«Wir waren wie Ausserirdische»: Wie Gastarbeiter, Flüchtlinge und Expats unser Land prägen – und die Schweiz sieUnser Land ist seit je auf dem Beitrag von Zuwanderern gebaut – und diskutiert doch immer von Neuem über ihre Migrationspolitik. Ein Blick in die Geschichte von sechs Zuzügern, welche die Debatten der letzten 70 Jahre am eigenen Beispiel erlebt haben.31.05.2026, 05.30 Uhr17 LeseminutenOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Sie gehört zur Schweiz wie die Berge, die Schokolade und der Käse – die regelmässige Volksabstimmung über die Zuwanderung und die Zuwanderer.Über kaum ein Thema debattiert die Schweiz so leidenschaftlich wie über ihre Beziehung zu den Ausländern, zumindest seit sie vor bald 150 Jahren selber zum Einwanderungsland wurde. Zuvor hatte das mausarme Land notgedrungen Menschen exportiert, Söldner, Handwerker, Hauslehrer oder Gouvernanten. Und weil die Schweizer im Ausland nicht immer gefragt waren, boten die Gemeinden den Ärmsten zeitweise sogar Geld, damit sie auswanderten und der Heimat nicht mehr zur Last fielen.Noch 1855 warnte der amerikanische Konsul in Zürich die Behörden seiner Heimat davor, dass die Gemeinde Rothrist (AG) eben 320 ihrer ärmsten Bürger per Schiff nach New York geschickt habe, «sie dürften sicher keine besonders wünschenswerte Ergänzung unserer Bevölkerung sein». Umgekehrt lobte die NZZ die Aktion, denn «das Land zuckt unter der Plage des Pauperismus und sucht und sucht, wie es sich helfe».Die Vorzeichen drehten erst mit der raschen Industrialisierung um 1880. Nun kamen plötzlich mehr Menschen in die Schweiz – oder sie wurden gezielt geholt. Seither ist die Migration ein stetes politisches Thema, von den «Italienerkrawallen», zu denen es kurz danach mit den ersten italienischen Gastarbeitern kam, bis zur heutigen Diskussion über die Expats und ihre Löhne und Wohnungen.Im Kern wird dabei stets um dieselbe Frage gestritten: Wie viele (dürfen) kommen? Und sind es die Richtigen?Die Fragen erhielten eine überraschend positive Antwort, als 1956 bei der ersten grossen Flüchtlingsbewegung der Nachkriegszeit Tausende von Ungarn vor dem sowjetischen Kommunismus flohen und die Schweiz in bis dato unbekannter Offenheit rund 12 000 von ihnen aufnahm.Sie entzündeten sich erneut an den Gastarbeitern aus dem Süden Europas, die in den sechziger und siebziger Jahren als Saisonniers und billige Arbeitskräfte kamen und nach getaner Arbeit möglichst schnell und spurlos wieder gehen sollten.Sie lösten Proteste und gar Anschläge aus, als in den achtziger Jahren mit den Tamilen erstmals in grosser Zahl dunkelhäutige Menschen in die Schweiz flohen, die in der Boulevardpresse als «Heroin-Tamilen in Lederjacken» kriminalisiert und stigmatisiert wurden. Und sie gipfelten im Schlagwort «Asylkrise», als sich in den neunziger Jahren während der Wirren der Balkankriege die Zahl der Menschen aus den Staaten Ex-Jugoslawiens auf 362 000 verdoppelte.Später, als die Einführung der Personenfreizügigkeit ab 2000 der Migration ein neues Gesicht verlieh und plötzlich nicht mehr Bauarbeiter, Köche und Putzpersonal, sondern Fachkräfte kamen, die in guten Jobs gutes Salär bezogen, drehte sich die Diskussion bald um die nördlichen Nachbarn. «Wie viele Deutsche erträgt die Schweiz?», wurde nun in den Medien hitzig debattiert. So wie es auch jetzt wieder geschieht, wo sich die kleine Schweiz zu global Switzerland wandelt, das Fachkräfte aus aller Welt anzieht