Viele Jahre wartete Barry Kosky darauf, eine Oper von Gioacchino Rossini inszenieren zu können, bis ihm Cecilia Bartoli als künstlerische Leiterin der Salzburger Pfingstfestspiele jetzt diesen Wunsch erfüllte. Und gleich mit der Farce „Il Viaggio a Reims“, die seit ihrer Wiederentdeckung durch Claudio Abbado Kult geworden ist. Die ist ein absurdes Prachtexemplar mit maximaler Sängerbesetzung und minimaler Handlung: Eine Reisegesellschaft aus acht europäischen Ländern wartet vergeblich auf Pferde, um zur Krönung König Karls X. nach Reims weiterfahren zu können.Leicht ließe sich diese Steilvorlage als Satire auf der Deutschen größtes Verkehrsproblem vorstellen, die Bahn. Aber von derlei naheliegender Aktualisierung sieht Kosky ab und macht aus der Warterei im Hotel „Zur goldenen Lilie“ eine dick aufgetragene Operette, ein „Amalgam aus Vaudeville, Zirkus, Kabarett, Revue und Tingeltangel“, wie er selbst definiert. Einschließlich der üblichen sexuellen Ab- und Seitenwege.Und ewig kreist die DrehtürDer typische Grantler aus Wien fragt sich dabei: „Für was?“ Auf seiner eigenen Regiereise zu Rossini ist Kosky offensichtlich der Drehzahlmesser kaputtgegangen: Runterschalten geht nicht mehr, es bleibt nur noch der Leerlauf. Und der Lärm von zugeschlagenen Türen, permanent quietschender Fröhlichkeitsbekundungen, zugespielter Geräusche, ein schwindlig machendes Gezappel und Gewippe des gesamten Bühnenpersonals aus Protagonisten und Tänzern in den karikierenden Kostümen von Viktoria Behr. Und ewig kreist die Drehtür ins Hotel im Bühnenbild von Rufus Didwiszus.Für die Solisten und Solistinnen, so wird gemunkelt, war die Probenarbeit das reinste Abspeckprogramm. Wie sehr die Musik an dieser Dauerbespaßung leiden kann, zeigte sich etwa in dem grandiosen vokalen Gran pezzo Concertato à vierzehn Stimmen, ein an Geschwindigkeit, Witz und Bravour nicht zu überbietendes Ensemblestück, das dem Publikum von allein rhythmisch in die Füße fährt und keine Tingeltangel-Verstärkung auf der Bühne braucht.Die ironische Stille nach dem Verstummen der BartoliGianluca Capuano am Pult der Musiciens du Prince aus Monaco hielt mit Verve und erhöhter Dynamik Rossinis Position aufrecht. Paolo Spadaro Munitto setzte am Hammerklavier hinreißende improvisatorische Pointen. Der Flötist Pablo Sosa del Rosario glänzte mit einem langen Solo als Einführung in die Liebesarie von Lord Sidney (immer noch sehr sexy: der Bass Ildebrando D’Arcangelo). Der Harfenist schließlich, Markus Thalheimer, hatte die Ehre, Cecilia Bartoli als römische Poetin Corinna traumverloren zu begleiten. Nach ihrer ersten Arie „Arpa gentil, che fia“ herrschte dann auch ein Moment ironischer Stille: „Sie singt nicht mehr“, beklagten ihre Bühnenzuhörer ergriffen.Im zehnköpfigen Solistenensemble führten die vier Soprane vor den beiden Tenören (Edgardo Rocha als französischer Cavalier Belfiore und Dmitry Korchak als russischer Conte di Libenskof) und den vier tiefen Männerstimmen, darunter der Erzkomiker Misha Kiria als parodierter Goethe rezitierender Deutscher. In ihrem komödiantischen Element waren Marina Viotti als verruchte polnische Gräfin Melibea, Tara Erraught als Hotelbesitzerin Madame Cortese und Mélissa Petit als zu Lachtränen bringende Comtesse di Folleville, deren Garderobe unterwegs verloren ging. Wenigstens wurde ihr Hut, ein Dach aus Federn und Schleifen, aufgefunden.„Bon Voyage!