KommentarElon Musk bekommt bald Milliarden aus unseren Vorsorgewerken: Wenn die KI-Blase platzt, kann sich niemand vor den Verlusten schützenDie Übermacht der passiven Indexanlagen droht den nächsten Börsencrash auszulösen. Die gigantischen Börsengänge von SpaceX und Anthropic werden zum Testfall für das Finanzsystem.03.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZElon Musk besitzt nicht nur ein galaktisches Ego. Auch seine unternehmerischen Pläne sprengen das irdische Mass. Mit seiner Raketenfirma SpaceX will er eine Stadt auf dem Planeten Mars aufbauen. Mindestens eine Million Menschen sollen dort leben. Laut Musk könnte eine erste bemannte Expedition zum Mars bereits in drei Jahren starten. Doch dazu benötigt Musk neue Geldgeber.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Aus diesem Grund bringt er seine SpaceX jetzt an die Börse – und verspricht den Investoren astronomische Profite. Entsprechend hat Musk einen weiteren kühnen Plan präsentiert: Er will im Weltraum Rechenzentren für die künstliche Intelligenz (KI) bauen. Sein eigenes KI-Startup mit dem Namen xAI, inklusive des früheren Netzwerks Twitter, hat er flugs in SpaceX integriert.Dieses Firmengebilde schreibt derzeit hohe Verluste. Dennoch hat Musk es geschafft, seine Jüngerschaft zu überzeugen: SpaceX wird der mit Abstand grösste Börsengang der Geschichte, und das Unternehmen soll auf Anhieb unter die zehn wertvollsten Firmen der Welt vorstossen. Dies mit gerade einmal 20 000 Beschäftigten.Elon Musk wagt eine gigantische Wette auf die KI und die Raumfahrt. Wer dafür sein Geld hergibt, kann den Grossteil des Einsatzes verlieren. Trotzdem wird SpaceX mit Milliardenbeträgen überschüttet. Zu den wichtigsten Donatoren gehören namentlich auch Vorsorgewerke wie etwa Schweizer Pensionskassen. Das Brisante daran ist: Diese Investitionen erfolgen ganz automatisch, ohne dass irgendjemand dem Aktienkauf zuzustimmen braucht.Plötzlich hat SpaceX den vierfachen WertDer Grund dafür ist der Mechanismus des passiven Investierens. Immer mehr Gelder sind so angelegt, dass sie einen bestimmten Index wie den Nasdaq 100, den MSCI World oder den Swiss-Market-Index abbilden. In den USA bilden diese passiven Indexanlagen bereits die Mehrheit. Nur eine Minderheit der Fonds betreibt noch eine aktive Aktienauswahl.Fast alle Indizes funktionieren nach dem Prinzip der Grösse: Je grösser der Börsenwert der Firma, desto mehr Kapital fliesst ihr zu. Diesen Effekt macht sich Musk zunutze. Indem er den Wert seiner SpaceX vor dem Börsengang möglichst stark aufbläht, sichert er sich einen umso grösseren Anteil am Kuchen der weltweiten Indexanlagen.Dies ist dem reichsten Mann der Welt gelungen. Noch vor einem Jahr wurde der Wert von SpaceX auf 400 Milliarden Dollar geschätzt. Nach dem Börsengang dürfte die Firma eine Marktkapitalisierung von 1,8 bis 2 Billionen Dollar erreichen. Das ist fast gleich viel wie alle börsenkotierten Unternehmen in der Schweiz oder in Deutschland zusammen.Eigentlich ist das passive Investieren eine geniale Erfindung: Der einzelne Anleger spart Kosten, weil kein Fondsmanagement für die Auswahl von Aktien mehr nötig ist. Gleichzeitig hat der Trend den Aufstieg einer neuen Finanzindustrie ermöglicht: Die weltgrösste Investmentfirma Blackrock verwaltet inzwischen ein Kapital von 14 Billionen