Im Profil von Attentätern wie N. D. vermischen sich vermehrt psychische Krisen mit extremistischem Gedankengut. Doch gerade jene Risikoabklärungen, die bei Terrorgefahr entscheidend sind, gehören in der Akutpsychiatrie nicht zum Standard.31.05.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenIllustration Juanjo Gasull für NZZaSNach knapp drei Stunden ist die Spurensicherung beendet. Um 11 Uhr 23 reissen Kantonspolizisten die rot-weissen Absperrbänder am Gleis 3 herunter, und der Bahnhof Winterthur sieht aus wie immer. Wäre da nicht ein hartnäckiger dunkler Fleck auf dem Perron. Mitarbeiter des SBB-Facility-Managements schrubben ihn nochmals mit Seifenwasser. «Es ist immer schwierig, wenn das Blut schon eingetrocknet ist», sagt einer von der Reinigungscrew.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das Blut stammt von einem der drei Opfer der Winterthurer Messerattacke. Kurz vor halb neun an diesem Donnerstagmorgen, mitten im Pendlerverkehr, attackierte der 31-jährige türkisch-schweizerische Doppelbürger N. D. offenbar zufällig ausgewählte Passanten mit einem Messer. Das Verhalten des kräftig gebauten Täters sei beängstigend gewesen, berichten Augenzeugen der «NZZ am Sonntag». In einer seltsamen Mischung aus Hüpfen und Rennen hetzte N. D. mit seinem Messer um den Bahnhof, rief mehrfach «Allahu akbar», bis er schliesslich verhaftet werden konnte.Bei den Bewohnern der 122 000-Einwohner-Stadt sass der Schock diese Woche tief. Nicht nur, weil die Tat den von der Lokalpolitik oft bemühten Slogan der «sichersten Grossstadt der Schweiz» ad absurdum führte, sondern auch, weil ein altes Trauma mit voller Wucht aufbrach. Teenager, die zum IS nach Syrien reisen, Terrorpropaganda im Kampfsportkeller und Hetzreden in der Moschee: Eine Islamistengruppe mit Dutzenden Anhängern hielt Winterthur vor rund zehn Jahren in Atem. N. D. entstammt dem Kern dieser Szene. Nun ist es, als wäre all das nie weg gewesen. Als wäre ein Schläfer erwacht. Und das just in der heissen Phase des Abstimmungskampfs um die 10-Millionen-Schweiz-Initiative, die mit Ressentiments gegen Ausländer spielt.Das Foto eines Taxifahrers zeigt, wie der mutmassliche Täter von Winterthur abgeführt wird.PrivatDoch die islamistische Vergangenheit des Mannes ist nur ein Aspekt. Denn während die Bundesanwaltschaft inzwischen ein Verfahren wegen mehrfachen versuchten Mordes führt und von einem jihadistischen Motiv ausgeht, drehte sich die öffentliche Debatte von Beginn weg auch um die psychische Verfassung des Täters. Dieser beging die Tat kurz nach der Entlassung aus der Integrierten Psychiatrie Winterthur (IPW). Der Polizei fiel er zuvor durch wirre Aussagen auf.Aschaffenburg, Hamburg, WinterthurWie die «NZZ am Sonntag» erfahren hat, nahm die IPW den Mann diese Woche zum allerersten Mal als Patienten auf. Die mit Abstand grösste psychiatrische Einrichtung in der Region betreut jedes Jahr mehr als 10 000 Menschen ambulant oder stationär, doch ausgerechnet den einzigen Attentäter in der Stadtgeschichte kannte man lange nicht. Das wirft Fragen auf, denn Auffälligkeiten haben sich bei ihm seit Jahren gezeigt.Sein Vater erzählte diese Woche dem «Blick», sein Sohn sei psychisch krank. N. D. soll über sich selber gesagt haben, er sei schizophren. Bereits vor elf Jahren schilderte er dem «Tages-Anzeiger» wirre religiöse Erweckungsgeschichten: wie er mitten im Wald einen Turm bestiegen und drei Stunden im Koran gelesen habe, trotz Regen, Blitz und Donner.Ultrareligiös? Psychisch krank? Oder beides? Winterthur