Heute wird die berühmte Opernsängerin sechzig, doch ans Aufhören denkt die Wahlzürcherin noch lange nicht. Lieber macht sie das Altern selbst zu ihrem künstlerischen Thema.04.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenCecilia Bartoli ist Wahlzürcherin mit Wohnsitz in Zollikon. Am Opernhaus Zürich feierte sie entscheidende Erfolge ihrer Karriere.Dirk Waem / ImagoDarf man die Frage überhaupt stellen? Schliesslich ist die Sache etwas delikat. Früher galt es als unhöflich, einen Menschen gehobenen Alters nach der genauen Zahl seiner Lebensjahre zu fragen. Zumal bei Frauen wirkt das noch heute nicht besonders ritterlich. In diesem Fall kommt aber ein Umstand hinzu: Sängerkarrieren, die meist Anfang zwanzig richtig durchstarten, dauern selten wesentlich länger als vierzig Jahre. Schon aus physiologischen Gründen, wegen der natürlichen Erschlaffung der Muskulatur, auch im Stimmapparat. Wie also wird die Reaktion sein, wenn man eine der berühmtesten Sängerinnen unserer Zeit nach ihrem sechzigsten Geburtstag fragt?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ist ein angemessen divenhafter Zornesausbruch zu erwarten? Wird der Interviewer vielleicht sogar aus der Garderobe geworfen? Nichts dergleichen geschieht. Cecilia Bartoli ist an diesem Vormittag bester Laune, sie hat soeben eine Bühnenprobe zu Georg Friedrich Händels «Giulio Cesare in Egitto» am Opernhaus Zürich absolviert und scheint noch ganz erfüllt von der Musik. Die bekannten Arien ihrer Rolle, der ägyptischen Herrscherin Cleopatra, schwirren offenbar weiter durch ihren Kopf, einmal summt sie während unseres Gesprächs sogar eine Melodie.Es ist nicht das berühmte «Piangerò». Denn auf die Frage, ob ihr am 4. Juni anstehender runder Geburtstag für sie eine Zäsur bedeute, ist ihr weder nach Weinen zumute noch nach Empörung. Stattdessen lacht die Sängerin erst einmal herzhaft. Es ist dieses ewig junge, in keiner Weise aufgesetzte Lachen, mit dem sie Menschen von jeher binnen Sekunden für sich einnimmt. Man könnte auch sagen: um den Finger wickelt.Cecilia Bartoli in der Rolle der Cleopatra in Händels «Giulio Cesare in Egitto» am Opernhaus Zürich, 2026.Eddy Risch / Keystone«Geläufige Gurgel»Dann wird sie ernst und bekennt frei heraus: Natürlich beschäftige sie sich mit ihrem Alter, aber ihr runder Geburtstag belaste sie überhaupt nicht. Sie interessiere ihr biologisches Alter ohnehin viel weniger als die Frage, wie alt sie sich «hier drinnen, im Inneren» fühle. Das könne durchaus variieren. Ausschlaggebend sei für sie nicht zuletzt, wie es ihrem «Instrument» gehe: was sie ihrer Stimme in einem bestimmten Lebensabschnitt abverlangen könne und was nicht.Dem «Instrument» geht es, die jüngsten Auftritte an ihrem Zürcher Stammhaus und an den Salzburger Festspielen zum Massstab genommen, prächtig. Aber selbstredend weiss Bartoli, dass sie heute nicht mehr mit jener vor Farben und Ausdrucksvaleurs strotzenden Stimme singt, die exemplarisch auf ihrem legendären ersten Vivaldi-Album von 1999 bewahrt wurde. Mit dieser immer noch hörenswerten Aufnahme gelang ihr der Einzug in jenen Kreis der (sehr wenigen) Klassik-Superstars, die über die Grenzen ihres Fachs hinaus eine globale Ausstrahlung besitzen.Zu dem Zeitpunkt hatte Bartoli freilich bereits rund fünfzehn Jahre Bühnenerfahrung gesammelt und an vielen bedeutenden Häusern gesungen. Bemerkenswert ist die