und in dem immer mehr englisch gesprochen wird.In die politische Antwort auf diese Fragen, so schreiben es die Historiker André Holenstein, Patrick Kury und Kristina Schulz in ihrer «Schweizer Migrationsgeschichte», floss immer auch eine Kosten-Nutzen-Analyse ein. Die Regulierung der Migration erfolgte auch nach ökonomischen Aspekten, wobei sich der Nutzen manchmal auch aus der Moral ergab. So etwa nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Schweiz mit einer liberalen Flüchtlingspolitik versuchte, ihre neutrale und wenig humane Rolle während der Nazi-Zeit vergessen zu machen.Letztlich zeigen schon diese Debatten, dass die Schweiz mit und auf der Migration gebaut wurde: Den Gotthardtunnel bohrten und sprengten vorwiegend italienische Mineure aus dem Fels, die «Ovi» erfand der Sohn eines deutschen Einwanderers, und Roger Federer spielte mit Schweizer und südafrikanischem Pass. Heute haben 42 Prozent der ständigen Wohnbevölkerung einen Migrationshintergrund. Die Ausländerquote stieg von 3 Prozent bei der Gründung des Bundesstaates auf über 27 Prozent.Hinter den Zahlen stehen Zuwanderer und Zuwanderinnen, welche die Debatten in diesen Migrationswellen am eigenen Leib und Beispiel erlebt haben.InhaltsverzeichnisPiroska Spiegel, aus Ungarn: «Dass wir in der Schweiz landeten, war eigentlich Zufall»Giancarlo Teroni, aus Italien: «Ich behalte lieber die Illusion meiner Sehnsucht nach Italien»Anton Ponrajah, aus Sri Lanka: «Wir waren wie Ausserirdische»Basrie Sakiri-Murati, aus Kosovo: «. . . als wäre die Flucht bloss ein langer Traum»Sandra Ohle und Lena Hommerich, aus Deutschland: «In Deutschland wäre das unmöglich»Piroska Spiegel, aus Ungarn: «Dass wir in der Schweiz landeten, war eigentlich Zufall»Statt nach Irland in die Schweiz: Piroska Spiegel, die als als Dreijährige mit der Familie aus Ungarn flüchtete, in ihrem Zuhause in Winterthur.Die einzige Erinnerung an die Flucht ist ihr Bruder auf dem Gepäckträger des Velos eines Bauern, der sie über die ungarische Grenze schmuggelte; sie selbst auf den Schultern des Vaters, die Mutter mit ihrer Geige unter dem Arm. Der Bauer hatte der Familie Kleidung gegeben, damit sie möglichst nicht auffiel.Piroska Spiegel wurde 1953 in Budapest geboren, im sozialistischen Ungarn. Drei Jahre später kam es im Herbst zu einem Volksaufstand gegen die kommunistische Diktatur, der von sowjetischen Truppen blutig niedergeschlagen wurde.Der Vater wäre gerne in Ungarn geblieben, sagt Piroska Spiegel. Aber die Mutter wollte, dass ihre Kinder in Freiheit aufwuchsen. Zu viel hatte ihre eigene Freiheit sie gekostet: Als Jugendliche überlebte sie den Holocaust, musste ohne Schuhe 120 Kilometer im Schnee laufen, verlor auf diesem Marsch ihre kranke Mutter.Flucht vor den Sowjets1956 flohen 200 000 Ungarn aus ihrem Heimatland, wo sowjetische Truppen einen Aufstand niedergeschlagen hatten. Die Schweiz nahm 12000 der Flüchtlinge auf. Die Bevölkerung empfing sie sehr offen und half mit Kleidern, Essen oder Unterkünften.Im Zug an die Grenze hatte ihr grosser Bruder gefragt, ob das jetzt diese Flucht sei, von der die Eltern gesprochen hatten. «Und ich habe angeblich immerzu gepfiffen», erzählt Piroska Spiegel. Die Eltern versuchten die Kinder mit Schokolade ruhigzustellen – seither mag sie keine Schokolade mehr. Und auch keine Pilze. Denn auf Ungarisch klingt das Wort für Pilz ähnlich wie dasjenige für Bombe; und vor Bomben versteckte sie sich beim sowjetischen Einmarsch unter dem Bett. 65 Jahre hat es gedauert, bis sie überhaupt einmal einen Champignon probierte.