Die grösste Psychiatrie des Landes steht komplett unter Schutz – zum Nachteil der Patienten. Deshalb schlägt der Chef jetzt das Undenkbare vor: einen TeilabbruchIm Zürcher Burghölzli sollen mehrere grosse Neubauten entstehen. Die Pläne stehen nicht nur in Konflikt mit dem Heimatschutz, auch die Finanzierung ist ein Problem.26.05.2026, 09.00 Uhr6 LeseminutenAussenansicht eines der geplanten Neubauten, im Hintergrund links das Forschungsgebäude des Kinderspitals.Boltshauser Architekten AG / Psychiatrische Universitätsklinik ZürichMarkus Merz hat Grosses vor. Einige haben ihn schon gewarnt: Unmögliches. Der 57-jährige Appenzeller leitet am Stadtrand von Zürich die grösste psychiatrische Klinik des Landes, im Volksmund als Burghölzli bekannt. Eine schlossähnliche historische Anlage, die 1870 abseits der Stadt im Grünen eröffnet wurde, sich heute aber mitten im boomenden Spitalcluster Lengg befindet.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nun will Merz einen Teil dieses unter Schutz stehenden Komplexes abreissen lassen, um Platz für eine zeitgemässe Psychiatrie zu schaffen.Markus Merz, CEO der Psychiatrischen Universitätsklinik.Frank BrüderlEs wäre der stärkste Eingriff seit 50 Jahren, als die einstige «Irrenheilanstalt» umbenannt wurde in Psychiatrische Universitätsklinik, kurz PUK, und als Zeichen einer neuen Zeitrechnung die Mauer geschleift wurde, welche die Anlage damals noch umgab.Der CEO der Klinik legt auf Anfrage der NZZ erstmals offen, was vorgesehen ist. Auf den Plänen zu sehen sind zwei moderne Patientenhäuser mit quadratischem Grundriss im hinteren Teil der Anlage. Weniger hoch, aber sonst von ähnlichen Dimensionen wie das Aufsehen erregende neue Forschungsgebäude des Kinderspitals gleich nebenan: jener weisse Zylinder von Herzog & de Meuron, der ans Guggenheim-Museum in New York erinnert. Hinzu kommt etwas abseits ein drittes Gebäude, um die Kapazität für die Kinder- und Jugendpsychiatrie zu erhöhen.Entworfen sind die Neubauten vom Büro des mehrfach ausgezeichneten Zürcher Architekten Roger Boltshauser. Das Projekt hat sich in einem Studienauftrag gegen andere Vorschläge durchgesetzt.Was ins Auge sticht: Die zwei Kuben stehen quer zu den symmetrisch angeordneten Altbauten, als wären sie zufällig hingewürfelt worden. Auch das ist ein Statement. Als die Klinik vor über 150 Jahren eröffnet wurde, ging man davon aus, dass sich durch äussere Ordnung die innere Ordnung psychisch kranker Menschen wiederherstellen lasse. Heute sind die Glaubenssätze andere.Etwa, dass grosse Fenster mit Blick ins Grüne heilsamer sind als enge, dunkle Flure. Dass Einzelzimmer mit eigener Nasszelle entspannender sind, als wenn man morgens mit anderen Patienten vor dem geteilten Badezimmer anstehen muss. Und dass man eine Station besser im Griff hat, wenn das Personal nah bei den Leuten ist statt irgendwo am Ende eines verwinkelten Labyrinths. So beschreibt der CEO Merz einige der Vorzüge.Hinzu kommen praktische ökonomische Motive: Er will die Effizienz der PUK steigern, die auf über zwanzig Standorte verteilt ist. Nur schon für die Verpflegung braucht es heute vier Gastronomiebetriebe, was eine Menge Geld kostet. Der Grossteil des stationären Angebots soll deshalb am Stammsitz zusammengezogen werden.Doch selbst wenn man die geplanten