Die Krönung der Diva: Cecilia Bartoli geht in Salzburg auf musikalische LebensreiseSie singt seit mehr als vier Jahrzehnten auf allen wichtigen Bühnen, seit vierzehn Jahren ist sie Prinzipalin der Pfingstfestspiele. Nächste Woche wird Cecilia Bartoli sechzig – und feiert dies mit einem selbstironischen Spektakel.Michael Stallknecht, Salzburg27.05.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenKlamauk im Kollektiv: Szene aus Barrie Koskys Inszenierung von «Il viaggio a Reims» bei den Salzburger Pfingstfestspielen mit Cecilia Bartoli (Mitte).Monika Rittershaus / SFLa Ceci, die Unvergleichliche, gibt eine Gesangsgala in der Kathedrale von Reims. Nur leider sitzt ihr Publikum in einem Hotel fest, weil beim besten Willen keine Kutschpferde mehr aufzutreiben sind – oder weil die französische Bahn wieder einmal streikt. Der Plot, zu erleben bei den Salzburger Pfingstfestspielen, ist eine Aktualisierung, die der Regisseur Barrie Kosky für ein zweihundert Jahre altes Stück von Gioachino Rossini kreiert hat: In «Il viaggio a Reims», einer Festoper für den französischen König Charles X., verpassen Adlige aus mehreren europäischen Ländern die traditionelle Krönung zu Reims und amüsieren sich stattdessen selbst in einem Kurhotel mit einem frühen Stück Meta-Theater.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.La Ceci, die am Schluss aus einer riesigen Torte springen darf, ist natürlich niemand anderes als Cecilia Bartoli, die Sängerin, die seit 2012 die Pfingstfestspiele leitet und hier die Rolle singt, die Rossini 1825 für die legendäre Giuditta Pasta schuf. Sechzig Jahre alt wird La Bartoli in der kommenden Woche – in Salzburg feiert man dies schon vorab. «Bon voyage» hat sie als Motto für die diesjährigen Pfingstfestspiele ausgegeben, mit unterschiedlichsten Aufführungen zum Thema Reisen quer durch die Musikgeschichte. Es ist ein durchaus delikates Thema für Bartoli, die die Fortbewegung im Flugzeug eingestandenermassen fürchtet und deshalb zu Auftritten in den USA gelegentlich per Ozeandampfer anreist.Kreischen und ÄchzenCecilia Bartoli leitet seit 2012 die Salzburger Pfingstfestspiele.Kristian Schuller / DeccaBeim eröffnenden «Viaggio a Reims» im Haus für Mozart stand eigentlich kein Unfall zu erwarten. Schliesslich hatte Bartoli dort 2025 mit Kosky einen ihrer grössten Erfolge als Intendantin gefeiert: in «Hotel Metamorphosis», einer brillanten Stückzusammenstellung aus Opern von Antonio Vivaldi. Hinzu kam ein Cast aus langjährigen Weggefährten – fast so luxuriös wie seinerzeit bei Rossini, der anlässlich der Krönung gleich zehn Gesangsstars seiner Epoche versammelte.Doch gerade die schönsten Reisen bleiben oft unwiederholbar, und manche stranden im Nirgendwo. Diese Reise nach Reims jedenfalls übersteht keine von Rossinis Figuren – und ihre Musik erst recht nicht. Kosky, der bislang keine Oper des italienischen Klassikers inszeniert hat, treibt das Ensemble in Slapsticks und übertouriges Dauergezappel, umwuselt von tanzenden Hotelpagen. Dieser Humor, der mit dem feineren und melancholiedurchsetzten von Rossini kaum Berührung hat, wäre noch Geschmackssache; nicht dagegen die Lautstärke, die er hinterlässt. Kreischen und Ächzen, Juchzen und Brüllen durchbrechen die Melodielinien im Dreissig-Sekunden-Takt, angereichert um knallende Hoteltüren, Pistolenschüsse, metrisches Trampeln und Pausen, die musikalisch wenig Sinn ergeben.Der Dirigent Gianluca Capuano macht erstaunlich häufig mit, noch häufiger die improvisierenden Schlagzeuger von Les Musiciens du Prince – Monaco, dem Hausorchester der Pfingstfestspiele. Das zaubert zwischendrin zwar immer wieder raffiniert zarte Klangmischungen aus historisch geschulter Perspektive und Instrumentarium. Aber sobald es kraftvoller wird, überdreht auch Capuano die Dynamik- wie die Temposchraube.Die Sänger müssen sich bei den Proben in einen Taumel treiben lassen haben oder irgendwann einfach aufgegeben haben, denn singen lässt sich in so einem Rahmen allenfalls mit Überdruck. Weshalb Spitzentöne bei fast allen irgendwann schrill klingen, Tiefen gepresst, Koloraturen ungelenk ruckeln, Ensembles und die von der Opéra de Monte-Carlo gestellten Chöre auseinanderfallen. Mindestens musikalisch wäre hier einiges zu justieren, bevor die Produktion traditionsgemäss an den Sommerfestspielen erneut gezeigt wird.Musikalische LebensreiseDort soll der Aufführung an einem der Abende ein sündteures Galadinner folgen – mit Bartoli in den Prunkräumen der Salzburger Residenz. Dabei hat sich die Prinzipalin an den Pfingstfestspielen bereits selbst eine Gala geschenkt, die in doppeltem Sinne einmalig bleiben wird: ein fiktives Bühneninterview mit dem Schauspieler Sax Nicosia. «Ciao, bella ciao – Voyage de ma vie» heisst das Biopic zu zentralen Lebensstationen, vom kindlichen Debüt als Hirte in «Tosca» in der Heimatstadt Rom über den ersten Fernsehauftritt mit 19 Jahren und die ersten Vorsingen in Salzburg – «Lustig!», fordert Herbert von Karajan mit strenger Dirigentenmiene von ihr – bis zum Fall der Berliner Mauer.Die Lebensreise wird zum Dokutheater, in dem die Bartoli scheinbar Persönliches wie ihre Flugängste ausplaudert und singt, was sie sonst nie öffentlich singen darf: von der italienischen Canzone über den Italoschlager à la «Volare» und die Musicalnummer bis zu Céline Dion. Neben Klassischem natürlich, gipfelnd im «Casta Diva» aus «Norma», der Divenarie schlechthin.Zuvor lernt man ihre Familie kennen, die Grosseltern und Eltern, beide ebenfalls Opernsänger, den früh verstorbenen Bruder, dem Cecilia mit Filmmusik von Ennio Morricone nachruft. Dass schon «la mamma» eine brillante Sängerin war, demonstriert eine Audiozuspielung der 22-Jährigen mit Verdis «La Traviata». Bevor die heute 90-Jährige live im ausverkauften Grossen Festspielhaus aufsteht und von über zweitausend Besuchern mit Ovationen gefeiert wird, für sie selbst wie für die Tochter.Bella ItaliaDas ist eine Form des Personenkults, wie er sonst eher im Pop üblich ist, inklusive Posterboys, die die Bartoli, als Bühnenerscheinung selbst zeitlos, mit nacktem Oberkörper umlagern. Doch Klappern und Eitelkeit gehören auch in der Klassik zum Handwerk, und Bartoli klappert so professionell und innovativ wie bei allem, was sie anpackt. Unterstützung hat sie sich mit dem italienischen Regisseur Davide Livermore organisiert, der die Show locker und gleichzeitig präzis strukturiert. Die ständig wechselnden Kostüme für Bartoli und für das Tanzensemble sind von Gianluca Falaschi chic geschnitten, das Sounddesign von Julien Bourdin ist bestens ausgesteuert, teils real, teils KI-generiert sind die Videozuspielungen von D-Wok.Sie beschwören ein nostalgisches Italien mit atemberaubender Natur und jahrhundertealter Architektur, Zeichentrickwerbung für Tomatensauce und Fernsehshow mit Big Band, deren Rolle live von den Musiciens du Prince hier auch mit E-Bass und Saxofonen gefüllt wird. Dabei wird Cecilia Bartoli im ungewohnten Mikroport-Sound natürlich nicht zur Pop-Röhre. Aber wie sie ihre natürliche Stimme dezent mit Musicalfarben abmischt, sie reibungslos übergehen lässt in Operngesang, wie sie zwei pausenlose Stunden lang sprechend, tanzend und singend die riesige Bühne beherrscht: Das erzählt einiges darüber, warum diese einzigartige Karriere seit mehr als vierzig Jahren Bestand hat.Passend zum Artikel