steht plötzlich im Zentrum einer Diskussion, die Deutschland seit Jahren beschäftigt. Dort reagieren die Sicherheitsbehörden auf Täter, bei denen sich ideologische Radikalisierung, persönliche Krisen und psychische Erkrankungen kaum mehr voneinander trennen lassen. Die zur Tat schreiten, wenn ein persönlicher Kipppunkt erreicht ist.Besonders prägend war der Fall Aschaffenburg: Ein Asylbewerber griff 2025 in einem Zustand akuter Psychose eine Gruppe Kita-Kinder an. Mit einem Messer tötete er ein Kleinkind und einen Mann. Er war mehrfach in psychiatrischer Behandlung gewesen. Oder der Messerangriff am Hamburger Hauptbahnhof im selben Jahr, bei dem eine 39-jährige Deutsche, die gerade erst aus der Psychiatrie entlassen worden war, fünfzehn Menschen teilweise schwer verletzte. Oder die Amokfahrt 2025 in der Mannheimer Innenstadt: Der Täter handelte gemäss Behörden in einem «psychischen Ausnahmezustand».Zum Beispiel Aschaffenburg: Passanten gedenken der Opfer der Messerattacke im Januar 2025.Michael Bihlmayer / ImagoAngesichts des Winterthurer Falls heisst es beim deutschen Bundeskriminalamt (BKA), solche Attentäter «stellen die Sicherheitsbehörden vor besondere Herausforderungen». Die BKA-Sprecherin Sarah Steilen sagt dazu: «Bei ihnen ist entweder im Vorfeld einer Tat kaum zu prognostizieren oder im Nachhinein auch nicht immer nachzuvollziehen, ob die Ideologie oder die psychische Erkrankung tatauslösend wirken.» Dabei könnten sich auch beide Faktoren gegenseitig beeinflussen, gibt Steilen zu bedenken. «Im jeweiligen Einzelfall gilt es, die Schwere der psychischen Erkrankung und die Stärke der Radikalisierung festzustellen.»Der Terrorismusforscher Peter Neumann hält den Winterthurer Fall für typisch und spricht von einem «Grauzonen»-Phänomen: «Immer mehr Attentate lassen sich nicht mehr klassisch als Terrorismus definieren, weil sich in ihnen politische Ideen mit persönlichen Frustrationen und psychischen Vulnerabilitäten vermischen.» Das erfordere «grundsätzlich neue Antworten bei Strafverfolgung und Prävention», so Neumann in den sozialen Netzwerken.Risikoeinschätzung? FehlanzeigeIm konkreten Fall stellen sich zahlreiche Fragen, welche die Schnittstellen zwischen den Behörden betreffen. Psychiatrische Kliniken haben nicht automatisch Zugriff auf Informationen der Polizei oder der Justiz. Und umgekehrt erhalten die Strafbehörden medizinische Berichte erst, wenn ein Verfahren eröffnet wurde. Es ist also möglich, dass die IPW rein gar nichts von der fanatischen Vergangenheit von N. D. wusste.N. D. war kurz vor dem Anschlag gleich zweimal von der Polizei in die Psychiatrie gebracht worden. Zeitweilig wurde eine fürsorgerische Unterbringung ausgesprochen. Schliesslich kam ein IPW-Arzt aber zu dem Schluss, dass weder Selbst- noch Fremdgefährdung bestehe. Zurück in Freiheit, schritt er schon bald zur Tat. Die IPW hat zu dem Ablauf eine Administrativuntersuchung gestartet.Besonders brisant: Gerade jene Risikoabklärungen, die bei Terrorgefahr entscheidend sind, gehören in der Akutpsychiatrie nicht zum Standard. So ist in einem wissenschaftlichen Beitrag einer leitenden Ärztin der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (PUK) zu lesen: «Allerdings werden Risikoeinschätzungen, so wie sie im forensischen Kontext für eine mittel- bis längerfristige Risikoeinschätzung angewendet werden, in einem allgemeinpsychiatrischen Setting zumeist nicht durchgeführt.»Das bedeutet: Eine gründliche Risikoanalyse, gerade auch im Hinblick auf eine Mischung von psychischer