Sie sind nicht mehr zu brauchen, aber abreissen darf man sie auch nicht: Der Krampf mit den billig gebauten Spitälern aus den 1970er JahrenDie Zweckbauten gelten plötzlich als potenzielle Schutzobjekte. In Kilchberg scheitert darum der Neubau des Sanatoriums, in Baden ist sogar eine Asbestsanierung blockiert.28.05.2026, 05.00 Uhr7 LeseminutenDas ehemalige See-Spital in Kilchberg ist nicht schutzwürdig – aber als das entschieden wurde, war ein Neubauprojekt schon gescheitert.Christoph Ruckstuhl / NZZDas alte See-Spital schmort in der Vorhölle der zwecklos gewordenen Zweckbauten, steht neben der Autobahn wie ein Monument der schlechten Laune. Grau in grau, Plattenbau. Dauerhaft geschlossen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch als der Gebäudekomplex in der Zürcher Seegemeinde Kilchberg Platz für eine moderne Klinik machen sollte, kam plötzlich die Idee auf, man könnte ihn für die Nachwelt erhalten. Alle Pläne brachen in sich zusammen. Und es passierte, was oft passiert, wenn nichts mehr geht: Der Kanton quartierte vorübergehend Asylbewerber ein.Die Geschichte aus Kilchberg ist typisch für die Krämpfe mit maroden Spitalbauten. Sie alle haben ein gemeinsames Motiv, so unterschiedlich die Fälle im Detail auch sein mögen. Es geht um die Grundsatzfrage: Sind solche Bauten Verbrauchsgüter, die ihr Ablaufdatum erreicht haben – oder haben sie bleibenden Wert?Dass sich solche Kontroversen gerade jetzt häufen, ist kein Zufall. Im Kanton Zürich wurden während des Bevölkerungswachstums und des Baubooms der 1960er und 1970er Jahre reihenweise neue Spitäler gebaut. Die Konsequenz: Die ganze Generation dieser Bauten verlottert jetzt gleichzeitig, gut sichtbar an ihren unschön verwitterten Fassaden.Die meisten dieser Spitäler wurden damals schnell und billig hochgezogen, und das sieht man ihnen auch an. Es sind grobschlächtige Maschinen aus vorgefertigten Elementen. Seriell, rationell, funktionell. In solchen Kisten sollte man an den Segnungen modernster Technik und effizienter Organisation gesunden, nicht an jenen einer heilsamen Architektur, wie sie heute im Trend liegt.Diese konzeptionelle Einäugigkeit monierten damals schon zeitgenössische Kritiker – und sie spielt ein halbes Jahrhundert später all jenen in die Karten, die solche Spitäler als baukulturelle Geschmacksverirrung aus dem kollektiven Gedächtnis tilgen wollen.Aber es gibt eben auch die anderen. Jene, die sie erhalten wollen.«Habt ihr noch alle Tassen im Schrank?»Martin Killias kennt die Standardreaktion auf Rettungsaktionen für Bauten aus den 1960er und 1970er Jahren: «Habt ihr noch alle Tassen im Schrank?» So erlebt es der Präsident des kantonalen Zürcher Heimatschutzes oft, wenn er sich für diese Architektur einsetzt, die von vielen als hässlich empfunden wird. «Ich gebe zu, dass das eine schwierige Diskussion ist», sagt er.Killias behilft sich jeweils mit dem Argument, dass auch die heute hochgeschätzten Bauernhäuser lange Zeit weder als schön noch als erhaltenswert galten. Anders gesagt: Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich spätere Generationen ein zweites Ballenberg aus mittelländischen Plattenbauten wünschen. Weil sie nur dort noch so etwas wie Heimatgefühl verspüren.«Alles erhalten geht natürlich nicht», sagt Killias, «aber nichts wäre ebenso extrem.» Es gelte, selbst aus dieser umstrittenen Epoche die besonders charakteristischen Bauwerke zu retten.In Kilchberg hatte 2021 niemand solche Themen auf dem Radar, als das örtliche Sanatorium einen Kaufvertrag für das Spital-Grundstück unterzeichnete. Die traditionsreiche private Psychiatrieklinik wollte an dieser Stelle bis 2029 einen modernen Neubau realisieren. Das alte Sanatorium, eine historische Anlage mit Park und prächtigem Blick auf den Zürichsee, wollte man aufgeben und dort Wohnungen bauen. An dieser Lage zweifellos ein lukratives Geschäft.Doch im Frühling 2024 standen die dem Abriss geweihten Spitalbauten plötzlich im Inventar der Schutzobjekte, das die Gemeinde führt.Dies war das zufällige Nebenprodukt eines anderen Konflikts. Kilchberg war in einem Streit mit dem Heimatschutz vor Gericht gerügt worden: Die Gemeinde habe ein potenziell schutzwürdiges altes Bauernhaus nicht inventarisiert gehabt. Damit sich so etwas nicht wiederholen würde, schritten Gemeindevertreter danach mit einem Fachmann alle Strassen ab – und nahmen auch das Spital auf die Liste.Die Umnutzung ist oft sehr aufwendig: Blick ins geleerte See-Spital, dessen