkung auf liberale Art.Das Problem: Ein Jahr später hat die Partei eine ganze Zitronenplantage vor sich. Die FDP hat zwei Landtagswahlen vergeigt, steht in Umfragen so schlecht da, dass sie unter „Sonstige“ geführt wird. Die Tierschutzpartei ist inzwischen vielerorts eine stärkere politische Kraft. „Es waren verlorene Monate“, sagt ein Parteimitglied hinter vorgehaltener Hand.Egal, mit wem man spricht, die Diagnose ist simpel: Die Liberalen müssen schleunigst in die Spur kommen, wieder als politische Kraft stattfinden, wieder gehört werden. Sonst verschwindet die Partei in der Versenkung. Und selbst der skeptischste Liberale muss zugeben: Dafür steht Kubicki.Doch das gefällt nicht jedem. Denn mit Kubickis Wahl trifft die FDP auch eine gravierende Richtungsentscheidung. Zwar schlägt Kubicki in Berlin versöhnliche Töne an, spricht von einer „liberalen Familie“ und betont die gemeinsame Arbeit, die vor den Freidemokraten liege. Er selbst sieht seine Aufgabe primär darin, mit seiner Gravitas, seiner – Zitat Kubicki – „Volksfest-Bekanntheit“ die Partei kurzfristig wieder über den Durst zu hieven.Das scheint zu funktionieren: Zuletzt kletterte die FDP in Umfragen von drei auf viereinhalb Prozent.Klar ist aber: Unter Kubicki wird die FDP eine andere werden. Deutlich angriffslustiger, libertärer und ja, auch weiter rechts. Im Grunde, sagen manche Liberale, erlebe man gerade die Geburt einer neuen FDP. Eine, die sich nicht mehr unverrückbar in der politischen Mitte zementiert, sondern neu verhandeln will, was Mitte bedeutet. In der Partei brodelt es Kubickis designierter Generalsekretär Martin Hagen ließ erst vor wenigen Tagen wissen, er halte die Brandmauer zur AfD für einen Popanz. Kubicki lehnt sie ohnehin ab und betont, er wolle im Zweifel auch mit den Rechtsextremisten reden. Die Meinungsfreiheit hält er für bedroht, in seiner Antrittsrede spricht er von „faktischen Sprechverboten“ und einem „erschreckend großen Willen“ in Deutschland, „anderslautende Stimmen kleinzumachen“. Das alles bringt Aufmerksamkeit, sicher. Die ist für eine Partei, die zuletzt vorrangig durch Abwesenheit auffiel, ein Faustpfand. Und es dürfte einige der rund 800.000 zuletzt an die AfD abgewanderten FDP-Wähler zurückgewinnen.Hinter den Kulissen köchelte jedoch seit Wochen der Widerstand. Viele Liberale haben ob der neuen Linie Bauchschmerzen; sie könnte zu kurzem Aufwind, aber langfristigem Ärger führen. Mehrere Landesverbände berichten, dass bedenklich viele Mitglieder die Partei angesichts einer Führung aus Kubicki und Hagen verlassen wollten. Dutzende Austrittsanträge seien schon eingegangen.Der Grund? Es handele sich um Leute, „die von den Lockerungsübungen gegenüber der AfD maximal irritiert“ seien, sagt Konstantin Kuhle, zu Ampel-Zeiten immerhin Fraktionsvize. Auch der ehemalige FDP-Europaabgeordnete Michael Kauch verpasst der neuen Spitze eine Breitseite: „Ich möchte nicht in einer Partei sein, die für die schnelle Aufmerksamkeit steht.“Es brodelt – womöglich auch über den Parteitag hinaus: „Ich glaube nicht, dass unsere Partei stärker wird, wenn sie klingt wie eine schlecht gelaunte Erinnerung an bessere Zeiten“, ruft Strack-Zimmermann in ihrer Bewerbungsrede. Die FDP müsse einen Plan für die nächsten Jahre haben, „nicht eine Meinung zu den vergangenen“.Kubicki blickt da einmal von seinem Handy auf. Vermutlich weiß er, dass sein Job gerade noch schwieriger geworden ist.