GastkommentarJürg StukerKünstliche Intelligenz begleitet uns im Alltag. Fast alle Anbieter kommen aus dem Ausland. Das macht die Schweiz abhängig.27.05.2026, 05.20 Uhr3 LeseminutenDie Skulptur «Der Genesende» beim Hauptgebäude der ETH Zürich.Michael Buholzer / KeystoneDie Schweiz kauft heute die KI-Fähigkeiten ein. Doch wer einkauft, ist Kunde und gestaltet nicht mit. Wer einkauft, kann Risiken nicht bewerten, kann keine Standards setzen und ist auf fremde Lieferketten und Wertesysteme angewiesen. Der letzte Punkt verdient besondere Aufmerksamkeit. Denn kulturelle und sprachliche Besonderheiten, aber auch ethische Werte und Normen sind Teil eines KI-Systems.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Digitale Souveränität eines Staates oder einer Organisation setzt die Fähigkeit voraus, technologische Systeme eigenständig zu entwickeln und zu verändern und durch andere Komponenten zu ergänzen. Um als Staat KI zu beherrschen, gilt es laut Marcel Salathé von der EPFL, fünf Dimensionen zu meistern: Strom/Energie, Rechenkapazität, Daten, Talente und Umsetzungskraft. In vier von fünf dieser Dimensionen ist die Schweiz nach seiner Einschätzung schwach. Bei den Talenten aber ist sie weltweit ganz vorne mit dabei, wie auch der AI Index Report 2026 der Stanford University belegt.Der eigentliche Wert liegt im WissenZudem beweist das vollständig in der Schweiz entwickelte Sprachmodell Apertus, dass wir mit fokussierter Koordination vorhandener Stärken ein KI-Modell auch eigenständig umsetzen können. Genau dort liegt der Hebel. Apertus ist eine Familie von sogenannten Large Language Models, also den Kernkomponenten generativer KI-Systeme. Die Modelle wurden im Rahmen der Swiss AI Initiative in enger Zusammenarbeit zwischen der EPFL, der ETH Zürich und dem Centro svizzero di calcolo scientifico (CSCS) entwickelt.Apertus war nur möglich dank einer technischen Infrastruktur, eines strategisch durchdachten Umsetzungsplans und eines Teams talentierter Forscherinnen und Forscher. Thomas Schulthess, der langjährige Leiter des CSCS in Lugano, bestellte die Erweiterung des Supercomputers Alps auf über 10 000 Nvidia-Grace-Hopper-Chips bereits vor dem Erscheinen von Chat-GPT. Damit verfügte das Projekt über eine Infrastruktur, die Ende 2024 auf Platz 7 der weltweiten Top-500-Rangliste an Rechenleistung rangierte.Zu diesem Zeitpunkt bestand bereits der umfassende Umsetzungsplan zur Herstellung von Apertus, einschliesslich einer über vier Jahre angelegten Anschubfinanzierung: 10 Millionen GPU-Rechenstunden auf Alps, ein Forschungsbeitrag des ETH-Rats von 20 Millionen Franken und eine strategische Partnerschaft mit der Swisscom. Und es gab ein Team von Forscherinnen und Forschern aus zehn Schweizer Organisationen, das die erste Version unter der Leitung der beiden technischen Hochschulen EPFL und ETH Zürich innert Jahresfrist erfolgreich veröffentlichte.Deshalb besteht nun ein leistungsfähiges KI-Modell, bei dem alle Arbeitsschritte zur Herstellung in der Schweiz erfolgt sind: die Aufbereitung der Trainingsdaten, die Entwicklung der Trainingsmethodik, die Durchführung des Trainings, das Feintuning und die Evaluation. Die technischen Merkmale von Apertus wie seine Leistungsfähigkeit und die ausgeprägte Mehrsprachigkeit sind beachtlich. Zudem ist Apertus eines der wenigen Modelle weltweit, das sich in Europa rechtssicher einsetzen lässt. So berücksichtigt das Projekt sowohl urheberrechtliche Aspekte als auch die Anforderungen der EU AI Act. Dies im Gegensatz zu den am häufigsten genutzten Modellen, welche ihre Datenquellen nicht offenlegen.Der wichtigste Punkt, um in einer Schlüsseltechnologie souverän zu sein, ist der Wert des erarbeiteten Wissens. Apertus ist ein technisch glaubwürdiger Beleg dafür, dass die Schweiz sowohl die Methoden wie auch die praktische Umsetzung von KI-Modellen beherrscht. Dabei geht es nicht darum, ein Schweizer Chat-GPT zu bauen. Es geht darum, die Fähigkeit zu entwickeln, die Technologie zu verstehen und sie mitzugestalten. So wird die Schweiz zum Anziehungspunkt für Talente und zu einer attraktiven Verhandlungspartnerin, die ihre eigenen Stärken einbringen kann. Nur so behält das Land die Handlungsfähigkeit in einer Domäne, die unsere Zukunft schon heute prägt.Drei Adressaten, ein AuftragWir stehen erst am Anfang, und KI-Modelle haben kurze Halbwertszeiten. Die Infrastruktur am CSCS veraltet schnell, und auch die gesprochene Finanzierung ist nur ein Bruchteil der Mittel anderer Initiativen. Apertus ist ein erster Schritt. Damit weitere folgen können, sind Wirtschaft, Politik und Wissenschaft gefordert.Die Wirtschaft muss in souveräne Systeme investieren – nicht aus Sympathie, sondern aus strategischen Überlegungen. Die Politik muss die Anschubfinanzierung in eine dauerhafte Infrastrukturzusage überführen. Denn eine Schlüsseltechnologie verträgt keine Vierjahresbudgets. Die Hochschulen müssen das in Apertus erarbeitete Wissen in ein Ökosystem mit internationalen Kooperationen einbringen und dafür die nötigen Ressourcen einsetzen.Die Frage ist nicht, ob die Schweiz ein eigenes Sprachmodell braucht. Die Frage ist, ob sie sich leisten kann, die Methodik hinter der wichtigsten Technologie des 21. Jahrhunderts nicht zu beherrschen. Apertus gibt eine erste Antwort. Wie es damit weitergeht, hat die Schweiz nun in der Hand.Jürg Stuker ist KI-Referent bei der NZZ Academy und Mitinitiator der Swiss {ai} Weeks.1 KommentarDimitrios Gyalistras vor 9 MinutenEidgenossen, wacht auf. Herr Stuker hat Recht.
Apertus: Wie die Schweiz mit eigenem KI-Modell digitale Souveränität bewahrt
Künstliche Intelligenz begleitet uns im Alltag. Fast alle Anbieter kommen aus dem Ausland. Das macht die Schweiz abhängig.






