Giotto.ai setzt auf Schweizer KI – und lehnt sogar ein Angebot aus dem Silicon Valley abDie Lausanner Firma, die mit der Schweizer Armee zusammenarbeitet, lanciert ihr ganz auf Effizienz getrimmtes KI-Modell. Es biete «Fähigkeiten auf Silicon-Valley-Niveau», versprechen seine Macher.19.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZDas Rennen um die grossen Sprachmodelle wird in den USA und China entschieden. Europa hat es gar nicht erst aus den Startblöcken geschafft.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Trotzdem brauchen sich europäische Firmen oder Behörden nicht in eine Abhängigkeit von amerikanischer oder chinesischer Technologie zu begeben. Sie müssen sich auch nicht damit abfinden, dass heikle Daten ins Ausland abfliessen. Dies zumindest behauptet das Lausanner Unternehmen Giotto.ai, dessen KI-Modell vergangenes Jahr weltweit Aufsehen erregt hat.Die Firma, die bereits mit der Schweizer Armee und dem staatlichen Rüstungsbetrieb Ruag zusammenarbeitet, bietet ihr KI-System nun auch anderen Unternehmen und Behörden an. Das Spezielle daran: Es ist derart auf Effizienz getrimmt, dass es mit einem Bruchteil der Rechenleistung anderer Modelle auskommt.Das ermöglicht es Giotto, ihr KI-System als tragbare Version fürs Büro zu lancieren, wie die Firma am Montag angekündet hat. Als eine Art Workstation inklusive zweier Nvidia-Chips (Grafikprozessoren des Typs RTX Pro), mit der 20 bis 30 Mitarbeiter arbeiten können.Der Kostenpunkt: einmalig 60 000 Franken, wenn man einmal vom Stromverbrauch absieht. Das Unternehmen arbeitet mit Nvidia zusammen und verfügt laut dem CEO Aldo Podestà auch über gute Kontakte zum Halbleiteranbieter AMD.Als leistungsstärkere Serverversion für Grossunternehmen kostet Giottos KI-Modell ungefähr das Doppelte. Die Kunden können dieses aber auch ohne Hardware lizenzieren und auf ihren eigenen Servern oder in einem Datencenter in der Schweiz laufen lassen, bei dem sich Giotto eingemietet hat.Pläne für eine «KI-Fabrik»Mittelfristig will das Unternehmen ein eigenes Datencenter mit 5000 bis 10 000 Halbleitern bauen – eine «KI-Fabrik», wie sich Podestà ausdrückt.Aldo Podestà, CEO von Giotto.ai.PDDie NZZ hat die KI von Giotto ausprobiert und überzeugende Antworten auf Prompts erhalten. Auffallend war etwa, dass die Ergebnisse kurz und prägnant ausfielen, ohne die vielen Redundanzen anderer KI-Modelle. Geschwätzigkeit ist eine der grossen Schwächen von Chat-Bots.Podestà verspricht seinen Kunden «Fähigkeiten auf Silicon-Valley-Niveau» für einen Bruchteil der Kosten, die in den gewaltigen Serverfarmen von Big Tech entstehen. Und das, ohne dass Daten abfliessen, da die ganze Rechenleistung vor Ort stattfinden kann.Das tönt fast zu gut, um wahr zu sein. Doch die Firma, die 2017 von einer Gruppe Mathematikern gegründet wurde, die sich von der ETH Lausanne her kennen, hat die Vorzüge ihres KI-Modells letztes Jahr unter Beweis gestellt. Und zwar beim sogenannten ARC Prize, einem Wettbewerb, bei dem die fluide Intelligenz von KI-Systemen miteinander verglichen wird. Mit anderen Worten: Sie müssen neuartige Probleme lösen, bei denen pures Auswendiglernen oder statistische Mustererkennung nicht weiterhilft.Um dieses Rennen zu gewinnen, muss ein KI-System nicht bloss logisch denken, sondern auch ohne Internetzugriff und riesige Rechenkapazität auskommen können. Mit anderen Worten: effizient arbeiten. Giotto erreichte bei diesem ARC Prize, der als einer der härtesten KI-Tests weltweit gilt, den zweiten Rang.Einzigartiger AnsatzGiotto verfolgt dabei einen Ansatz, der sich grundsätzlich von jenem der grossen KI-Anbieter unterscheidet. Diese versuchen alle Informationen der Welt in den Parametern ihrer Modelle zu speichern. Giotto dagegen löst sozusagen das Gedächtnis aus dem Sprachmodell heraus, so