«Dass wir in der Schweiz landeten, war eigentlich Zufall», sagt Piroska Spiegel. Im österreichischen Auffangzentrum angekommen, wollten sie sich für eine Weiterreise in die USA registrieren. Ein Grossonkel lebte da, seine Adresse hatte die Grossmutter vor ihrem Tod im Konzentrationslager schon Piroskas Mutter eingebleut; nun war die Adresse wieder die Hoffnung der Familie.Doch bei der USA-Baracke war die Schlange so lang, dass sie stattdessen beschlossen, erst nach Irland zu gehen. Nach der Mittagspause wechselten die Beamten jedoch das Schild über dem Schalter aus: «Schweiz», stand da nun.So kam die Familie erst nach Bellinzona, dann in eine kleine Mansardenwohnung in Regensdorf. Die Solidarität der Schweizerinnen und Schweizer mit den ungarischen Flüchtlingen war am Anfang gross, sie spendeten Kleidung und Esswaren. «In den ersten Monaten gab es fast nur Schokopudding und Kartoffelstock zu essen.»Spiegels Eltern fanden schnell Arbeit: Ihr Vater, ein Ingenieur, bei Sulzer. Die Mutter unterrichtete zu Hause Geige. «Unsere Nachbarn regten sich oft über das stundenlange Gefiedel auf», erinnert sich Spiegel. Für die klassischen Künste hatte man in der kleinbürgerlich-pragmatisch geprägten Schweiz der Nachkriegsjahre wenig übrig.Durch Piroska Spiegels Familie ziehen sich die Künste aber wie eine Lebenslinie; zwei ihrer Kinder sind Geiger geworden, wie die Grossmutter, das dritte Tänzer. Und Piroska Spiegel sagt: «Meine wahre Heimat habe ich im Opernhaus gefunden.» Als Kind hatte sie es gehasst, mit in die Oper zu müssen. Später wartete sie während der Proben dort auf ihre Kinder. Bis sie ein Regisseur als Statistin auf die Bühne holte. Noch heute, mit 73, steht sie fast täglich auf der Bühne für eine der vielen Proben oder bei Aufführungen. Freie Tage gibt es kaum, und wenn, dann investiert sie diese, um das Erbe ihrer Mutter fortzuführen: die Goppisberger Musikfestwochen, eine Musikakademie für talentierte Kinder, die sie jeden Sommer mit ihrer Tochter zusammen organisiert.Giancarlo Teroni, aus Italien: «Ich behalte lieber die Illusion meiner Sehnsucht nach Italien»Wohnte mit der Mutter auf Dachböden: Giancarlo Elio Teroni kam als Kind italienischer Gastarbeiter in den fünfziger Jahren in die Schweiz.Am 6. Mai 1950 überquerte Giancarlo Elio Teroni die Schweizer Grenze zum ersten Mal. Er war vier Jahre alt, kam in die Schweiz, weil seine Eltern nach dem Ende des Krieges am Mittag nicht wussten, was sie ihrem Kind am Abend zu essen geben sollten. Bis ein Herr Meier aus Winterthur in ihr Dorf in der Nähe von Brescia kam und seinem Vater Arbeit in einer Fabrik in der Schweiz anbot.Unzählige Male überquerte Teroni in den folgenden Jahren die Grenze, denn Gastarbeiter wie seine Eltern durften nur sechs Monate bleiben, mussten über den Winter wieder zurück in die Heimat. Der Vater arbeitete bei Sulzer, die Mutter wusch die Arbeitskleidung der Gastarbeiter.Wohnen musste die Familie hier getrennt: der Vater in der Arbeiterunterkunft, dem «Barracone», seine Mutter und er wohnten meist bei Familien auf dem Dachboden. «Die Schweizer sollten nicht das Gefühl bekommen, dass wir besser lebten als sie», erzählt Teroni.Arbeiter aus dem SüdenAusländische Arbeitskräfte halfen nach dem Krieg, die Wirtschaft anzukurbeln. Von 1945 bis 1975 kamen zwei Millionen italienische Gastarbeiter