GastkommentarPaul MohacsiEin Systemversagen: Falsche Anreize der AkademieDer medial breit diskutierte Skandal an der Klinik für Herz- und Gefässchirurgie des Universitätsspitals Zürich ist Resultat eines Systems mit teilweise falschen Anreizen.27.05.2026, 05.25 Uhr3 LeseminutenDie Herzchirurgie steht immer wieder im Fokus der medialen Öffentlichkeit.KeystoneVor zwei Wochen wurde der Bericht einer Administrativuntersuchung, veranlasst durch das Universitätsspital Zürich, veröffentlicht. Es wurde von einem System- und Führungsversagen berichtet. Die derzeitige Direktorin des Universitätsspitals Zürich, Monika Jänicke, verfolgt indes eine neue Unternehmenskultur mit einem transparenten und partizipativen Ansatz. Die NZZ (13. 5. 26) berichtete über die Hintergründe des Führungsversagens. In diesem Zusammenhang stellen sich ganz grundsätzliche Fragen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Entwicklung der HerzmedizinDie Herzchirurgie entwickelt sich in Richtung minimalinvasiver Verfahren. Der Eingriff wird somit kleiner, und die Patienten können schneller nach Hause. Die Entwicklung in Richtung minimalinvasiver Techniken geht so weit, dass zunehmend herzchirurgische Verfahren vom Operationssaal in das Herzkatheterlabor verlagert werden.Dass dem allein nicht so sein kann, belegen Beispiele – etwa, wenn Herzchirurgen zunehmend komplexere Fälle operieren müssen oder wenn es zu Komplikationen im Herzkatheterlabor kommt und Patienten in den Operationssaal überführt werden müssen.So werden heute kathetertechnisch nicht nur verengte Herzkranzgefässe erweitert beziehungsweise mittels Stents (Gitterchen) offengehalten, sondern es werden auch mittels struktureller interventioneller Kardiologie Klappenprobleme behandelt: Beispiele sind das «Clippen» von undichten Klappen oder der Ersatz derselben (zum Beispiel die Tavi).So wurde auch die Idee entwickelt, anstelle einer chirurgischen Ringimplantation die undichte Klappe mit einem interventionell implantierten Ring anzugehen. Die Indikation für solche strukturellen Eingriffe wird üblicherweise im «Heart-Team» besprochen, was jedoch nicht in jedem Fall geschieht. Mitunter kann es geschehen, dass trotz sorgfältiger Diskussion nicht das geeignetste Verfahren gewählt werden kann.Parallel dazu haben sich die Voraussetzungen für Mediziner mit Ambitionen auf eine akademische Karriere verschoben. «Publish or perish» («Veröffentliche oder gehe unter»), sogenannte «impact factors» oder die Zahl von «citations» in Fachzeitschriften sind entscheidende Faktoren für die Beurteilung des akademischen Niveaus.Besonders im angelsächsischen Sprachgebiet ist zudem die Zahl von Patenten wichtig. In der SRF-Sendung «Puls» wurde vor einigen Jahren von einer neuen, kathetertechnischen Implantation eines Klappenringes berichtet. In der medialen Öffentlichkeit wird die Einführung von solchen medizinischen Innovationen häufig geradezu gefeiert. Dadurch wird gelegentlich ein regelrechter Hype ausgelöst, noch bevor unter Umständen neue Therapiemöglichkeiten überhaupt seriös ausgetestet und eingeführt worden sind.Geltungs- und GewinnstrebenDie involvierte Industrie frohlockt ebenfalls, denn in unserer schnelllebigen Zeit muss ein Return on Investment innert zwei bis drei Jahren in die Gewinnzone führen. Die Interaktion von industrieabhängigen Produkten und klinischer Medizin kann dabei zu Schwierigkeiten führen, obwohl genau diese Zusammenarbeit erst Innovationen ermöglicht.Das System führt dann zu einer vermeintlichen Win-win-win-Situation: Die ambitionierten Kliniker können hochdotiert publizieren, die Industrie geniesst namhafte Aktiengewinne, und die Zeitschriften profitieren von der Verbesserung des eigenen «impact factors». Besonders schwierig kann es werden, wenn Kliniker an der involvierten Industrie direkt beteiligt sind. Dies hat mit seriöser Wissenschaft nicht mehr viel zu tun, sondern vielmehr mit dem Wunsch nach einer erhöhten Wahrnehmung des eigenen Geltungsbereichs und nach finanziellem Gewinn.Der in der eingangs angeführten Administrativuntersuchung erwähnte Systemfehler ist somit das Resultat von falschen Anreizen. Dazu kommt oft die Gefahr von Absprachen und gegenseitiger Deckung. Der Ruf nach neuen Kontrollgremien erschwert den gerechtfertigten und sinnvollen Wunsch nach Innovation.Die weiterhin zunehmende und von der Politik getriebene Überregulierung mit der damit einhergehenden aufgebauschten Administration verbessert die Situation nicht, im Gegenteil: Das Umfeld verschlechtert sich. Es liegt in der Hand von uns Klinikern, diese vielschichtigen Probleme mit mehr Bescheidenheit und mehr Transparenz in den Griff zu bekommen. Geld und Machtstreben zerstören unsere Zukunft, nicht nur in der Medizin, auch in der Wirtschaft und der Politik.Paul Mohacsi ist emeritierter Professor an der Universität Bern, Honorarprofessor in Graz und Facharzt für Kardiologie und Innere Medizin mit EMBA der Universität Zürich.Passend zum Artikel
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Der medial breit diskutierte Skandal an der Klinik für Herz- und Gefässchirurgie des Universitätsspitals Zürich ist Resultat eines Systems mit teilweise falschen Anreizen.