Dollar, den Löwenanteil via Indexanlagen.Die Preisbildung versagtDoch irgendwann frisst die Revolution ihre Kinder. Denn logischerweise können nicht 100 Prozent der Anlagen nach passiven Kriterien investiert werden. Sobald niemand mehr da ist, der aktiv die Finanzdaten der einzelnen Aktien bewertet, versagt die Preisbildung am Markt. Es ist ein klassisches Trittbrettfahrerproblem: Für den einzelnen Investor lohnt sich das passive Anlegen nur dann, wenn andere – nämlich die aktiven Investoren – für einen funktionierenden Markt sorgen.Doch wann ist der Kipppunkt erreicht, ab welchem ein Marktversagen einsetzt? John Bogle, der inzwischen verstorbene Pionier der Indexfonds, vermutete einst, ab einem Marktanteil von 50 bis 75 Prozent könnte es kritisch werden. Schon jetzt stellen wissenschaftliche Studien fest, dass das passive Investieren den Aufstieg der Börsengiganten, der sogenannten Mega-Caps, wesentlich begünstigt hat.Das betrifft besonders die Magnificent Seven (Nvidia, Alphabet, Apple, Microsoft, Amazon, Meta und Tesla): Ihr kombinierter Börsenwert erreicht 23 Billionen Dollar – noch Ende 2019 kamen sie auf gerade einmal 5 Billionen. Der Boom hat auch ihre Bewertungen in luftige Höhen gehievt. So kostet die Aktie des Chipentwicklers Nvidia inzwischen das 20-Fache des Jahresumsatzes.Beim Lebensmittelkonzern Nestlé beträgt das Kurs-Umsatz-Verhältnis nur gerade 2. Im Vergleich dazu wirken die Bewertungen der Raumfahrtfirma SpaceX wie von einem anderen Planeten: Laut Schätzungen muss man für die Aktie das 80- bis 100-Fache des gegenwärtigen Umsatzes bezahlen.Testflug der Rakete Starship: Damit will SpaceX dereinst bemannte Flüge zum Mars durchführen.Eric Gay / APAuch die Nationalbank ist exponiertDas unsichere Umfeld verstärkt das Risiko der SpaceX-Aktionäre zusätzlich. Der Iran-Krieg treibt die Inflation und die Zinsen nach oben, was Investitionen bremst. Die rekordhohe Verschuldung der Staaten untergräbt ebenfalls die Stabilität der Finanzmärkte.Die Harvard-Ökonomin Gita Gopinath warnte kürzlich davor, dass ein künftiger Crash im Vergleich zur Internetblase des Jahres 2000 ein Vielfaches an Wert vernichten würde. Sie nannte den Betrag von bis zu 35 Billionen Dollar. Denn die privaten Haushalte seien heute viel stärker an der Börse engagiert. Zudem würden die Indexanlagen nicht nur die Aufwärtsspirale anheizen, sondern umgekehrt genauso den Absturz.Auch für hiesige Investoren stehen riesige Summen auf dem Spiel. Allein die Schweizerische Nationalbank (SNB) hält Aktien der Magnificent Seven im Wert von 70 bis 80 Milliarden Dollar – schon nur bei Nvidia sind es knapp 20 Milliarden. Weil die SNB fast ausschliesslich passiv investiert, dürfte sie nun ebenso SpaceX-Aktien für mehrere Milliarden erwerben.Stark exponiert sind zudem die Altersguthaben in der beruflichen Vorsorge. Die Schweizer Pensionskassen, die zum grossen Teil in Indexprodukte investieren, besitzen amerikanische Tech-Aktien im Umfang von weit über 50 Milliarden Dollar. Die passive Anlagestrategie sorgt also dafür, dass Elon Musk schon bald auf die Vorsorgegelder der Schweizer Erwerbstätigen zählen kann, die ihm seine Raketenträume finanzieren.Das Klumpenrisiko wird zur GefahrFreilich, Musks Geschäftsidee kann aufgehen, und die Rechenzentren im All oder die Besiedlung des Mars entwickeln sich zum