in die Schweiz. In der Bevölkerung wuchs Angst vor Überfremdung, die in der Initiative von James Schwarzenbach gipfelte.Denn die Einheimischen begegneten den Gastarbeitern mit viel Fremdenfeindlichkeit: wenn er mit seiner Mutter am Sonntagabend durch die Innenstadt schlenderte, um sich die hübschen Schaufenster anzuschauen, und sie als Rabenmutter beschimpft wurde, weil ihr Kind noch nicht im Bett war. Wenn er, weil ein Ausländerkind, prinzipiell in tiefere Klassen gesteckt wurde. Wenn sie ihn «Maiskolben» nannten. Wenn sie weder in Restaurants bedient noch von den Ärzten behandelt wurden. «Es gab nur einen einzigen Arzt, der uns die Praxis öffnete.»Nach der Saison 1960 wollte die Familie eigentlich für immer in Italien bleiben. Doch dann starb seine Mutter unerwartet. Und so kamen Vater und Sohn 1961 doch wieder nach Winterthur. Teroni begann mit 14 Jahren als Laufbursche bei Sulzer, machte eine Lehre als Konstruktionsschlosser, wohnte mit seinem Vater in einem der Viererzimmer der Baracken. «Jeder hatte ein Bett, einen Schrank und einen Stuhl.» Am Sonntag drängten sich die jungen Männer vor den wenigen Wasserhähnen, um sich zu rasieren. Sie wollten ins Tösstal, wo in den Textilfabriken viele junge Italienerinnen arbeiteten.Mit 25 erlitt Teroni einen Lungeninfarkt, weil er zu schwere Geräte hatte heben müssen, arbeitete sich dennoch hoch bis zum Betriebsfachmann. Und baute sich ein Leben auf in diesem Land, das nicht zuletzt mit der Schwarzenbach-Initiative klarmachte, dass es ihn nur als Arbeitskraft, nicht aber als Menschen hier haben wollte.Er heiratete eine junge Schweizerin, obwohl ihr Vater ihn am liebsten fortgejagt hätte. Er wurde selbst Vater von zwei Töchtern, liess sich 1989 einbürgern, «aber ohne mich einzukaufen!». Er spielte Fussball, Hockey, war über dreissig Jahre im Turnverein und denkt heute wie ein Eidgenosse, wie er sagt. Trotzdem fand er nie so ganz den Zugang zu den Schweizern.Mehrmals wollte er zurück. Doch erst sträubte sich seine Ex-Frau, später liess er sich von der Tochter erweichen: «Sie wollte mich nicht gehen lassen.» Jetzt, mit bald 80, habe er den Moment verpasst. «Viele meiner Freunde unten sind inzwischen verstorben. Was würde ich dort machen?», fragt Teroni. «Lieber behalte ich die Illusion meiner Sehnsucht nach Italien. Auch dort ist es nicht mehr das, was es einmal war.» Und leistet sich stattdessen für 23 Franken einen halben Liter gutes, ligurisches Olivenöl, um die Erinnerungen an sein Italien wachzuhalten.Anton Ponrajah, aus Sri Lanka: «Wir waren wie Ausserirdische»Er vertrat Tamilen und spielte sie im Fernsehen: Anton Ponrajah in seiner Wohnung in Emmen.Anton Ponrajah war zuerst Tamile, dann Ausserirdischer und schliesslich, wie er mit seinem breiten Lachen sagt, Schweizer und «Berufstamile». Ins Land gekommen ist er 1985, versteckt unter den Sitzen im Zug und nach einer langen Flucht via Singapur, Moskau, Berlin, Paris und Italien. Der Vater hatte ihn von Sri Lanka nach Singapur geschickt, weil Probleme mit dem Militär drohten, das oft junge Tamilen entführte. Als dort sein Arbeitsvertrag ablief, blieb die Flucht nach Europa.Die Ankunft war frostig, nicht nur wegen der Temperaturen. Den Tamilen schlug viel Hass entgegen, den auch Ponrajah zu spüren bekam. Sie wurden auf dem Heimweg verprügelt, das Asylheim mit Steinen beworfen. Und als er einmal im Bus für eine alte Frau aufstand, schimpfte diese: «Sauhund!» Ponrajah verstand