Erkrankung und religiösem Extremismus, findet in der Regel nicht statt. Im Zentrum von Fallbeurteilungen stehe «zunächst die Einschätzung des kurzfristigen Gewaltrisikos während des stationären Aufenthaltes mit entsprechenden Skalen».Ruhe nach dem Schock: Am Hauptbahnhof von Winterthur, der «sichersten Grossstadt der Schweiz», wurde eine solche Tat schon lange befürchtet.Andreas Haas / ImagoDieses Bild wird durch Aussagen des Forensikers Jérôme Endrass in der NZZ vom Samstag bestätigt. Er sagt im Interview: «Man muss auch wissen, dass mit einer Einweisung per fürsorgerische Unterbringung in erster Linie überprüft wird, ob bei einer Person eine Selbstgefährdung vorliegt. Natürlich denken die behandelnden Ärzte eine Fremdgefährdung mit, aber sie machen keine Risikoeinschätzung.»Falls es Hinweise auf ein «Fremdschädigungsrisiko» gibt, können Kliniken wie die IPW Unterstützung beim forensischen Konsiliardienst der PUK beantragen. Dieser hilft bei Risikoeinschätzungen und Abklärungen. Ob im Fall von N. D. dieser Konsiliardienst angefragt wurde, wird derzeit nirgends beantwortet.Gefährder werden zur «Dauergefahr»Unklar ist nicht nur, ob die Abklärung genügte, sondern auch, ob ein Wissensaustausch zwischen Psychiatrie und Polizei erfolgte. Denn möglich ist auch, dass der IPW-Arzt Vorbehalte hatte, aber N. D. trotz diesen Vorbehalten entliess. Hätte eine Notiz an die Polizei geholfen? In Deutschland werden derzeit genau in diesem Bereich Gesetze verschärft. Die Bundesländer Hessen und Niedersachsen wollen den Informationsfluss zwischen Psychiatrien und Polizei ausbauen. Kliniken sollen Polizeien künftig informieren müssen, wenn Personen mit einem gewissen Gefährdungspotenzial entlassen werden. Juristen sprechen von einer möglichen «Dauergefahr».Ob das im Fall von N. D. geholfen hätte, werden die Untersuchungen zeigen. Für jemanden war schon von Anfang an vieles klar: Der Sicherheitsdirektor Mario Fehr nannte den Entscheid des IPW-Arztes eine «offensichtliche Fehleinschätzung». Die Verantwortlichen der Klinik waren, wie man in Winterthur hören konnte, höchst irritiert über diese öffentliche Schuldzuweisung.Die Strafrechtsprofessorin und Bedrohungsmanagement-Expertin Monika Simmler kritisiert Fehr: «Aus Fachkreisen würde niemand so kurz nach einer Tat einen solchen Anspruch auf die Wahrheit erheben.» Simmler warnt gleichzeitig davor, nun das Bedrohungsmanagement in solchen Fällen pauschal infrage zu stellen. Gerade der Kanton Zürich sei beim Zusammenspiel von Behörden und Institutionen wie Polizeikorps und Kliniken «eigentlich vorbildlich unterwegs».Es gebe kein Prognoseinstrument mit hundertprozentiger Treffsicherheit, sagt Simmler. «Die Vorhersage menschlichen Verhaltens gehört zu den schwierigsten Aufgaben überhaupt.» Terroristische Gefährder machten zudem nur einen Bruchteil der Fälle im Bedrohungsmanagement aus. «Deutlich häufiger sind Fälle häuslicher Gewalt.»Ein System, das angeblich funktioniert. Und trotzdem schlüpft ein psychisch kranker und seit Jahren einschlägig bekannter Islamist durch die Maschen. Nun liegt es an den Behörden, darzulegen, was bei N. D. richtig gemacht wurde. Und was versäumt wurde.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Anschlag von Winterthur: Zwischen Jihad und Wahn
Im Profil von Attentätern wie N. D. vermischen sich vermehrt psychische Krisen mit extremistischem Gedankengut. Doch gerade jene Risikoabklärungen, die bei Terrorgefahr entscheidend sind, gehören in der Akutpsychiatrie nicht zum Standard.
