Kassenschlager. Das gilt genauso für zwei weitere KI-Firmen, die nun an die Börse drängen: Anthropic und Open AI, die beide je etwa 5000 Beschäftigte zählen. Auch ihre Marktkapitalisierung dürfte an der Billionengrenze kratzen.Diese wachsende Dominanz der Mega-Caps aus dem KI-Sektor verdeutlicht eine grundsätzliche Gefahr: Für die Anleger entsteht ein Klumpenrisiko. Allein die Magnificent Seven machen inzwischen über einen Drittel des Börsenindexes S&P 500 aus. Endet die KI-Euphorie, so reissen ein paar wenige Aktien den gesamten Markt nach unten. Dasselbe geschah während der Finanzkrise 2008: Durch den damaligen Crash schrumpfte das Gewicht des Bankensektors im S&P 500 von einem Viertel auf unter 10 Prozent.Die Japan-Blase hatte ebenfalls zu einem Klumpenrisiko geführt. Auf dem Höhepunkt 1990 erreichte die japanische Börse einen Anteil von 44 Prozent am Weltaktienindex MSCI World. Heute sind es noch magere 6 Prozent. Im Gegenzug hat sich das Gewicht der USA im Index auf heute 70 Prozent verdoppelt.Anleger, die sich strikt an die Marktkapitalisierung halten, machen diese Verwerfungen eins zu eins mit. Trotzdem ist es für die meisten Bankberater und Vermögensverwalter lukrativer, dem Herdentrieb zu folgen, anstatt sich dagegen aufzulehnen.Die Indexanbieter haben die Hürden gesenktDer Grund liegt auch hier in der Indexfixierung der Finanzbranche. Ein Fondsmanager kann einen Verlust an der Börse leichter begründen, solange der Markt ein Minus in gleicher Höhe einfährt. Verfehlt er aber den Index als Benchmark, gerät er in einen Erklärungsnotstand. Diese Erfahrung machte selbst der legendäre Value-Investor Warren Buffett vor dem Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000. Weil er den Boom der Internetaktien verpasste, zogen viele Anleger ihre Gelder ab.Ob die Märkte heute vor einer ähnlichen Zäsur stehen, ist schwer zu prognostizieren. Im Fall von SpaceX allerdings machen zwei Dinge hellhörig: Erstens hat Elon Musk das Prinzip gekippt, wonach alle Aktionäre gleich viel Einfluss haben sollen. Stattdessen erhält er spezielle Aktien mit dem zehnfachen Stimmrecht. Damit behält er auch nach der Publikumsöffnung die uneingeschränkte Macht.Ein zweiter heikler Aspekt betrifft das Verhalten der Indexanbieter, wie Nasdaq oder S&P Global. Ihre Kriterien für die Aufnahme in den Index haben sie eigens für SpaceX gelockert. So haben sie die Wartefrist verkürzt und die Hürden beim Free Float (dem Anteil der frei handelbaren Aktien) gesenkt. Gekippt wurde ebenso die Regel, dass eine Firma Gewinne erzielen muss, um in den S&P 500 zu gelangen.Der Börsengang von SpaceX entwickelt sich somit zum Testfall für das passive Investieren. So einfach und günstig es für den einzelnen Anleger ist, mit den einschlägigen Indizes ganze Märkte abzudecken: Der Aufstieg der Mega-Caps bringt das Finanzsystem nun an eine Grenze. Denn mit dem Boom haben auch die Risiken zugenommen.Noch überwiegt an den Märkten die Euphorie. Davon profitieren visionäre Köpfe wie Elon Musk. Sobald aber der Wind dreht, trifft es die passiven Investoren mit voller Wucht. Anleger sollten sich auf ein solches Szenario vorbereiten. Zu hoch sind inzwischen die eingesetzten Beträge, welche namentlich unsere Altersvorsorge sichern sollten.Passend zum Artikel
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