Neubauten aufgrund solcher Argumente als Wurf und überfälligen Schritt in die Zukunft betrachtet: Dem Vorhaben stehen gewichtige Hindernisse im Weg. Da ist erstens die Frage des Heimat- und Landschaftsschutzes und zweitens die Frage der Finanzierung. Beide haben sich schon bei anderen Zürcher Spitalbauten gestellt, aber bei der PUK fallen sie besonders schwer ins Gewicht.Diese neue Parkanlage soll die Neubauten mit den alten Gebäuden verbinden.Boltshauser Architekten AG / Psychiatrische Universitätsklinik ZürichDas erste Problem: der DenkmalschutzIm Gegensatz zum Unispital, das seine Neubauten um einzelne geschützte Altbauten herum planen konnte, gilt im Burghölzli die gesamte Anlage als erhaltenswert. Bis hin zu den weniger repräsentativen, rückseitigen Trakten, dem ehemaligen Schweinestall und dem Obstgarten, die für die Neubauten zum Teil Platz machen müssten. Hinzu kommt auch noch der Ortsbildschutz.Merz weiss, dass er eine Menge Überzeugungsarbeit wird leisten müssen, denn Widerstand ist so gut wie sicher.Er betont deshalb, dass es sich um ein ausgewogenes Projekt handle, nicht um einen radikalen Eingriff. Ein solcher hätte sich aus rein betrieblicher Sicht durchaus aufgedrängt: Abriss des ganzen Komplexes, dann Neubau im hinteren Teil der Anlage und vorne ein grosser, öffentlicher Park für den Spitalcluster Lengg und die Bevölkerung.Das wäre wohl chancenlos. Deshalb soll ein Grossteil der Altbauten stehen bleiben, künftig jedoch nur noch für die Verwaltung, die Forschung und Therapien genutzt werden. 320 Betten für die Patienten sollen sich ohne Ausnahme in den zwei Neubauten befinden.Merz relativiert die Vorstellung, dass eine Anlage auf dem Spiel steht, die im Originalzustand zu erhalten ist. «Dieses Gebäude sieht schon lange nicht mehr aus, wie es einmal gebaut wurde», sagt er. Man habe es in über 150 Jahren immer wieder den Bedürfnissen angepasst. «Da wurde umgebaut, aufgestockt, angebaut.»Ursprünglich erreichte nur die repräsentative Fassade zur Strassenseite die heutige Traufhöhe. Dahinter befanden sich Zimmer mit überhoher Decke im Pariser Stil für Patienten aus der besseren Gesellschaft. Gegen hinten, wo das einfache Volk einquartiert wurde, wurden die Trakte niedriger, und sie waren auch billiger gebaut. In diesem Bereich, der seither mehrfach verändert wurde, sind die Neubauten geplant.Vor über 150 Jahren galt diese Anlage als modern: die repräsentative Fassade des Altbaus zur Strassenseite hin.Simon Tanner / NZZDie Verantwortlichen der PUK haben sich umgeschaut, ob sie stattdessen nicht an einem Ersatzstandort bauen könnten. Doch die Areale, die geprüft wurden, befanden sich an unattraktiven Standorten, etwa neben den Bahngleisen oder einer Strafanstalt. Kein Vergleich mit der idyllischen Lage neben dem Burghölzli, jenem bewaldeten Hügel, der einst gezielt als Standort gewählt wurde, um die Genesung zu fördern.Laut Denkmalpflege muss der für die Anlage charakteristische Dreiklang von Gebäude, Garten und Wald erhalten bleiben. Merz sagt denn auch, dass man diesen nicht nur erhalten, sondern ihm sogar eine neue Qualität geben wolle: Zwischen den alten und den neuen Gebäuden, wo sich heute vor allem Parkplätze und Asphalt befinden, sei eine zu allen Seiten offene Parkanlage geplant.Erste Signale seitens der Denkmalpflege