Meinung
Die vergessenen 60 Mrd. in der Säule 3a Die Schweizer Bevölkerung hält seit zehn Jahren rund 60 Mrd. Fr. auf Säule-3a-Bankkonten, die kaum verzinst werden. In einer diversifizierten Wertschriftenlösung wäre derselbe Bestand heute mehr als doppelt so hoch. Eine Hochrechnung – und was das für die Median-Schweizerin konkret bedeutet. Wie rund 60% der Erwerbstätigen in der Schweiz zahlt auch Selina regelmässig in die Säule 3a ein. Wie die meisten macht sie das mit einer Kontolösung. Auf den einbezahlten Beitrag erhält sie einen Vorzugszins: Gegenwärtig liegt dieser bei rund 0,3% pro Jahr. Insgesamt sparen Schweizerinnen und Schweizer gemäss der Schweizerischen Nationalbank rund 60 Mrd. Fr. – und verpassen so viel Geld mit Auswirkungen auf die eigene Rente.Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen
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Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dass Selina die Kontolösung wählt, ist nicht ihre Schuld, sondern ein grundlegendes Problem. Die Diskussion um die Säule 3a dreht sich in der Schweiz fast ausschliesslich darum, ob man einzahlt – wegen des Steuerabzugs. Eine zweite Frage geht dabei leider unter: Wie das einbezahlte Geld innerhalb der dritten Säule angelegt ist. Genau das hat im vergangenen Jahrzehnt ein entgangenes Vermögen in zweistelliger Milliardenhöhe verursacht.Es lohnt sich, das einmal durchzurechnen.Was mit 60 Mrd. in zehn Jahren möglich gewesen wäreStellen wir uns vor, diese 60 Mrd. hätten in den letzten zehn Jahren nicht auf einem Konto gelegen, sondern wären in eine breit diversifizierte Wertschriftenlösung investiert worden. Grundsätzlich spricht aus wissenschaftlicher Sicht aufgrund des langen Anlagehorizontes vieles für einen Aktienanteil von 90 bis 100%, doch rechnen wir konservativ mit 80%. Dank digitaler Anbieter lässt sich eine solche Anlagestrategie inzwischen günstig zu Kosten von jährlich unter 0,5% des Vermögens umsetzen.Die kumulierte Rendite einer solchen 80%-Aktienstrategie lag über die letzten zehn Jahre nach Kosten bei rund 109% (Durchschnitt aus Renditedaten der 3a-Anbieter Viac & Descartes) – das entspricht gut 7,6% pro Jahr. In dieser Periode lagen mehrere starke Aktienjahre, aber auch zwei deutliche Korrekturen (Corona 2020, Zinsschock 2022). Es waren insgesamt also gute Jahre für Wertschriften, aber nichts Ausserordentliches.Aus 60 Mrd. wären unter diesen Bedingungen heute rund 125 Mrd. Fr. geworden. Demgegenüber steht die Realität: 0,3% Verzinsung pro Jahr, total rund 62 Mrd. Fr.Die Differenz beträgt rund 60 Mrd. Fr. Eine Summe, die ungefähr dem ganzen heute vorhandenen Kontobestand entspricht. Zum Vergleich: Die 13. AHV kostet uns über einen Zehnjahreszeitraum rund 50 Mrd. Fr. Faktisch könnte sich die Schweizer Bevölkerung die 13. AHV-Rente also selber finanzieren, wenn sie investieren würde.Selina und ihr 3a-GuthabenDie Hochrechnung ist vielleicht etwas zu abstrakt. Zurück zu Selina. Nehmen wir an, sie hatte vor zehn Jahren 30’400 Fr. auf ihrem Säule-3a-Konto. Das entspricht laut einer Vorsorgestudie der Basler Kantonalbank dem Median über alle Altersgruppen. Das Konto warf in diesen zehn Jahren 0,3% pro Jahr ab. Das ergibt rund 90 Fr. Zins pro Jahr. Heute, zehn Jahre später, stehen auf Selinas 3a-Konto rund 31’300 Fr. Berücksichtigt man die Inflation, war es ungefähr ein Nullsummenspiel.Stellen wir uns dieselbe Selina mit denselben 30’400 Fr. Startkapital vor – aber dieses Mal in einer 80%-Aktienlösung bei einem digitalen 3a-Anbieter. Sie hat das Geld zehn Jahre liegen gelassen und nicht weiter eingezahlt. Heute stünden auf ihrem 3a-Wertschriftendepot rund 63’500 Fr. Mehr als das Doppelte. Die Differenz zur Kontovariante: rund 32’000 Fr. – in der Grössenordnung ihres ursprünglichen Bestands. Einzig durch den Wechsel des Anlagevehikels in der dritten Säule hätte Selina ihre Ersparnisse verdoppelt.Aber Aktien sind doch riskantDas klassische Gegenargument: Aktienkurse schwanken; im März 2020 lag der Weltaktienindex zeitweise rund ein Drittel unter dem Niveau von vor dem Ausbruch der Covid-Pandemie. Wer just dann auf den Depotauszug schaut, fühlt sich unwohl mit einer hohen Aktienquote. Und die Verhaltensforschung zeigt: Anleger reagieren in solchen Momenten oft emotional – und verkaufen genau dann, wenn sie es nicht sollten.Entscheidend ist aber der Anlagehorizont, der zur Säule 3a passt. Säule-3a-Geld ist per Gesetz gebunden und frühestens fünf Jahre vor der ordentlichen Pensionierung beziehbar. Für die meisten bedeutet das eine Anlagedauer von zehn, zwanzig, dreissig Jahren oder mehr – und in solchen Zeitfenstern ist ein breit gestreutes globales Aktienportfolio historisch praktisch nie unter dem Einzahlungswert geblieben. Wer kurz vor der Pensionierung steht, kann den Aktienanteil schrittweise zurückfahren, um das Verlustrisiko zu minimieren.Patrick Eugster Patrick Eugster hat an der Universität Zürich in Finance bei Prof. Dr. Thorsten Hens promoviert. Beruflich vermittelt er mit Videos, Podcasts und Blogartikeln der Allgemeinheit Finanzwissen. Sein monatlicher Newsletter «Besser Investieren» unterstützt Anleger mit wissenschaftlich abgestützten und direkt anwendbaren Tipps und Tricks zum Investieren. Zudem ist er aktiv auf Youtube als «Patrick investiert». In Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Erwin Heri und Iwan Brot hat er vor kurzem das Buch «Die Schweiz sorgt vor» publiziert. In seiner Freizeit engagiert er sich politisch als Initiant und Präsident der eidgenössischen Volksinitiative «Renteninitiative» und betreibt regelmässig Crossfit.










