Arme Jurassier, reiche Zuger: Die Schere zwischen den Kantonen geht auf – das kommt den Bund teuer zu stehenDie Umverteilung im nationalen Finanzausgleich nimmt 2027 sprunghaft um eine halbe Milliarde Franken zu. Die Unterschiede zwischen den Kantonen wachsen, obwohl das Gesetz das Gegenteil verlangt.24.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenNirgends in der Schweiz ist so viel Geld vorhanden wie in Zug.Stefan Kaiser/ CH MediaWenn der Bundesrat am Mittwoch ins Schwitzen kommt, liegt es nicht nur an den Temperaturen. Die sieben haben sich vorgenommen, an der letzten Sitzung vor der Sommerpause das Budget für das Jahr 2027 zu verabschieden. Finanzministerin Karin Keller-Sutter hat durchblicken lassen, dass die Aussichten besser sind als erwartet. Wirklich gut aber sind sie noch immer nicht, vor allem weil die Ausgaben für die Armee und die AHV stark steigen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch es gibt noch eine dritte Problemzone, die zunehmend zu reden gibt: der nationale Finanz- und Lastenausgleich (NFA). Als dieses barocke System der freundeidgenössischen Geldverteilung vor 18 Jahren eingeführt wurde, hatte es ein Umverteilungsvolumen von 4,1 Milliarden Franken. Heute sind es 6,4 und nächstes Jahr schon 7 Milliarden. Als der Bund vor kurzem die jüngsten Zahlen für den NFA 2027 in die Anhörung schickte, hat sich tatsächlich gezeigt, dass die Umverteilung von einem Jahr auf das andere um über eine halbe Milliarde anschwillt.Für Keller-Sutter und ihre Bundesratskollegen wird dies zunehmend zum Problem, weil es der Bund ist, der den Grossteil dieser Geldflüsse bezahlen muss. Böse Zungen bezeichnen die Transfers an die finanzschwachen Kantone sowie an jene, die hohe Sonderlasten tragen müssen, abschätzig als «Entwicklungshilfe». So schief dieser Vergleich auch ist, so gut lässt sich daran das rasante Wachstum des NFA illustrieren.Die echte Entwicklungshilfe hat das Parlament im finanzpolitischen Stress der letzten Monate eingefroren. Für Projekte in ärmeren Ländern stehen 2029 rund 3 Milliarden Franken bereit – gleich viel wie 2018. Ganz anders bei der innerstaatlichen Geldverteilung via NFA: Der Bundesbeitrag an das System betrug 2018 rund 3,3 Milliarden Franken, 2029 werden es gemäss den Prognosen 5 Milliarden sein.Plus 50 Prozent in elf Jahren: Abgesehen von Armee und AHV gibt es keinen Bereich im Bundesbudget, der annähernd so stark wächst. Das NFA-System ist zurzeit so justiert, dass der Bund jeweils etwa doppelt so viel einzahlen muss wie alle finanzstarken Kantone von Genf über Basel-Stadt bis Zug zusammen.Dass der Beitrag so stark zunimmt, hat vor allem einen Grund: Die Schere zwischen reichen und armen Kantonen hat sich geöffnet. Plakativ lässt sich dies beispielsweise an den zwei Extremen zeigen: Über die Jahre hat der Abstand zwischen dem Kanton mit der grössten Finanzkraft (Zug) und jenem mit der kleinsten (zurzeit Jura) zugenommen. Gemessen wird die Finanzkraft daran, wie gross die Einkommen, Vermögen und Firmengewinne sind, die die einzelnen Kantone besteuern können.Die Geldflüsse von Reich zu Arm werden über einen Index gesteuert, auf dem die sagenhafte Finanzkraft des Kantons Zug soeben einen Rekordwert erreicht hat: 299,8 Punkte. Das bedeutet: Das Potenzial an Einkommen, Vermögen und Firmengewinnen, aus denen Zug seine Steuern abschöpft, ist dreimal so gross wie im Durchschnitt. Bei der Einführung des NFA 2008 war es «nur» gut das Doppelte.Der Jura weist zurzeit einen Indexwert von 64,8 aus. Damit liegt der Kanton nicht nur weit unter dem Mittelwert von 100, vor allem liegt er massiv hinter dem Spitzenreiter zurück: In Zug ist pro Einwohner vier- bis fünfmal so viel Geld vorhanden wie im Jura. Das erklärt, weshalb Zug mit einer tiefen Steuerbelastung über die Runden kommt: Wo viel Substanz bereitliegt, muss man prozentual nur wenig einziehen und hat am Ende trotzdem reichlich Geld zur Verfügung.Davon profitieren via NFA auch die weniger begüterten Miteidgenossen. Derzeitige Spitzenreiter bei den Geldempfängern sind die Walliser, die pro Einwohner 2450 Franken erhalten. Darin sind neben den Geldern aus dem Finanzausgleich auch die Beiträge an die Sonderlasten eingerechnet, die im Wallis vor allem in Form der anspruchsvollen Topografie auftreten. Auf der anderen Seite – bei den Geberkantonen – kommt zuerst Zug und dann lange niemand mehr. Vor allem fällt auf, wie weit Zürich zurückgefallen ist.Der starke Anstieg der Umverteilung im kommenden Jahr ist gemäss Finanzverwaltung primär auf die zunehmenden Disparitäten unter den Kantonen zurückzuführen. Zwar sind die Verschiebungen nicht dramatisch, trotzdem stehen sie im Widerspruch zu den rechtlichen Vorgaben: Das NFA-Gesetz hält ausdrücklich fest, der Finanzausgleich solle «die Unterschiede in der finanziellen Leistungsfähigkeit zwischen den Kantonen verringern».Dass die Entwicklung in die andere Richtung geht, sorgt für Diskussionen im Bundeshaus. Hinzu kommen die anhaltenden Geldsorgen des Bundes. Beides führt dazu, dass sich Vorschläge häufen, wie der Bund die Kantone stärker zur Kasse bitten könnte. Im Zentrum stehen zwei Ideen. Das Parlament könnte den Anteil der Kantone an der Bundessteuer reduzieren, der zurzeit 21,1 Prozent beträgt. Das wäre allerdings relativ brachial und träfe auch ärmere Kantone.Die andere Variante würde ausschliesslich die Zahlmeister belasten: Das Parlament könnte die Finanzierung des NFA so revidieren, dass die Geberkantone mehr bezahlen müssen und der Bund weniger. Rechtlich wäre dies relativ einfach, weil die heutige Aufteilung am unteren Rand dessen liegt, was nach Verfassung erlaubt ist. Um eine solche Reform zu verhindern, müssten Zug, Schwyz, Genf und die weiteren wohlhabenden Geberkantone wohl das Kantonsreferendum ergreifen und versuchen, das Stimmvolk im ganzen Land zu überzeugen.Theoretisch könnte das Parlament den Bund auch entlasten, indem es die Auszahlungen an die Nehmerkantone kürzt. Hier wirkt sich allerdings ein machtpolitisches Problem aus, das seit Einführung des NFA besteht: Die Profiteure sind immer in der Mehrheit.Breite Skepsis im Parlament gegenüber GeberkantonenEin erster Angriff auf die Geberkantone hat bereits stattgefunden: In einem denkwürdigen Akt hat die Finanzkommission des Nationalrats in einem Vorstoss Eckwerte für eine NFA-Revision präsentiert. Sie hielt fest, die Geberkantone sollten mehr bezahlen. Ausserdem wollte sie den sozialen Lastenausgleich kürzen, was primär städtische Geberkantone träfe.Erstaunlich an dem Vorstoss war vor allem, dass er ohne Gegenstimme zustande kam. Das zeigt, wie breit der Unmut unter Finanzpolitikern ist. Die Geberkantone haben es dann aber geschafft, dass sich die anderen Kantone mit ihnen solidarisierten. Die Kommission zog den Vorstoss zurück, behielt sich aber vor, das Thema wieder aufzugreifen.Tief blicken liess das Verhalten des Bundesrats: Er hat den Vorstoss offen unterstützt, wohlwissend, dass die Kantone das nicht goutieren. Das Vorgeplänkel zeigt, dass die Geberkantone mächtige Widersacher im Bundeshaus haben. Vor allem die immer noch ungeklärte Finanzierung der Armee, die in den kommenden Monaten geregelt werden soll, wird den Druck erhöhen.In Bern ist genau registriert worden, dass der Kanton Zug kaum mehr weiss, wohin mit dem vielen Geld. Unter anderem spült die neue OECD-Mindeststeuer zusätzliche Erträge in die Kasse. Der Finanzdirektor Heinz Tännler sagte dazu vor kurzem in einem NZZ-Interview: «Ja, was soll ich denn mit den Einnahmen aus der Mindeststeuer machen? Das Geld nach Bern schicken?»Er meinte es wohl als Witz. Nicht alle in Bern haben es so verstanden.Passend zum Artikel
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