stimmen Merz optimistisch. Aber die Diskussion hat mit der Veröffentlichung der Pläne gerade erst begonnen.Das zweite Problem: die KostenÄhnliches gilt für die Finanzierungsfrage. Im Gegensatz zum benachbarten Kinderspital kann die Psychiatrie nicht auf ein Reservoir von wohlhabenden Spendern zählen, die für einen modernen Neubau einen dreistelligen Millionenbetrag bereitstellen. Die PUK muss ihre Neubauten selbst finanzieren, obwohl sie dem Kanton gehört. So ist dies seit der Verselbständigung der Spitäler vorgesehen – im Prinzip.Die interne Zielvorgabe lautet, dass die Bauvorhaben nicht mehr als 330 Millionen Franken kosten dürfen, plus/minus 25 Prozent. Dieser Rahmen umfasst eine zweite Bauetappe mit einem zusätzlichen Neubau, der die gesamte Bettenzahl auf 400 erhöhen würde.Der gesamte Finanzbedarf wird aber deutlich höher sein, denn es stehen zugleich auch die Instandsetzung und die Umbauten der alten Gebäude an. Um all das stemmen zu können, müsste die PUK nach einer groben Schätzung etwa dreimal so viel Jahresgewinn erzielen wie die knapp 5 Millionen Franken, die es zuletzt waren.Markus Merz hat daher bei Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli schon vor einiger Zeit angemeldet, dass es ohne Unterstützung durch den Kanton nicht gehe. Das Argument der PUK ist das gleiche, das auch das Unispital schon vorgebracht hat: Der Kanton hat Sanierungen jahrzehntelang auf die lange Bank geschoben und bei der Verselbständigung dann den Investitionsbedarf der Gebäude zu wenig berücksichtigt.Rickli hat letztes Jahr untersuchen lassen, ob dies zutrifft. Das Resultat hat die PUK kürzlich im Geschäftsbericht publik gemacht: Die Investitionen, die durch eigene Einnahmen nicht gedeckt sind, belaufen sich über zwanzig Jahre auf 539 Millionen Franken – dabei geht es nur um die Instandhaltung der bestehenden Bauten.Dem Chef der PUK liegt es fern, auf so viel Geld zu pochen: «Ich bin liberal aufgewachsen», sagt der Sohn des früheren Bundesrats und Finanzvorstehers Hans-Rudolf Merz, «für mich ist jeder Franken Subvention ein Franken mehr Abhängigkeit von der Politik.» Das Ziel sei es, die Ergebnisse der PUK zu verbessern, damit sie einen möglichst grossen Teil der Bauten selbst finanzieren kann.Merz will auch die Zahl der ambulanten Behandlungen erhöhen – also solche ohne Klinikaufenthalt –, um den Bedarf an stationären Plätzen zu senken. Das Kalkül: Wenn dies gelingt, muss die zweite Bauetappe am Hauptsitz gar nie in Angriff genommen werden. Daher hat die PUK vor einem Jahr in Oerlikon ein grosses Ambulatorium eröffnet, wo sie sich täglich um bis zu 500 Patienten mit akuten psychischen Problemen kümmern kann.Gleichwohl macht Merz niemandem Illusionen: «Auch wenn wir uns verbessern, schaffen wir die Neubauten nicht aus eigener Kraft.» Man werde darum mit dem Kanton, dem Eigentümer, das Gespräch suchen, sobald das Projekt konkretisiert sei. «Zuerst bauen und dann hinterher sagen, hoppla, uns fehlt das Geld – das geht nicht.»Im Zürcher Kantonsparlament ist dieses frühe Bemühen um Transparenz wohlwollend aufgenommen worden. Ob es aber dabei bleibt, wenn es um konkrete Millionenbeträge geht, muss sich zeigen. Auch für die politische Debatte gilt: Sie beginnt gerade erst.Passend zum Artikel
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