GastkommentarReinhard K. SprengerDer Herzchirurgie-Skandal und die ewige Debatte um falschen AnreizeEs gibt sie nicht, die «richtigen» Anreize. Denn jeder Anreiz unterläuft letztlich die Rationalität des Handelnden, und jeder Anreiz wird zur Rente.29.05.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDie Rede von «falschen Anreizen» setzt voraus, dass es «richtige Anreize» gibt.Karin Hofer / NZZDer Skandal um die Herzchirurgie am Universitätsspital Zürich ist nur ein weiteres Beispiel: Wann immer etwas schiefläuft, egal, ob im Steuersystem, bei Bankenpleiten, auf dem Arbeitsmarkt oder eben im Gesundheitswesen – immer sollen «falsche Anreize» die Ursache sein.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Verharmlosend spricht man vom «Gestaltungsmissbrauch», dramatisierend von «perversen» Anreizen – wenn etwa Spitäler ihren Chirurgen eine jährliche Zahl bestimmter Operationen (Hüfte, Niere, Galle usw.) vorgeben, für die dann Boni gezahlt werden. Die Anreize hätten Menschen dazu «verleitet», etwas zu tun, was entweder nicht in der Absicht des Anreizenden lag, Kollateralschäden erzeugte oder eben bei Chirurgen dazu führte, sich bei Interessenkonflikten für die eigene Brieftasche zu entscheiden.Die Rede von «falschen» Anreizen setzt voraus, dass es «richtige» Anreize gibt. Man stellt sich offenbar eine überlegene Intelligenz vor, die im Sinne eines allgemein gültigen «guten Zwecks» Strukturen schafft, die das Verhalten der Menschen in die «richtige» Richtung lenken. Aber wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass auch die nächsten Anreize nicht wieder in die «falsche» Richtung laufen?Die Ökonomie spricht vom Prinzipal-Agenten-Problem. Mit Anreizen will der Prinzipal seine Interessen mit den Interessen des Agenten verschränken, mithin in eine bestimmte Richtung lenken. Das Motto dazu: «Tue dies, dann bekommst du das.» Aber der Mensch ist ein Freiheitswesen. Erscheint ihm eine Handlung vernünftig, so wird er sie ausführen; erscheint sie ihm unvernünftig, so unterlässt er sie. Finanzielle Anreize unterlaufen das an der Sache orientierte Nutzenkalkül und ersetzen es durch die Orientierung am Geldvorteil. Sie «verbiegen» also das Handeln. Der Mensch tut dann nicht das, was ihm in einer bestimmten Situation sachlich vernünftig scheint, sondern das, wozu ihn der extrinsische Anreiz drängt. Langfristig konzentriert er sich nicht mehr auf «dies», sondern nur noch auf «das». Das nennt die Wissenschaft «moral hazard».Finanzielle Anreize unterlaufen das an der Sache orientierte Nutzenkalkül und ersetzen es durch die Orientierung am Geldvorteil.Die psychologischen Folgen sind fatal: Belohnungssucht und immer höhere Reizniveaus. Denn jeder Anreiz wird zur Rente. Fällt der Anreiz weg, wird das gewünschte Verhalten nicht mehr gezeigt. Eine staatlich institutionalisierte Sinnzerstörung konnte man jüngst wieder in Deutschland erleben, als die Nachfrage nach E-Autos in dem Moment kollabierte, in dem die Kaufprämie entfiel.Man muss also nicht erst in die Ukraine oder nach Ungarn schauen, um die Korrumpierung der Gesellschaft zu beklagen. Weil eben vieles durch Anreize so kommt, wie manche wollen, kommt es mit ihnen ganz anders.Damit ist klar, dass es keine «richtigen» Anreize gibt. Jeder Anreiz unterläuft die Rationalität des Handelnden. Er provoziert Umgehung aufseiten derjenigen, die sich der Gängelung entziehen wollen. Und er provoziert Ausbeutung aufseiten derjenigen, die sich der Gängelung nicht entziehen, aber für ihre Unterwerfung «auszahlen» lassen. Daher kann man Anreize nicht als «liberale» Lenkung weichspülen – zugespitzt gesagt: Wer belohnt, ist böse.Im Gesundheitswesen kommt etwas Spezifisches hinzu: Der Gesundheit wird in unserer Gesellschaft der Warencharakter abgesprochen. Gesundheit gilt als «absoluter» Wert, der Relativierungen nur an den Befindlichkeitsrändern verträgt. Über diese normative Setzung wölbt sich jedoch ein warenwirtschaftliches System mit Renditeerwartungen seitens der Ärzteschaft, der Medtech-Industrie, der Krankenhäuser und der Versicherungswirtschaft. Aus dieser Spannung speist sich der Grundkonflikt des Gesundheitssystems.Es ist entsprechend unterkomplex, Führungsversagen und Fehlerkultur personenzentrisch zu diskutieren. Auch Transparenzregister stillen allenfalls den Selbstberuhigungsbedarf der Kontrollorgane. Das alles ist daumendrückende Hilflosigkeit. Und auch wenn die Zusammenarbeit von Ärzten und Medtech-Industrie für den medizinischen Fortschritt unbestritten ist – solange wir als Gesellschaft der Gesundheit den Rang eines unverhandelbaren Gutes einräumen, darf es keine finanzielle Verstrickung von Ärzten und Medtech-Firmen geben. Das ist ein Entweder-oder. Wer zu dieser Klarheit nicht bereit ist, hat beim nächsten Skandal sein Empörungsrecht verspielt.Reinhard K. Sprenger ist promovierter Philosoph und arbeitet als Managementberater und Publizist; von ihm erschienen: «Führen: Die Quintessenz».Passend zum Artikel
Herzchirurgie-Skandal und «falsche Anreize»
Es gibt sie nicht, die «richtigen» Anreize. Denn jeder Anreiz unterläuft letztlich die Rationalität des Handelnden, und jeder Anreiz wird zur Rente.