“ hatte Cecilia Bartoli in diesem Jahr als Motto ihres Festivals ausgegeben, das sie noch bis 2031 leiten wird. Dazu hatte sie mit der Oper „Il Ritorno D’Ulisse in Patria“ von Claudio Monteverdi ein frühbarockes Kontrastprogramm zu Rossini angeboten. Nicht nur inhaltlich als ernste Auseinandersetzung Monteverdis mit einem antiken Stoff, sondern in der szenischen Umsetzung. Eingeladen war die Compagnia Marionettistica Carlo Colla & Figli aus Mailand, ebenfalls von den Musiciens du Prince und Gianluca Capuano getragen.Wenn Puppen spielen, was die Menschen singenUnd was bei Rossini zu viel war, wirkte hier leicht zu wenig, denn die Marionetten von etwa achtzig Zentimetern wären in einem kleineren Saal besser sichtbar gewesen als auf der Bühne im Haus für Mozart, die von Franco Citterio als Guckkasten im Guckkasten eingerichtet worden war. Barockes Kulissentheater wurde hier nachgestellt, ein Ausblick aufs Meer, eine Hirtenlandschaft, eine Tafel im Palast der Penelope. Auch der Hund, das einzige Lebewesen, das Odysseus nach mehr als zwanzig Jahren Abwesenheit wiedererkennt, spielte eine schwanzwedelnde stumme Rolle. Zu bewundern waren Grazie, Beweglichkeit und prächtigste Kostüme der Holzpuppen, wie sie Arme und Hände erhoben, voreinander knieten, einander umarmten und sogar küssten. Die durchgehend brillanten Sänger und Sängerinnen standen derweil im Orchestergraben; ihre Identität erwies sich erst beim Schlussapplaus, als sie im wechselseitigen Dank mit ihren Puppen und deren Spielern zusammenkamen.Ähnlich wie Rossini sieht auch Monteverdi ein üppig besetztes Ensemble vor: allein vier Tenöre, drei Soprane und eine Altstimme für Penelope. Sara Mingardo hatte sie mit dunkel umflortem Timbre übernommen, eine von Leid geprüfte, sehr skeptisch gewordene Ehefrau, die nicht glauben kann, dass der Fremde tatsächlich Odysseus ist. Der Bariton Vito Priante charakterisierte die Titelrolle kämpferisch, klagte bitter Götter und Phäaken für sein Schicksal an, streckte die Freier im Wettkampf um Penelope kriegerisch mit dem nur von ihm zu spannenden Bogen nieder. Mit dramatischer Expressivität und oft großer Virtuosität sangen die Solisten aus dem Off gegen ihre Unsichtbarkeit an. Und das Orchester aus Streichern, Schlagwerk und Continuo glänzte mit beschwingten Tänzen zwischen den Arien.Kosky hatte Rossinis „Reise nach Reims“ schon in eine Geburtstagsfeier für Cecilia Bartoli umgemünzt, die am 4. Juni sechzig wird. Als vorweggenommene Huldigung an Salzburgs Haus-Primadonna hatte der Regisseur David Livermore, der bei Monteverdi noch klammheimlich als Tenor aufgetreten war, dann auch noch eine gigantische Bühnenschau komponiert, eine „inszenierte Zeitreise durch den musikalischen Kosmos von Cecilia Bartoli“ unter dem doppelsinnigen Titel „Ciao, Bella Ciao“: einerseits Begrüßung, andererseits Refrain eines italienischen Partisanenlieds. Das war denn auch eine von etwa dreißig Gesangsnummern, in der Frau Bartoli in zwei Stunden ohne Pause rockend, tanzend, singend wie ein Döppken (so der Rheinländer) über die Bühne fegte: ein umjubelter Showstar, der moderiert, aus ihrem Leben erzählt und ihre „Mama“ im Publikum aufstehen lässt, nachdem deren Violetta-Arie in einer Aufnahme aus den Fünfzigerjahren eingespielt wurde. Die Bartoli singt Schlager ihrer Jugend (und unserer: Rita Pavone), Songs von Céline Dion und David Bowie, italienische Kanzonen, „The Sound of Music“ aus dem gleichnamigen Salzburg-Musical, Opernarien zwischen Händel und Bellinis „Casta Diva“ e tutti quanti: das Autobio-Pic einer großen Entertainerin. Brava!
Galaauftritte von Cecila Bartoli in Salzburg
Bei den Pfingstfestspielen von Salzburg sorgt die Festivalchefin Cecilia Bartoli auch als Sängerin für den Höhepunkt. Aber weniger als Sopran in Rossinis Oper „Il Viaggio a Reims“ als in ihrer eigenen Geburtstagsgala.











