GastkommentarRuedi Aebersold und Bernd WollscheidOhne Mut verliert die Schweiz den Anschluss an die Medizin des 21. JahrhundertsMit zwei grossen, öffentlich finanzierten Forschungsprogrammen an der Schnittstelle von Gesundheit und Technologie haben ETH-Institutionen, Universitäten und Spitäler im Bereich Life-Sciences Visionäres erreicht. Nun gilt es, die Früchte zu ernten, doch der Schweiz fehlt dafür heute die Weitsicht.30.05.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenEnde 2025 lief der strategische ETH-Fokusbereich «Personalized Health and Related Technologies» (PHRT) aus. Acht Jahre lang förderte dieses mit 100 Millionen Franken unterstützte Programm Forschende an der Schnittstelle zwischen Technologie und Medizin. Die Zielsetzung lag wie schon beim Vorgängerprogramm SystemsX.ch, das vom Bund durch den ETH-Bereich und die Universitäten direkt unterstützt wurde, in der Förderung einer neuen Forschungskultur. Diese bringt Forschende aus verschiedenen Disziplinen und Instituten schweizweit mit klinischen Partnern zusammen, um die Life-Sciences bis hin zur Medizin und zur Klinik neu zu denken.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Verknüpfung mit KISystemsX.ch fokussierte sich auf die Systembiologie: Zellen wurden nicht mehr als Ansammlungen einzelner Moleküle betrachtet, sondern als Systeme verstanden – eine Vision, die durch die enge Zusammenarbeit von Biologen, Physikern, Informatikern und Ingenieurwissenschaftern verwirklicht werden konnte. PHRT führte diesen Ansatz weiter und machte zelluläre Abläufe erstmals in ihrer Gesamtheit erfassbar. Gene, Eiweisse und Stoffwechselprodukte wurden nicht mehr isoliert, sondern als Teil eines vernetzten Organismus verstanden. Heute wissen wir: Krankheiten bilden bei jedem Individuum ein einzigartiges, komplexes System.Mit dem Abschluss von PHRT beginnt die eigentliche Bewährungsprobe: Die in jahrelanger Zusammenarbeit mit dem Swiss Personalized Health Network (SPHN) gewonnenen klinischen Daten müssen jetzt mit dem klinischen Netzwerk und der Schweizer Pharmaindustrie in präzisere Diagnosen und wirksamere Therapien überführt werden. Dies erfordert eine Konvergenz von Medizin und KI. Das PHRT-Programm hat dafür nicht nur wichtige Grundlagen und Kooperationsnetzwerke geschaffen, sondern auch gezeigt, wie Medizin im 21. Jahrhundert aussehen kann: interdisziplinär, datengetrieben und eng mit KI verknüpft.Erste Ergebnisse belegen bereits den konkreten Nutzen dieser Strategie. Datengetriebene Forschungsergebnisse wurden in klinische Studien überführt, um den Behandlungsstandard für Patienten zu verbessern. Zugleich sind mehrere Startup-Unternehmen entstanden, die neue Diagnose- und Therapieverfahren basierend auf der Konvergenz von Medizin und KI in die Praxis umsetzen. Damit hat PHRT nicht nur Wissen erzeugt, sondern auch Rahmenbedingungen geschaffen, welche die Schweiz als globalen Vorreiter für personalisierte Gesundheitsinnovationen positionieren.Die Schweiz verfügt über eine hervorragende KI-Community, doch die Verbindungen zu biologischen und medizinischen Fragestellungen haben noch nicht ausreichend Fuss gefasst. Um diese Lücke zu schliessen, braucht es jetzt ein interdisziplinäres und interinstitutionelles Programm im Geiste von SystemsX.ch und PHRT: ein dezentrales Netzwerk, das Forschende mit unterschiedlichem Hintergrund zusammenbringt und wenig hierarchisch funktioniert. Ohne eine solche koordinierte Struktur riskiert die Schweiz, ihre teuer erworbene Spitzenstellung zu verlieren, während insbesondere asiatische Länder mit grosszügigen Investitionen in ähnliche Initiativen vorpreschen.Neue Türen aufstossenManche werden einwenden, dass es in der Schweiz bereits umfangreiche Förderinstrumente gebe – diese funktionieren aber nach einem grundlegend anderen Prinzip. Die National Centres of Competence in Research (NCCR) sind darauf ausgerichtet, bestehende gesellschaftliche Probleme zu vertiefen, etwa Antibiotikaresistenzen, Klimaerwärmung oder Krebs bei Kindern. SystemsX.ch und PHRT dagegen waren keine thematischen, sondern methodische Programme, die mit unkonventionellen Ansätzen die Tür zu neuen Forschungsrichtungen unabhängig von der spezifischen Fragestellung aufstiessen.Die Schweiz versteht sich als Forschungsnation; die Innovationskraft gilt als ihre wichtigste Ressource. SystemsX.ch und PHRT waren visionäre Programme, um die andere Länder die Schweiz beneideten. Im Laufe der vergangenen sechzehn Jahre haben sie jene Infrastruktur und Expertise geschaffen, die der Schweiz heute weltweit einen Spitzenplatz in den Life-Sciences sichern. Nun gilt es, die Früchte dieser Arbeit zu ernten und die Medizin des 21. Jahrhunderts voranzubringen. Will die Schweiz auch künftig an vorderster Front mitwirken, braucht es jetzt den Mut und die Überzeugung, den nächsten Schritt zu gehen.Ruedi Aebersold ist em. Professor für Systembiologie an der ETH Zürich; Bernd Wollscheid ist Professor am Departement Gesundheitswissenschaften und Technologie der ETH Zürich.
Medizin der Zukunft: Die Schweiz zwischen KI und Forschung
Personalized Health: Wie die Schweiz den Anschluss wahren kann










