Aufruhr beim «grössten Politanlass des Jahres»: Fredy Gantner weibelt gegen die EU-Verträge und wird von Aktivisten attackiert1700 Zuschauer kommen an den «Kompass-Kongress» in Dübendorf, um sich auf eine autonome Schweiz einzuschwören.28.05.2026, 17.32 Uhr4 LeseminutenWährend einer Talkrunde, die Fredy Gantner moderierte, stürmten ein paar Aktivisten auf die Bühne.Youtube / @KompassEuropaOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Bewegung Kompass Europa verkauft diesen Abend in der Dübendorfer Eventhalle The Hall als «grössten Schweizer Politanlass im Jahr 2026». Auf dem etwa zehn Parkplätze grossen Screen erfolgt sogleich die Beweisführung: Bilder vergangener Parteitage von SVP, FDP und SP. Dazu die Besucherzahlen: 1200, 1000 und 1000. Aber Kompass Europa: 1700 Leute!Wandelt sich die Bewegung zur politischen Partei?Vorderhand nicht. Sie ist zusammengekommen, um sich beim «Kompass-Kongress» auf den Kampf gegen die neuen EU-Verträge einzuschwören. Zwar dürfte der entsprechende Urnengang erst 2028 anstehen, doch Kompass Europa ist bereits im Abstimmungsmodus. Auch für ihre eigene «Kompass-Initiative», die eine Ausweitung des obligatorischen Referendums bei Staatsverträgen fordert. Auf dem Screen erscheinen nun erste Ideen für Slogans, die für den Abstimmungskampf auf Plakate gedruckt werden könnten. «Langfristig denken! – Nein zur einseitigen EU-Anbindung» steht da etwa. Oder: «Schweizer Recht statt EU-Recht!»Kompass Europa ist 2021 gegründet worden, unter anderem von Fredy Gantner, Marcel Erni und Urs Wietlisbach, die in den neunziger Jahren die Investmentfirma Partners Group ins Leben gerufen haben. Zum Initiativkomitee gehören aber auch bekannte Persönlichkeiten aus Sport und Kultur: die Skilegende Bernhard Russi zum Beispiel oder der Fernsehmoderator Kurt Aeschbacher.SVP-SymbolikDie Bühne ist perfekt ausgeleuchtet, drei Kameraleute sind im Einsatz, um die Referate und Talkrunden auf ein Kästchen auf dem riesigen Screen zu übertragen. High-Quality-Event. Doch das Hintergrundbild wirkt, als habe man KI gebeten, das im Comic-Stil gezeichnete Abstimmungsplakat der SVP zur 10-Millionen-Initiative in eine reale Fotografie umzuwandeln: blauer Himmel, ein blauer See, grüne Wiesen und Berge. SVP-Symbolik?Natürlich finden sich tatsächlich einige SVP-Wählerinnen und -Wähler in der modernen Halle ein. Zumindest sieht man da und dort rote Pins in der Form einer Hellebarde am Revers hängen. Diese Leute müssen kaum mehr überzeugt werden von einem Nein gegen die EU-Verträge, die Gantner einmal fast in Schutz nimmt, als er sagt: «Ich weigere mich, diese Verträge als bilateral zu beschreiben, weil sie einseitig sind. Aber der Begriff ‹Unterwerfungsvertrag› wird dem auch nicht gerecht.»Die überraschende Diplomatie ist seiner Rolle geschuldet: Der Milliardär ist an diesem Abend auch Moderator.Für alle etwas dabeiSonst aber sind auch auf dem Podium die Meinungen gemacht. «Wir haben uns bewusst gegen ein Pro und Kontra entschieden», sagen die Organisatoren eingangs. Die etwas eigenwillige Begründung: «Wir glauben, dass wir euch Argumente liefern müssen.» Gründevielfalt statt Meinungsvielfalt. Dafür hat Kompass Europa ein Potpourri aus Vertragsgegnern zusammengestellt. Und für jeden der 1700 Leute im Saal ist etwas dabei.Paul Richli etwa, emeritierter Professor für öffentliches Recht und ehemaliger Rektor der Universität Luzern, hält eine Tempovorlesung, in der Bestimmungen zitiert («MRA, Art. 4 – LSA, Art. 12») und Wörter reduziert («EuGH») werden, als dränge die Zeit. Für die volksnahe Rhetorik ist Giorgio Behr zuständig, der Unternehmer und langjährige Präsident der Kadetten Schaffhausen. Sein Vorschlag: «Die Verträge nicht unterschreiben und der EU sagen: ‹Für alle drei Monate, die ihr uns in Ruhe lässt, geben wir euch 300 Millionen.