dass es mit bloss 50 Gigabyte Daten auskommt – anstatt mehrere Terabyte zu beanspruchen.Das KI-System von Giotto wisse nicht alles, suche sich die notwendigen Informationen aber einfach zusammen. Und es halluziniere weniger als andere KI-Systeme, da es nicht gedankenlos Token an Token reihe, verspricht Podestà. Token bezeichnen im Branchenjargon die Bausteine, in die ein Text zerlegt wird, damit die KI ihn verarbeiten kann.Giotto habe vor kurzem ein lukratives Übernahmeangebot aus dem Silicon Valley ausgeschlagen und sich stattdessen für eine Kommerzialisierung auf eigene Faust entschlossen. Bis Ende Jahr will das Unternehmen die Gewinnschwelle erreichen.Denn die Lausanner Firma hat nach eigenen Angaben bereits mehrere Schweizer Firmen – Spitäler, Versicherungsgesellschaften, Banken und Pharmafirmen – von sich überzeugen können: Partnerschaften, die in den kommenden Wochen teilweise von diesen Unternehmen kommuniziert würden. Im Juni soll zudem die Zusammenarbeit mit einem europäischen Technologiekonzern bekanntwerden.Viele der Unternehmen, die sich für die KI von Giotto entscheiden, machten sich Sorgen darüber, dass ihre Angestellten auf eigene Faust KI-Systeme verwenden könnten, sagt Podestà. Er nennt das Beispiel von Spitalärzten, die Chat-GPT oder Anthropic mutmasslich mit Patientendaten fütterten.Die Firma will dagegen gewährleisten, dass regulierte Unternehmen kritische Prozesse sicher auf ihrer KI laufen lassen können. Das sei nur möglich, wenn IT-Verantwortliche jederzeit überwachen könnten, was die KI tue. Das ist umso wichtiger, als diese unbeschränkten Zugang zu internen Daten und IT-Systemen hat.Auch müssten die Entscheidungen, welche die KI treffe, komplett nachvollziehbar sein, sagt Podestà. Er nennt das Beispiel einer Versicherung, bei der die KI künftig darüber urteile, ob eine Leistung ausbezahlt werde oder nicht.Dieser Entscheid dürfe nicht in einer Blackbox stattfinden. Unternehmen müssten jeden einzelnen Denkschritt überprüfen und dokumentieren. Wenn es heikel werde, sollte jederzeit ein Mensch übernehmen können.Giotto macht es dadurch sicherer, KI-Agenten zu verwenden. Das sind Softwaresysteme, die nicht nur passiv auf Befehle reagieren, sondern autonom Ziele verfolgen, also Entscheidungen treffen und eigenständig Aktionen ausführen.Gefahr für EuropaPodestà kommt im Gespräch oft auf die Souveränität Europas zu sprechen – bei einer Technologie, die aus seiner Sicht bereits wichtiger ist als Internet oder Dampfmaschine.Auf die drohende Abhängigkeit von amerikanischer Technologie verwies der Italiener schon in früheren Gesprächen mit der NZZ. «Ich kann mir nicht vorstellen, wie wir als Europäer unseren wirtschaftlichen Wohlstand und unsere militärische Sicherheit bewahren können, wenn wir KI nicht kontrollieren.»Schon heute zahlten die Europäer Nutzungsgebühren an amerikanische Unternehmen für Cloud und Hardware. Wenn man auch noch für KI-Dienste bezahlen müsse, die dann im Gegenzug Arbeitsstellen ersetzten, «gefährden wir unser gesamtes System».Giotto war in den letzten Jahren in der komfortablen Lage, sich ganz auf die Grundlagenforschung konzentrieren zu können. Dies, weil das Unternehmen 2022 ein in seinen Anfangsjahren entwickeltes KI-Modell für das Auswerten von klinischen Studien im Medizinbereich an das amerikanische Dienstleistungs- und Beratungsunternehmen RQM+ verkauft hatte. Zu dem Zeitpunkt, als Open AI die erste Version von Chat-GPT lancierte, tüftelte auch das Team von Giotto bereits an Transformatoren.Ob Giotto wirklich eine Alternative zu den grossen Sprachmodellen aus dem Silicon Valley sein kann, wird sich weisen müssen. Diesen Anspruch hatten auch schon andere europäische Unternehmen und sind gescheitert.Passend zum Artikel
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