das Wort erst, als er es später selber dem Chef sagte, so wie er anfangs so vieles hier nicht verstand. Als er am Bahnhof ein Paar beim Küssen sah, dachte er entsetzt: «Die haben Sex in aller Öffentlichkeit?»Heute fühlt er sich wohl in der Schweiz und wundert sich, warum man kaum mehr küssende Paare sieht. Die Ablehnung der ersten Jahre erklärt er sich mit der Natur der Menschen: «Die Leute wussten einfach nicht, wer wir waren. Wir waren für sie wie Ausserirdische.» Einige tasteten seine Haut ab, um sicherzugehen, dass dieses Braun die Hautfarbe ist und nicht Dreck.Aus Sri wie?Ein Bürgerkrieg in Sri Lanka trieb ab 1983 Tausende Tamilen in die Schweiz. Die hiesigen Behörden waren überfordert, die Bevölkerung abweisend. Heute leben rund 60 000 Menschen tamilischer Herkunft im Land, die Kinder der ersten Flüchtlinge sind gut integriert.Geholfen hat die Arbeit, wobei der gelernte Maschineningenieur wie viele Tamilen unten anfangen musste: Gerüstbauer, Küchengehilfe, Koch, Kellner . . . – bis ihm ein Theaterprojekt im Asylzentrum den Weg in seinen zweiten Beruf öffnete. Ponrajah wurde Profischauspieler – der einzige tamilische in Europa. Er spielte und produzierte Theaterstücke, trat in TV-Serien auf (etwa «Bürgerbüro» von 2002) und gewann Anerkennung und Förderbeiträge. So wurde er vom Tamilen, der sich privat und politisch für die Diaspora einsetzte, auch zu dem, der sie verkörperte, zum «Berufstamilen» eben.Daneben tat Ponrajah dasselbe wie all seine Landsleute: warten, warten, warten – darauf, dass endlich ein Frieden ihr Exil beende. Bis er 2009 nach dem Ende des tamilischen Widerstandes einsehen musste: Das wird nichts mehr. Der Krieg war zwar vorbei, die Lage der Tamilen aber blieb so schlecht wie eh und je, und ihm als politisch Aktivem mit Kontakten zu den Tamil Tigers drohte der Tod.So ist ihm nun die Schweiz Heimat geworden. Ponrajah lebt mit seiner Familie in einem Wohnblock in Emmen. Er ist froh, dass die Kinder gut ausgebildet sind und gute Jobs haben. Und freut sich, dass sich die zweite Generation gut arrangiert und integriert hat – besser als die seine, in der viele Tamilen zwischen den Werten der alten Kultur und dem Leben in der Schweiz ihre Rolle suchen. Wer etwas machen wolle in der Schweiz, könne das, lobt er.Ponrajah hofft, dass dies auch nach dem 14. Juni so bleibt. Dass das Boot voll sei, habe man ja den Tamilen vor vierzig Jahren schon gesagt. Und doch seien sie heute anerkannt und geschätzt. Über den steinigen Weg dahin schreibt er gerade eine Autobiografie. Sie heisst «Brennende Erinnerungen im Eis».Basrie Sakiri-Murati, aus Kosovo: «. . . als wäre die Flucht bloss ein langer Traum»Die Integration gegen Widerstände erkämpft: Basrie Sakiri-Murati in ihrem Zuhause in Bern.Dass es in die Schweiz geht, erfuhr Basrie Sakiri-Murati, kurz bevor sie an einem Dienstag im Juni 1989 in Pristina ins Auto stieg. Vorher durfte sie nichts wissen, für den Fall, dass die serbische Polizei sie noch erwischt. Und mitreden konnte die damals 18-Jährige ohnehin nicht; wer wohin flieht, das organisierten die Führer des albanischen Widerstands.Von ihrem Zielland wusste sie bloss, dass es bergig ist und seine Bewohner fleissig, aber daran dachte sie in jenem Moment ohnehin kaum. Zu gross waren Sorgen, Schmerz und Trauer, ja es schien ihr an jenem Tag sogar früher dunkel zu werden. «Auch die Sonne wollte nicht mitansehen, wie ich mein Land verliess», schrieb sie später in