KommentarDie Amerikaner wollen zum Mars, die Schweizer eine VollkaskoversicherungExplodierende Raketen, billionenschwere KI-Wetten oder «Doping-Spiele»: Der Risikoappetit in den USA ist so gross wie noch nie. Der Wagemut der Schweizer wird immer kleiner.31.05.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenElon Musk erklärt Donald Trump die Raumfahrt.Brandon Bell / ReutersDie Explosion war spektakulär. Manche Anwohner, die den bedrohlichen Feuerball sahen, in den sich die Rakete von Jeff Bezos’ Firma Blue Origin verwandelte, sprachen von einem «Mini-Nuke-Gefühl». Es kam ihnen vor, als sei eine kleine Atombombe gezündet worden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Bezos erlitt am Donnerstag einen grossen Rückschlag. Dieser wird den Amazon-Gründer aber nicht von seinem Kurs abbringen. In den USA gilt: Wer nie eine Rakete in die Luft jagt, kann auch die Grenze des Machbaren nicht austesten.Es gibt kaum ein besseres Sinnbild für die unbändige Risikobereitschaft der Amerikaner als New Space, also die Wiedergeburt der Raumfahrt. Der Bezos-Konkurrent Elon Musk plant, den Mars zu besiedeln oder Datencenter im Orbit zu bauen.Vor allem will er mit seiner Firma SpaceX bald an die Börse, so wie das auch die KI-Firmen Anthropic und Open AI vorhaben. Die Börsenkapitalisierung, welche diese – Verlust schreibenden – Unternehmen anstreben, beträgt kumuliert fast 4 Billionen Dollar. Angesichts solcher Preisvorstellungen gehen Neuinvestoren hohe Risiken ein. Und trotzdem werden sie sich wohl um die Aktien von Anthropic, Open AI und SpaceX reissen.Auch amerikanische Kinder sind bald Teil dieser Anlegerschaft. Am 4. Juli werden die sogenannten «Trump Accounts» lanciert, ein steuerbegünstigtes Aktiensparprogramm, für das alle Neugeborenen vom Staat ein Startkapital erhalten. Mit der Idee, dass ihre Eltern oder deren Arbeitgeber das Konto dann weiter aufstocken.So soll eine neue Generation von Investoren heranwachsen, die von Kindesbeinen an mit Kursschwankungen umzugehen lernt: Das Geld auf «Trump Accounts» muss zwingend am Aktienmarkt angelegt werden.Eine weitere Manifestation des grossen Risikoappetits der Amerikaner sind die sogenannten Enhanced Games, die vor einer Woche in Las Vegas stattfanden. An diesem Wettkampf traten Athleten gegeneinander an, die leistungssteigernde Substanzen verwenden durften. Das ist selbstredend mit gesundheitlichen Gefahren verbunden, was in Europa Fassungslosigkeit hervorruft. Von Doping-Spielen, Spritzensport und modernen Menschenversuchen war die Rede.Es fällt uns sehr leicht, die Schattenseiten des amerikanischen Wagemuts zu benennen. All die Exzesse beispielsweise, die sich unter der Regierung Trump häufen. Und bereichert sich der US-Präsident nicht sogar selbst, wo er nur kann?Die USA sind bestimmt etwas abenteuerlich unterwegs. Aber wir in Europa haben auch eine verzerrte Wahrnehmung, die uns die Realität jenseits des Atlantiks krasser erscheinen lässt, als sie effektiv ist – weil wir im anderen Extrem leben.Hier lassen die meisten Leute ihr Geld bar auf dem Konto liegen, was sie garantiert ärmer macht. Sie kaufen lieber eine Vollkaskoversicherung als Aktien, Rohstoffe oder Kryptowährungen.Welche neu gegründeten europäischen Unternehmen machen weltweit von sich reden? Wann haben wir auf dem alten Kontinent zuletzt eine neue Technologie erfunden, diese dann auch erfolgreich vermarktet und skaliert? Eben.Doch es gibt kein Unternehmertum ohne Wagnis, keine Rendite ohne Kursschwankungen. Wissenschafterinnen, die nicht bloss eine Verbesserung von etwas Bestehendem anstreben, sondern etwas komplett Neues entdecken wollen, müssen hohe Risiken eingehen. Das gilt natürlich auch für Architekten oder Künstlerinnen.Gerade wir Schweizer sind Weltmeister, wenn es um Absicherung, Prävention und übertriebene Compliance geht. Dabei gaukeln wir uns vor, wir seien eine Nation von erfolgreichen Unternehmern. Doch verwalten wir nicht eher das Erbe unserer Vorfahren?Immerhin stehen bis anhin unsere Grenzen offen für junge Italiener, Franzosen oder Deutsche, die unternehmerischen Mut beweisen. Drei Viertel der Startups in der Schweiz werden von Ausländern gegründet oder mitgegründet.Selbst das Wagniskapital für diese Jungfirmen kommt oft aus dem Ausland: Unsere Pensionskassen, die Hunderte von Milliarden Franken verwalten, halten es für zu gewagt, auch nur ein paar Prozentpunkte davon in eine neue Generation von Unternehmen zu investieren. Lieber kaufen sie noch mehr renditefreie Anleihen oder überteuerte Immobilien.Uns Schweizern wird schon mulmig, wenn wir eine Hypothek für die Doppeleinfamilienhaus-Hälfte in Ottenbach aufnehmen. Diese extreme Risikoaversion ist der Anfang des wirtschaftlichen Abstiegs.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel