KommentarHelmut Schmidt lag falsch – oder wie eine 60 Milliarden schwere Vision die Schweiz retten könnteDie Vorsorgedebatte verläuft seit Jahren nur defensiv. Auch der laufende Streit um die 13. AHV-Rente dreht sich nur um Finanzierungslücken. Dabei steckt in dem Thema Potenzial für nichts Geringeres als die Zukunftssicherung der Eidgenossenschaft.07.06.2026, 05.30 Uhr2 LeseminutenKeiner erdete hochfliegende Pläne brutaler. Niemand pathologisierte Entwürfe für eine bessere Welt schonungsloser. «Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen», antwortete der Kettenraucher und Bundeskanzler Helmut Schmidt einst pampig auf die «dusselige Frage» eines Journalisten – mit einem Zitat, das gar nicht von ihm stammte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Generationen von Schmidt-Jüngern haben seither mit diesem Spruch phantastische Ideen kommentiert und letztlich im Keim erstickt, fanden es auch in der Schweiz irgendwie cool, im Geist einer mentholsüchtigen Ikone zu handeln. Aber vielleicht bewirkte nie zuvor die Aussage eines Politikers einen solch nachhaltig negativen Effekt. Denn das Schmidtsche Gesetz ist heute mehr denn je falsch. Visionen gehören zum Ideenwettbewerb, der eine Zivilisation weiterbringt – solange sie nicht grössenwahnsinnige Autokraten ersinnen und umsetzen.Diese Gefahr besteht in der Schweiz zum Glück nicht. Im Gegenteil, hierzulande gibt es weder Autokraten noch Visionen – mit einer Ausnahme: die Deckelung der Zukunft. Selten verlief eine gesellschaftliche Diskussion über das Morgen uninspirierter als heute. Wer der Idee anhängt, die Entfaltung einer Nation mit einer Bevölkerungsbegrenzung von 10 Millionen zu fördern, braucht tatsächlich einen Arzt.Doch die Schweiz verdient mehr Ambition. Statt eine statische Planwirtschaft als Heimatschutz zu kultivieren, braucht es eine neue Dynamik, ein neues Mindset. Wenn sich jetzt fünfzig CEO zur «Vision 2035» bekennen, ist das immerhin ein Anfang. Am Ende erleben aber nur Länder eine rosige Zukunft, in denen heute der Grundstein für die Wertschöpfung von morgen gelegt wird, in denen genügend neue Unicorns entstehen. Dank sehr viel Geld und noch mehr Know-how.Was die Welt fast nur den USA zutraut, steckt auch in der Schweiz. Nur bemerkt hat das bislang kaum jemand. Dabei arbeiten relativ zur Bevölkerung nirgendwo so viele KI-Forscher wie hierzulande, was diese Woche auch in Interlaken an einem Panel des Swiss Economic Forum der NZZ-Gruppe Thema war. Und allein die ETH produziert jährlich rund sechzig Startups, wovon sich die Hälfte mit KI beschäftigt. Gleichzeitig sitzt das Land auf einer riesigen Geldquelle für junge Unternehmen. Rund 1300 Pensionskassen verwalten ein Vermögen von über 1,2 Billionen Franken. 5 Prozent oder 60 Milliarden Franken dürfen sie seit 2022 in Wagniskapital investieren – tun es aber nicht wegen einer Gemengelage aus Angst, Unwissen und Regularien. Dabei würden den Rentnern hier Renditen winken, die bislang Investorinnen und Investoren und Pensionsfonds aus Nordamerika kassieren, wohin dann fast jedes Startup abwandert, bevor es zu einer Job- und Geldmaschine heranwächst.Debatten um die Altersvorsorge liessen sich also visionärer führen, als nur die fehlende Finanzierung der unverantwortlich lancierten 13. AHV-Rente zu betonen, so wie diese Woche. Und wie gelänge die Umsetzung? «Willen braucht man. Und Zigaretten», hätte Schmidt geantwortet. Man muss ja nicht inhalieren.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel