KommentarDie 10-Millionen-Wette: Knappheit als Treibstoff der InnovationDie Befürworter der «Nachhaltigkeitsinitiative» könnten aus der Schweiz ein globales Labor für das Zeitalter der künstlichen Intelligenz machen. Das ist hochriskant und hochinteressant zugleich.30.05.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenEine Besucherin interagiert am 4. August 2025 in der Robot Mall im Pekinger Stadtteil Yizhuang mit einer mechanischen Hand.Zhang Xiangyi / GettyDie politische Auseinandersetzung um die «Nachhaltigkeitsinitiative» verläuft an der Oberfläche in den gewohnten Bahnen: Auf der einen Seite steht die Sorge um Dichtestress und Identitätsverlust, auf der anderen die Warnung vor dem wirtschaftlichen Niedergang.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Alles wie gehabt.Doch jenseits dieser starren Rhetorik verbirgt sich eine faszinierende Hypothese: nämlich die Wette darauf, dass die Schweiz ihre nächste Wohlstandsphase nicht durch Expansion, sondern durch Kompression erreicht – und so zum globalen Labor für das Zeitalter der künstlichen Intelligenz wird.Denn das heutige Schweizer Wirtschaftsmodell beruht massgeblich auf der Verfügbarkeit von Fachkräften durch Zuwanderung. Fehlende Kapazitäten werden durch Import kompensiert. Gibt es nicht genügend Ärzte, findet man sie wegen der hierzulande höheren Löhne problemlos in Deutschland oder Polen.Ökonomisch betrachtet kann ein stetiger Nachschub an Arbeitskräften allerdings auch als Innovationsbremse funktionieren. Wo Arbeit günstig und verfügbar ist, sinkt der Anreiz, massiv in teure Automatisierung zu investieren.Was man von der Pest lernen kannEin Blick in die Technologiegeschichte offenbart hierzu ein prägnantes Muster: Der Schwarze Tod im 14. Jahrhundert dezimierte die europäische Bevölkerung und machte Arbeit über Nacht zum Luxusgut. Dieser Druck zwang die Überlebenden zur Mechanisierung. Ohne den akuten Arbeitskräftemangel des Spätmittelalters wäre der technologische Sprung in die frühe Neuzeit mit dem Buchdruck etwa wohl kaum in dieser Geschwindigkeit erfolgt.Später, im 18. Jahrhundert, trieb die Sorge hinsichtlich einer wachsenden Bevölkerung, die durch die Protoindustrialisierung des Textilgewerbes befeuert wurde, die Landwirtschaft zu radikalen Reformen. Damals war es nicht der Mangel an Arbeitskräften, sondern die Knappheit des Bodens, die den Innovationsdruck erzeugte. Gestern rettete uns die effizientere Bewirtschaftung des Bodens; morgen müsste es jene kognitiver Prozesse durch KI sein.Die Logik der Urheber der «Nachhaltigkeitsinitiative» folgt im Grunde diesem Prinzip: Wird der Deckel bei 10 Millionen fixiert, avanciert der «Faktor Mensch» zum kostbarsten Gut. Die Schweiz müsste technologisch die Weltspitze anführen, um diesen Mangel effizient wettzumachen.Das Prinzip der erzwungenen Knappheit ist kein theoretisches Konstrukt. Als die USA in den 1920er-Jahren durch den Immigration Act den Zustrom billiger Arbeitskräfte kappten, erzwang dies einen beispiellosen Effizienzschub. Da menschliche Arbeit schlagartig rarer wurde, investierte die Industrie massiv in Kapitalgüter. Es war die Geburtsstunde des Fordismus: Wo zuvor Billigarbeiter Handgriffe verrichtet hatten, maximierten nun Fliessbänder die Produktivität pro Kopf. Die Industrie hatte schlicht keine andere Wahl: Sie musste produktiver werden.KI als digitaler ZuwandererAn dieser Stelle trifft die politische Forderung auf die technologische Zäsur der Gegenwart. Während global über den drohenden Jobverlust mit KI debattiert wird, müsste eine begrenzte Schweiz die KI als Notwendigkeit begreifen. Nur mit sinnvoller Automatisierung könnte die Schweizer Wirtschaft weiter wachsen.In einem solchen System mit fixen Kapazitäten würde der Algorithmus zum idealen Migranten: Er beansprucht keinen Wohnraum, verstopft keine Autobahnen und belastet keine Sozialsysteme. Ein künftiges «digitales Reduit» würde bedeuten, dass Dienstleistungen, von der Logistik bis zur medizinischen Diagnose, in einem Masse automatisiert werden, das heute noch als utopisch gilt. Es wäre der Versuch, Wohlstand konsequent von der Bevölkerungsgrösse zu entkoppeln.Die venezianische FalleDoch jedes Experiment birgt das Risiko des Scheiterns. Ein warnendes Beispiel liefert Venedig. Im Jahr 1297 vollzog die Lagunenstadt die Serrata, eine Schliessung der politischen und sozialen Elite, um den bestehenden Reichtum zu konservieren.Das Ergebnis war ein schleichender Abstieg. Ohne risikofreudige Aussenseiter verkrustete das System. Venedig blieb noch eine Weile wohlhabend, verwandelte sich aber von einem dynamischen Innovationszentrum in ein statisches Freilichtmuseum. Innovation ist ein Kontaktsport; sie benötigt die Reibung unterschiedlicher Menschen mit noch unterschiedlicheren Biografien.Die 10-Millionen-Schweiz ist deshalb weit mehr als eine Migrationsfrage; sie ist eine Wette auf die totale technologische Substitution von Arbeit durch Kapital. Damit dieses Experiment nicht im wirtschaftlichen Abseits endet, sofern die Stimmbevölkerung der Wette überhaupt zustimmt, braucht es drei fundamentale Neuausrichtungen für die Schweiz.Eine Bildungsoffensive, die KI-Kompetenz ins Zentrum stellt.Ein Rotationsmodell für Talente, das den globalen Austausch garantiert.Die Positionierung als Regulierungsfreizone für Automatisierungstechnologien.Die entscheidende Frage lautet, ob die Schweiz fähig ist, ein Schicksal als Venedig des 21. Jahrhunderts zu verhindern, indem sie durch künstliche Verknappung KI-Innovation erzwingt. Misslingt die Wette, droht die Erstarrung im goldenen Käfig; gelingt sie, liefert die Schweiz die Vorlage für die moderne Nation im Zeitalter der digitalen Wertschöpfung.Passend zum Artikel
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