ihrer Autobiografie «Bleibende Spuren» (Rotpunktverlag).Heute wohnt Sakiri-Murati in Bern und verdient ihr Leben als Übersetzerin und medizinische Praxisassistentin. Ihre beiden Kinder arbeiten, und zwei Enkelinnen wollen umsorgt sein. Auf ihrem Küchentisch liegt das Couvert mit den Abstimmungsunterlagen, die sie seit der Einbürgerung 2001 regelmässig ausfüllt. Doch beim Blick zurück bricht ihr immer noch gelegentlich die Stimme.Der 27. KantonDie Einwanderung aus Kosovo begann um 1960 und erreichte im Krieg von 1998/99 ihr Hoch, als fast 50000 Kosovaren um Asyl ersuchten. Heute leben rund 200000 Menschen mit kosovarischen Wurzeln hier, und Kosovo wird manchmal ironisch als 27. Kanton bezeichnet.Sakiri-Murati wuchs in einem Dorf im Norden Kosovos auf. Als Slobodan Milosevic sich anschickte, dessen Autonomiestatus zu beenden und die albanische Bevölkerung zu diskriminieren, schloss sich die junge Gymnasiastin den Protesten an und tauchte später aus Angst vor Verhaftung und Folter unter. Es folgte eine strapaziöse Flucht, von einem Unterschlupf zum nächsten, stets in der Angst, dass sie geschnappt oder – fast noch schlimmer – der Familie Gewalt angetan wird. Bis Sakiri-Murati in dieses Auto stieg und zwei Tage später mit drei Gefährten vor einem Luzerner Wohnblock bei Landsleuten klingelte. Ihr erster Eindruck in diesem stillen und sauberen Land: Die Türe surrt und öffnet sich automatisch.Doch nicht alle Türen tun dies. Sakiri-Murati bekam zwar viel Hilfe von neuen Schweizer Freunden, auch lobt sie die stets freundlichen Beamten. Und doch musste sie sich die Integration gegen einige Widerstände erkämpfen. Sie wurde als Küchengehilfin ausgenutzt und in der Ausbildung gemobbt. Geholfen, sagt sie, hätten ihr ihre Jugend, dass sie rasch die Sprache gelernt, sich ausgebildet und trotz zwei Kindern immer gearbeitet habe – sowie das Schreiben. Seit dem Abschluss ihres Buches schreibt sie für ein lokales Online-Medium Kolumnen über alles, was die gebürtige Albanerin in der Schweiz bewegt.Heute fühlt sich Sakiri-Murati in der Schweiz zu Hause. Und dennoch springt ihr, wenn sie nach Kosovo reist, das Herz. «Dann kommt es mir vor, als wäre ich nie weg gewesen und als wären die Flucht und alles danach bloss ein langer Traum.»Ein Leben dort kann sie sich aber nicht mehr vorstellen. Was sie hatte, wurde im Krieg zerstört, die meisten Verwandten sind weg, berufliche Perspektiven gibt es keine. Auch mit der Mentalität in der alten Heimat hat sie Mühe, dafür empfindet sie die neue mittlerweile als offener als in den Jahren ihrer Ankunft. Geblieben ist ihr Wille, der Schweiz zu beweisen, dass auch sie und andere Flüchtlinge viel können und so zum guten Leben im Land beitragen.Sandra Ohle und Lena Hommerich, aus Deutschland: «In Deutschland wäre das unmöglich»Fester Teil des Dorflebens: Sandra Ohle (links) und Lena Hommerich in ihrer Arztpraxis in Zollikon.Gerade begeistert waren sie anfangs nicht von den Plänen. Sandra Ohle hatte einst in einem Praktikum in Zürich durchzogene Erfahrungen gemacht und das Kapitel Schweiz eigentlich abgeschlossen, als ihr Mann 2003 hier einen Job erhielt. Lena Hommerich kam 2016 aus Berlin, auch weil die Familie wegwollte aus Deutschland.Der Umzug in die Schweiz war also für beide zu Beginn mehr Liebesbeweis denn eigener Herzenswunsch. Und doch finden sie heute: «Es war die beste Entscheidung ever.» Mittlerweile sind die beiden geschätzte Hausärztinnen in Zollikon, ihre Praxis gehört fest zum Leben im Dorf am Zürcher Stadtrand – und sie fühlen sich hier zu Hause, ja sogar heimisch. Nur Schweizerdeutsch zu lernen, das haben sie mangels Erfolgsaussichten aufgegeben.