Für Kommunen sind solche Glücksbringer freilich immer Freud und Last zugleich. Denn einerseits kann man schon davon ausgehen, dass zumindest ein gewisser Prozentsatz des Tourismus tatsächlich auf die allgemeine Lust der Menschen am Reiben und Berühren zurückgeführt werden kann. In München etwa sind es die bronzenen Löwen vor der Residenz, welche man im Vorbeigehen unbedingt antatschen sollte, um mehr Glück zu haben. Auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise lockt das Gemächt des angeblich zu Lebzeiten wunderschönen, viel zu jung verblichenen Journalisten Victor Noir (1848-1870). Der Kontakt mit einem Teil der Statue auf seiner Grabplatte ist, so der Aberglaube, gut für den eigenen Hormonhaushalt. Und in Verona, mittlerweile allerdings nur noch gegen zwölf Euro Eintritt (bis 24 Jahre ermäßigt), verspricht die Brust der Julia ebenfalls deutlich verbesserte Bedingungen für die Fortpflanzung. Doch, das sieht man jetzt in Mailand mal wieder: Die Folgen solcher Annäherungen können für Kunstwerke verheerend und für eine Stadt kostspielig sein.In der Nähe des Mailänder Doms haben sie gerade die Bullenhoden ausgetauscht. Man sah sie zuletzt ja kaum noch, im Bodenmosaik unter der beeindruckenden Kuppel der im Stil der Neorenaissance erbauten „Galerie Vittorio Emanuele II“. Auf dem Gemächt des dort abgebildeten „zügellosen Stiers“, so geht seit gut 150 Jahren zumindest die Sage, müsse man sich nur auf dem Schuhabsatz dreimal gegen den Uhrzeigersinn um die eigene Achse drehen, schon habe man ordentlich „Fortune“ – sowie die Gewissheit, bald wieder in die Hauptstadt der Lombardei zurückzukehren. Drittens, auch das wird gerne gemutmaßt, sorge die beherzte „Giravolta“ (italienisch für Drehung, Purzelbaum oder Kehrtwende) für deutlich mehr Fruchtbarkeit und Manneskraft. Reichtum bleibt, aber das nur am Rande, nur denen vorbehalten, die den Bronze-Bullen an der New Yorker Wall Street berühren. Die Körperstelle ist die gleiche.Bei so viel Versprechungen ist es gerade in Zeiten des Massentourismus kein Wunder, dass zuletzt von den Mailänder Bullenhoden fast gar nichts mehr übrig war. Dort, wo sie sich einst befanden, klaffte ein, vermutlich vor allem durch High Heels und Stilettos verursachter, sehr trauriger Krater, was jetzt die engagierten Stadträte Emmanuel Conte (aus dem Bereich „Staatseigentum“) und Marco Granelli („Öffentliches Arbeiten“) auf den Plan rief. Wie erste Fotos belegen, hatten die beiden, von einer roten Absperrung aus, ein wirklich scharfes Auge auf die Ausbesserungsarbeiten des vor ihnen am Boden knienden Restaurators Gianluca Galli.Restaurator Gianluca Galli arbeitet am Bullenmosaik in der „Galerie Vittorio Emanuele II“. STEFANO RELLANDINI/AFPLaut der Nachrichtenagentur AFP habe Herr Galli erklärt, dass er, um eine erneute Beschädigung der zuletzt vor neun Jahren aufbereiteten Testikel zumindest hinauszuzögern, mit Epoxidharz versiegelte Plättchen verwende, welche, in Steinmörtel versenkt, die anatomisch nicht ganz unkorrekte Tierabbildung viel besser schützten als nur simpler Kalk.Der Mailänder Eiertanz darf also bald wieder beginnen und, zum Beispiel auf Instagram, mit lustigen Filmchen auch touristisch beworben werden. Wobei in der Regel verborgen bleibt, dass der fröhliche Tritt ins Gemächt ursprünglich eine Verhöhnung des Hauses Savoyen darstellte. Auch die der einstigen Hauptstadt des italienischen Königreichs. Denn der im Mailänder Mosaik abgebildete Stier ist Teil des Turiner Stadtwappens – und mit Turin als Hauptstadt waren zwischen 1861 und 1865 eigentlich nur die Turiner einverstanden. Zudem, auch das wird ja oft unterschlagen, stürzte ziemlich genau hier, wo der „toro rampante“ zu sehen ist, einst der Architekt der Galerie, Signore Giuseppe Mengoni, nur Stunden vor der Eröffnung seines großen Bauwerks, einst das größte Einkaufszentrum der Welt, von einem Gerüst aus in den Tod. Ursache unbekannt. Zumindest ihm scheint der Aberglaube mit dem Stier also nicht viel Glück gebracht zu haben.
Mailand: Stiermosaik in der Galerie Vittorio Emanuele II muss restauriert werden
Auf das Gemächt des Tieres treten vor allem Touristen herum und drehen sich auf dem Absatz – aus Aberglaube.










