Widerstand gegen die EU-Verträge: Aufruf zum bürgerlichen OutingEnttäuschte Freisinnige, wertkonservative Parteilose und die Frauen: Sie werden gerade von mehreren europakritischen Gruppen umworben. Bürgerliche Kritik am EU-Vertragspaket soll salonfähig werden, so das Ziel.23.05.2026, 05.31 Uhr4 LeseminutenFrauen und Parteilose werden bei den EU-Verträgen besonders umworben.Annick Ramp / NZZAls die FDP im letzten Herbst Ja sagte zu den EU-Verträgen und Nein zum Ständemehr, war die Euphorie gross – bei den Siegern. Bei den Verlierern herrschte dagegen abgrundtiefe Enttäuschung. Es kam zu Parteiaustritten und düsteren Prophezeiungen, dass die FDP in den kommenden Wahlen ein Debakel erleben werde. Bekannte Mitglieder der Zürcher Freisinnigen verfassten einen offenen Brief an die nationale Parteispitze und kritisierten, dass Teile der FDP nicht mehr für den Schweizer Liberalismus einträten. Die EU sei genau das Gegenteil von dem, was die FDP mit «mehr Freiheit, weniger Staat» lange gefordert habe.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Initiantin der Aktion war Linda Camenisch, Zürcher Kantonsrätin und seit mehr als dreissig Jahren Mitglied der FDP. Der offene Protestbrief war nur der Anfang, jetzt soll aus der Widerstandsgruppe eine Bewegung entstehen. Camenisch hat mit Gleichgesinnten, darunter Lea Amstad, Gemeinderätin aus dem bernischen Wiedlisbach, das «Liberale Netzwerk» gegründet. Ziel ist es, die EU-Verträge zu bekämpfen. Man versteht sich als «liberal, bürgerlich, schweizerisch, demokratisch».Enttäuschte Freisinnige, Parteilose und Frauen als ZielgruppeDie Initiantinnen wollen ein Zeichen senden an frustrierte Freisinnige, dass die FDP mehr ist als eine Partei von EU-Turbos und dass sie mit ihrer Ablehnung der EU-Verträge nicht allein sind. Man versteht sich als eine Art Anlaufstelle für Freisinnige, die nicht zu den Meinungsführern gehören. Ein Blick auf die bisherige Mitgliederliste zeigt, dass das Netzwerk durchaus ein Hafen für europaskeptische FDP-Anhänger werden kann. «Viele bürgerliche Personen trauen sich nicht, sich kritisch zu äussern. Wir wollen die Leute ermutigen, ihre Skepsis gegenüber der institutionellen Anbindung nicht zu verstecken», sagt Amstad. «Du denkst es auch – jetzt ist der Moment, es zu sagen», steht auf der Website der Gruppe – ein Aufruf zum politischen Outing.Darüber hinaus zielt man auf die Parteilosen, die sich rechts der Mitte verorten, die wertkonservativ sind. Hier bestehe ein Vakuum, diese Leute wolle man «abholen». Mit der SVP gibt es zwar eine Partei, die gegen die EU-Verträge kämpft. Doch die Hellebarden-Rhetorik, die Hellebarden-Pins oder die Hellebarden-Hoodies «gegen die EU-Unterwerfung» sind nicht jedermanns Sache. Kommt hinzu, dass der Anti-SVP-Reflex im Freisinn und anverwandten Kreisen auch heute noch tief sitzt. Die Gruppe um Camenisch und Amstad will weniger Holzfäller-Stil à la Volkspartei, sie bevorzugt einen diskreteren, differenzierten Ton, der bei Liberalen besser ankommen soll. Das Ziel bleibt aber dasselbe: die Abkommen bekämpfen.Was stört die Initiantinnen am meisten? Die dynamische Rechtsübernahme gebe der EU einen Freipass, die Regeln in der Schweiz zu bestimmen, das gehe nicht, sagen sie. Strom und Zuwanderung müsse die Schweiz selber regeln können. Dass die EU-Verträge immerhin für formelle Rechtssicherheit sorgen und die Schweiz vor willkürlichen Strafaktionen schützen würden, lassen sie nicht gelten. Die seitens der EU angekündigten Stahlzölle zeigten, dass dem gerade nicht so sei und es keine Sicherheit gebe.Camenisch und Amstad sind überzeugt, dass die Schweiz widerstandsfähig genug ist, um eine allfällige Eiszeit mit der EU durchzustehen. Ja zu sagen, aus Angst, was bei einem Nein passieren könne, sei falsch. Den Ausweg sehen sie unter anderem in weiteren Freihandelsabkommen. Zudem sei das Verhältnis nicht einfach einseitig, auch die EU brauche die Schweiz, «schliesslich sind wir ein sehr guter Kunde der EU, eine zentrale Transitachse und Anbieter von hervorragenden Arbeits- und Ausbildungsplätzen».Das Netzwerk soll eine offene Bewegung sein für alle. Gleichwohl liegt ein spezielles Augenmerk auf den Frauen. Dass der Online-Auftritt im femininen Pink daherkommt, ist wohl kein Zufall. Frauen gelten als die entscheidende Gruppe bei der Abstimmung über die EU-Verträge und werden von beiden Seiten umworben.So sammeln die Befürworter der EU-Verträge – allen voran Economiesuisse – mit ihrer Organisation «stark + vernetzt» weibliche Stimmen. «Frauen für die Bilateralen» heisst ihre Kampagne, die schon seit geraumer Zeit läuft. «Es ist wichtig, dass Frauen aus Wirtschaft und Gesellschaft ihre Stimme erheben und sich für eine offene und vernetzte Schweiz einsetzen», so der Appell. Die Verträge werden als positiv für die berufliche und persönliche Entfaltung der Frauen dargestellt. 1008 Frauen sollen ihre Stimme schon abgegeben haben.Umworbene FrauenEine Art Gegenprojekt zu den «Frauen für die Bilateralen» ist «Her Voice», eine «Bewegung von Frauen, die sich für eine selbstbestimmte Schweiz und die Bewahrung ihrer starken demokratischen Grundwerte einsetzen». Lanciert wurde die Aktion von den Unternehmerinnen Sara Hürlimann und Karin Faes sowie der Rechtsanwältin und Kilchberger FDP-Gemeindepräsidentin Phyllis Scholl. Sie warnen vor Zuwanderung in die Sozialwerke, überfüllten Hochschulen, Verdrängung der eigenen Jugend, einem überstrapazierten Gesundheitswesen.«Her Voice», und hier trifft man sich mit dem Liberalen Netzwerk, will bürgerliche Kritik an den EU-Verträgen salonfähig machen, ausserhalb der SVP. Die Botschaft ist: Man darf Nein sagen, unabhängig von der Parteizugehörigkeit.Nächste Woche findet in Dübendorf ein grosses Stelldichein der Vertragsgegner statt. «Kompass Europa» lädt zum Kongress, diskutiert wird über die Frage: «Wer bestimmt unsere Fahrtrichtung – wir oder die EU?». 1700 Personen haben sich laut den Organisatoren angemeldet. Die Rednerliste ist prominent besetzt, neben den Kompass-Aushängeschildern Fredy Gantner und Marcel Erni werden mehrere Professoren von Paul Richli über Mark Schelker bis Oliver Zimmer dabei sein. Und nicht zuletzt ist auch der Freisinn mit den Ständeräten Hans Wicki und Severin Brüngger vertreten. Das Liberale Netzwerk freut’s.Passend zum Artikel