Sicherheit, mit der sie früh ihre Partien auswählt, schon bei ihrem offiziellen Debüt in Rom 1985. Damals singt die 19-Jährige die Rosina in Rossinis «Barbier von Sevilla»: eine Paraderolle für alle Mezzosoprane wie sie, gesegnet mit einem Stimmumfang von gut zweieinhalb Oktaven und einer «geläufigen Gurgel», wie Mozart das einst so köstlich genannt hat – also mit der nötigen Agilität und Virtuosität für die Koloraturen.Heute zeigt sich Bartoli überzeugt, dass sie der jahrzehntelangen Beschäftigung mit dem italienischen Belcanto (dem sie mehrere Konzeptalben gewidmet hat) die anhaltende Elastizität und Frische ihrer Stimme verdankt. Als würdige Nachfahrin von Maria Callas, Joan Sutherland und Edita Gruberová hat sie ausserdem dafür gesorgt, dass die musikalische Strömung des Belcanto, die lange als zirzensische Verirrung der Operngeschichte galt, heute mehr denn je einen festen Platz auf den Spielplänen hat.Metamorphosen einer KünstlerinSie selbst hat sich inzwischen allerdings stärker dem Barock verschrieben. Hier betätigt sie sich, entscheidend geprägt durch Nikolaus Harnoncourt, seit Jahrzehnten als Schatzgräberin. Nicht nur beim Operngrossmeister Händel, sondern namentlich bei Vivaldi, der ihr so viel Glück gebracht hat. Erst jüngst hat Bartoli der Musikwelt mit dem preisgekrönten Pasticcio «Hotel Metamorphosis» vor Ohren geführt, was es hier alles zu entdecken gäbe, wenn mehr Intendanten den Mut besässen, nur einen Schritt neben die gängigen Repertoirepfade zu treten. Bartoli selbst macht es seit 2012 als Prinzipalin der Salzburger Pfingstfestspiele vor; seit 2023 ist sie ausserdem Intendantin der Opéra de Monte-Carlo.Im Barock sieht sie zugleich ein fast unbegrenztes Betätigungsfeld für sich als Sängerin – je nachdem, wie sich die Sache mit dem gefühlten «inneren» Alter in Zukunft entwickelt. Da sie nicht auf ein hochspezialisiertes Fach im engeren Sinne festgelegt sei – wie etwa die sogenannten hochdramatischen Stimmen für Wagner und Richard Strauss –, könne sie hier wohl immer noch die eine oder andere passende Rolle finden. «Wenn alles andere mitspielt, könnte ich glatt bis siebzig weitersingen», meint sie, und es wirkt nicht unbedingt wie ein Scherz. Mit der hingeworfenen Bemerkung dürfte sie jedenfalls ihre Millionen Fans ziemlich glücklich machen.Trotzdem verschliesst Cecilia Bartoli die Augen vor einem Ende ihrer Sängerkarriere keineswegs. Sie will die Zeit und den Weg dahin jedoch künstlerisch bewusst gestalten; will zeigen, wie Reife und gewachsene Erfahrung den nicht zu vermeidenden Verlust an jugendlicher Unmittelbarkeit aufwiegen können. Das Ganze hat auch einen lustigen praktischen Aspekt: «Wenn dich ein Regisseur in jungen Jahren bittet, eine Arie im Liegen oder auf den Knien zu singen, machst du es einfach. Später beginnst du irgendwann zu schauen, wo ein Stuhl oder Tisch ist, damit du im Zweifel wieder hochkommst.»Schon 2019 hat Bartoli das Altern völlig uneitel zum Thema eines ihrer eindrucksvollsten Rollenporträts gemacht. Sie zeichnete Händels Magierin Alcina als eine Frau, die schmerzhaft erkennen muss, dass ihre Zeit vorüber ist und dass ihre Zaubermacht über die Menschen schwindet. Bei Bartoli selbst ist das in absehbarer Zeit nicht zu befürchten.Cecilia Bartoli in einem Fernsehporträt von 1992.Everett Collection / ImagoPassend zum Artikel
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