«Gut aufgenommen wurden wir trotzdem», sagt Hommerich, und das gilt speziell im Beruf. Eine Stelle zu finden, war nie ein Problem. Ohle startete beim Schweizerischen Epilepsie-Zentrum, wechselte später an die Psychiatrische Uniklinik Zürich und zu einem Ärztezentrum der Hirslanden-Gruppe, wo sie Hommerich kennenlernte. Diese war dort gleich beim ersten Gespräch per Handschlag eingestellt worden und besuchte schon am selben Abend mit dem Team den Weihnachtsmarkt.Man spricht DeutschDie Zuwanderung aus Deutschland ist im Zuge der Personenfreizügigkeit ab 2000 stark gestiegen. Die nördlichen Nachbarn machen seither die grösste Zahl von Einwanderern aus. Derzeit leben über 330000 Deutsche im Land, sie bilden nach den Italienern die zweitgrösste Ausländergruppe.Etwas mehr Angewöhnung brauchte der Start ins Schweizer Leben. Die horrenden Tarife für die Kita, die vielen Regeln, die Einladung zum Kindergeburtstag, auf der mit Ausrufezeichen steht, man solle die Kinder um Punkt 17.00 Uhr wieder abholen. Und natürlich haben auch Ohle und Hommerich gemerkt, dass viele Schweizer die Deutschen nicht gerade anhimmeln. Die Kinder verstanden nicht, wieso beim Fussball immer alle Freunde gegen Deutschland waren. Das erste Gesuch bei einem Tennisklub wurde abgelehnt, weil es an Schweizer Bürgen fehlte. Und auch wenn die zwei Frauen viele (auch Schweizer) Freundinnen haben, stellen sie doch fest: «Dass reine Schweizer Paare uns zum Abendessen eingeladen haben, das gab es wohl nur ein- oder zweimal.» Sie fragen sich bis heute: Sind die Schweizer so, oder liegt das an uns?Trotzdem: Anders als viele andere deutsche Zuwanderer, die sich trotz viel gutem Willen immer etwas fremd vorkommen, fühlen sich die beiden Ärztinnen voll akzeptiert und integriert. Daran ändern auch die ständigen politischen Diskussionen über Ausländer nichts, die sie ja teilweise auch selber führen. Sandra Ohle sagt, als selber Zugewanderte könne sie ja nicht gegen die Zuwanderung stimmen. Doch in ihrem Umfeld wird es am 14. Juni auch Stimmen für ein Ja geben, aus der Überlegung heraus, die Schweiz vor zu viel Einwanderung zu schützen, damit sie ja nicht werde wie Deutschland.Denn die Lebensqualität, das finden auch die beiden Frauen, sei in der Schweiz deutlich besser – die Arbeitsbedingungen, der See, die Berge, «und auf dem Amt wird man mit Namen begrüsst und ist nach fünf Minuten wieder draussen», sagt Ohle. «In Deutschland wäre das unmöglich.» Wegen der derzeit so schlechten Stimmung würden sie dort nicht mehr leben wollen. Nur ab und zu eine Auszeit in Köln oder Berlin, um alte Freunde zu treffen und Erinnerungen aufzufrischen, die brauchen sie schon.Pol Rodriguez, aus Spanien: «Ich bin im Grunde auch einer, ein Immigrant»Besucht sogar einen Schweizerdeutsch-Kurs: Pol Rodriguez lebt seit drei Jahren in Zürich.