›» Der Saal lacht. Unter anderem der freisinnige Schaffhauser Ständerat Severin Brüngger vertritt die Politik – und nicht die Meinung seiner FDP. Er lehnt das Vertragswerk ab.Fredy Gantner hat die Partners Group mitgegründet. Im vergangenen Jahr war er zu Gast im Weissen Haus, was ihn in der ganzen Schweiz bekannt machte.Annick Ramp / NZZEs ist ein grosses Aufgebot: Sara Hürlimann tritt ebenfalls auf, sie hat die Frauenbewegung «Her Voice» gegründet, die sich gegen die Rahmenverträge ausspricht. Auch der Ökonomieprofessor Mark Schelker spricht. Oder der Historiker Oliver Zimmer.Sprache und Lebensbereich mögen bei allen Rednerinnen und Rednern unterschiedlich sein, die Schlussfolgerungen aber sind überall dieselben: Lassen wir es, wie es ist, und unterzeichnen die Verträge nicht. Der Plan B des Partners-Group-Gründers Erni im Falle eines erhofften Neins: «Stolz, selbstbewusst, eigenständig, weltoffen und demokratisch der Schweiz Sorge tragen», so steht es auf einer seiner Folien.Ratschläge aus GrossbritannienStargast des Abends ist sinnigerweise kein Schweizer, sondern ein Brite. Lord David Frost war Chefunterhändler des damaligen britischen Premierministers Boris Johnson, als Grossbritannien mit der EU den Brexit verhandelte. Es ist ein Ereignis, diesem Frost zuzuhören. Nicht nur, weil er die EU bestens kennt. Interessant ist auch, wie er den Begriff «dynamische Rechtsübernahme ohne Mitspracherecht» ausspricht: Er klingt mit britischem Akzent beinahe elegant.Dass Frost in Tat und Wahrheit wenig davon hält, lässt er mehr als einmal durchblicken. «Die Briten haben sich an den Brexit gewöhnt», verspricht er. Und wenn es Grossbritannien gerade nicht gut gehe, sei «nicht der Brexit schuld, sondern die Politik». Der Saal verabschiedet ihn mit stehenden Ovationen.Eine verletzte PersonDie, die Frost wohl widersprochen hätten, sind zu diesem Zeitpunkt schon abgeführt worden.Denn als Gantner gerade eine Gesprächsrunde moderiert, stürmen sechs, sieben Leute auf die Bühne. Die Unruhestifter schreien herum, hissen Fahnen und verteilen Konfetti auf der Bühne. «U-se, u-se!», rufen viele der 1700 Zuschauer in der Eventhalle, die sich in diesen Sekunden anhört wie ein Fussballstadion.Sofort eilen Sicherheitsleute auf die Bühne, die den Aktivisten hinterherjagen, als seien sie Flitzer in einem Fussballspiel. Als dieses absurde Fangis inklusive Handgreiflichkeiten schon mehrere Minuten andauert, schnappt sich Gantner einen der Aktivisten und gewährt diesem, eine Frage zu stellen. Doch der junge Mann findet keine Fragezeichen, nur Ausrufezeichen. Er spricht atemlos über Gantners Vermögen, von dem er doch 99 Prozent abgeben könne, über Bauern, die Suizid begingen. Offensichtlich hat es der Mann auf den Milliardär abgesehen, der spätestens seit seinem Besuch im Weissen Haus im vergangenen Jahr schweizweit ebenso bekannt wie umstritten ist.Irgendwann ruft der Aktivist in akzentfreiem Hochdeutsch Richtung Gantner: «Raus aus unserem Land!» Ein Zuschauer bemerkt fassungslos lachend: «En Schwob!», als erschrecke er, dass ihm Deutschland (beziehungsweise die EU) schon jetzt vorschreibt, was er zu tun habe. Es wäre genau diese Befürchtung, die an diesem Abend verhandelt wird: dass die Schweiz ihre Eigenständigkeit verliert, wenn sie die neuen Verträge annimmt.Wegen der Handgreiflichkeiten indes hat jemand vom Sicherheitspersonal ins Spital gebracht werden müssen. Der Mitarbeiter soll an der Schulter verletzt worden sein.Passend zum Artikel