«Ich mag das Wort Expat nicht», sagt Pol Rodriguez. «Denn im Grunde ist es einfach nur ein netterer Ausdruck für Immigrant. Aber ich bin auch einer, ein Immigrant. Wir alle sind hierhergekommen auf der Suche nach besseren Möglichkeiten.» Doch Pol Rodriguez ist ziemlich genau das, was die Schweizer landläufig unter Expats verstehen: jung, bestens ausgebildet mit Masterabschluss als Maschineningenieur, ein gut bezahlter Job bei einem US-Tech-Konzern.Vor drei Jahren kam er in die Schweiz. Von Zürich hatte er schon immer geträumt, vor allem wegen der ETH. Aber als er als knapp 20-jähriger Student einmal die Lebenskosten in Zürich googelte, war schnell klar, dass ein Studium hier weit ausserhalb seiner Möglichkeiten lag. «Vier Franken für ein Baguette?! Wer kann sich das leisten?» Die Mietpreise traute er sich gar nicht erst anzuschauen.Rodriguez ist in einer kleinen Stadt in den Pyrenäen aufgewachsen, wo man im Durchschnitt monatlich so viel verdient, wie man in Zürich für eine unrenovierte Zwei-Zimmer-Wohnung zahlt. Mit 18 zog er nach Barcelona, um Maschinenbau zu studieren. Aber schon da war klar, dass es ihn noch weiter weg treiben würde; zu gering die Jobaussichten in Spanien. Er bewarb sich für einen Master in München, fand später einen guten Job. Und lernte dort seine Freundin, eine Schweizerin, kennen.Gestatten, die ExpatsDie Gastarbeiter heissen heute Fachkräfte. Sie kommen aus Deutschland, Italien, Portugal oder Spanien und neuerdings auch aus Indien oder China. Diese sogenannten Expats haben die Einheimischen sowohl bei den Hochschulabschlüssen wie auch in der Kategorie der Topverdiener überholt.Doch in Deutschland anzukommen, fiel ihm schwer. Er musste lernen, mit einem neuen Gefühl umzugehen: Ablehnung. «In Spanien war ich immer einer von vielen, hier war ich plötzlich der andere.» Als sein Arbeitgeber überraschend in Konkurs ging, war klar: Seine nächste Station sollte Zürich sein.Für die Schweiz hat der 31-Jährige nur Lob übrig, sie mache ihm als Ausländer das Leben sehr viel einfacher als seine letzte Heimat: Die Formulare in allen möglichen Sprachen, die Menschen wechselten freundlich zu Englisch, wenn er sie nicht verstand. «Und natürlich auch die Berge, überhaupt die Lebensqualität hier.»Im Gegenzug versucht er sich so gut wie möglich zu integrieren: gibt sich nicht mit Hochdeutsch zufrieden, sondern besucht nun einen Schweizerdeutsch-Kurs; achtet genau darauf, wann er Querflöte oder Gitarre spielt, um die Nachbarn nicht zu stören. «Ich weiss, dass den Schweizern die Ruhezeiten sehr wichtig sind.» Er mag die Schweizer Höflichkeit, die andere als Reserviertheit deuten. «Auch wenn das Sozialleben hier anders funktioniert als in Spanien, finde ich es nicht so schwierig, wie alle sagen, Freunde zu finden.» Im Fussballklub fand er schnell Anschluss.Pol Rodriguez ist mittlerweile so sehr eingeschweizert, dass er sogar versteht, dass das Land die Zukunft von Menschen wie ihm neu verhandeln will. «In Spanien fragen mich viele meiner Freunde nach dieser Migrationsabstimmung», sagt Rodriguez. Nicht nur die rechten Parteien schielten interessiert auf die Schweiz, denn auch in Spanien macht sich das Gefühl breit, dass da zu viele kommen; nicht nur Touristen, sondern auch Einwanderer. «Es ist ja eine Frage, die viele Länder beschäftigt. Ich bin gespannt, wie die Schweizer antworten», sagt er, sich schweizerisch diplomatisch ausdrückend. Er selber würde sich gerne eine Zukunft in der Schweiz aufbauen.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Gastarbeiter, Flüchtlinge, Expats – Die Schweiz und ihre Zuwanderer
Unser Land ist seit je auf dem Beitrag von Zuwanderern gebaut – und diskutiert doch immer von Neuem über ihre Migrationspolitik. Ein Blick in die Geschichte von sechs Zuzügern, welche die Debatten der letzten 70 Jahre am eigenen Beispiel erlebt haben.