Ausrüstung in die Ukraine geschickt wurde.Andrea Zahler / CH MediaWas in einem Inventar steht, ist zwar noch nicht definitiv geschützt. Aber man darf ein aufgeführtes Gebäude auch nicht verändern, ohne seine Schutzwürdigkeit abzuklären. Das Sanatorium wollte Gewissheit und verlangte von der Gemeinde darum einen Entscheid. Dieser zog sich hin. Und noch bevor er gefallen war, machten die Verantwortlichen des Sanatoriums im Frühling 2025 einen Rückzieher. Man könne den Neubau nicht realisieren, die Finanzierung sei gescheitert.Der erste Grund dafür hat nichts mit Heimatschutz zu tun: Im Zürcher Oberland hatte das Spital Wetzikon für einen Neubau viel Geld aufgenommen und sah sich Anfang 2024 plötzlich nicht mehr in der Lage, diese Schulden zu begleichen. Das wurde zum aufsehenerregenden Präzedenzfall, Investoren waren danach gegenüber Spitälern zurückhaltender.Das Sanatorium nannte aber noch einen zweiten Grund für die gescheiterte Finanzierung: die Unsicherheit über den Schutzstatus des alten Spitals, von dem das eigene Bauprojekt abhing.Erst viel zu spät wird klar: Der Bau ist nichts BesonderesDie neuste Wendung in diesem Fall kommt viel zu spät, um das Vorhaben noch zu retten. Mitte Januar 2026 hat der Gemeinderat von Kilchberg entschieden, einzig eine Kapelle auf dem Areal unter Schutz zu stellen, nicht aber den Rest des Spitals.Die Begründung lässt sich auf folgende Kurzformel reduzieren: Der 1974 fertiggestellte Zweckbau ist nichts Besonderes.Die Qualität des Spitalbaus liege «unter den Möglichkeiten der Epoche», heisst es im fast hundertseitigen Fachgutachten, auf das sich die Gemeinde stützte. Die Architektur sei vom «ökonomischen Druck» geprägt. Der Architekt habe sich zwar in früheren Werken an eleganten französischen Betonbauten orientiert. Hier aber habe er sich für eine «gleichförmig durchrationalisierte Gestaltung ohne individuelle Merkmale» entschieden.Bitter ist diese späte Erkenntnis, weil auch der Zürcher Heimatschutz in Kilchberg nichts gegen einen Abriss einzuwenden hätte, wie Martin Killias auf Anfrage klarstellt. Es gehe in solchen Fällen um die Verhältnismässigkeit, und ein funktionierendes Gesundheitswesen habe viel Gewicht. Aus dem gleichen Grund habe der Heimatschutz auch nicht interveniert, als in der Stadt Zürich der Abriss des alten Kinderspitals zum Thema wurde. Kurz: «Der böse Heimatschutz ist bei Spitalbauten sehr zahm.»Das gilt jedoch nicht immer.In Baden und Zürich wird der Abbruch gestoppt, trotz KostenIn der Stadt Baden, eine viertelstündige Bahnfahrt von Zürich entfernt, raufen sich die Betreiber des Kantonsspitals gerade die Haare. Sie dürfen ihren leerstehenden, asbestverseuchten Plattenbau aus den 1970er Jahren nicht zurückbauen, um an seiner Stelle einen Park einzurichten. Die Idee war, dass man die übernächste Generation dort wieder bauen kann, wenn das 2025 eröffnete, neue Spital dereinst ausser Betrieb geht.Der Kran wurde inzwischen wieder abgebaut, weil alles blockiert ist: das alte Kantonsspital in Baden.PDDoch Heimatschützer und ein Verein wehren sich dagegen. Das grobschlächtige Scheibenhochhaus stehe für den ungebrochenen Fortschrittsglauben früherer Jahre. Es sei ein wichtiger Zeitzeuge, den man erhalten und umnutzen solle. Deshalb haben sie ein vorläufiges Abbruch- und Veränderungsverbot erwirkt. Dass über 7000 Personen eine Petition an den Heimatschutz unterzeichnet haben, er solle seinen Widerstand doch aufgeben, änderte nichts.Jetzt warten alle auf einen Gerichtsentscheid. Statt des alten Spitals wurde kürzlich der Baukran davor wieder demontiert. Er wird vorerst nicht benötigt, denn nicht einmal eine Schadstoffsanierung ist erlaubt.Die Verzögerungen kosten laut der Aargauer Regierung 6 Millionen Franken. Eine Umnutzung des Spitals in ein Wohnhaus wäre laut ihr so teuer, dass sie zum Verlustgeschäft würde. Die Sanierung und Instandhaltung alter Spitalbauten sei mit erheblichen Risiken verbunden, schreiben die Aargauer und verweisen nach Zürich: auf die Erfahrungen mit dem Stadtspital Triemli.Dort verfolgte die Stadt den Plan, drei Personalhochhäuser von 1970 abzubrechen, weil eine Umnutzung nur mit unverhältnismässigem Aufwand möglich sei. Dennoch wehrten sich die linken Parteien mit Erfolg gegen diesen «Abriss auf Vorrat». Deshalb müssen die maroden Häuser nun instand gesetzt werden – weil sonst nicht einmal mehr die fortgesetzte Zwischennutzung als Asylunterkunft möglich wäre.In Zürich wie in Baden fallen gleich mehrere Argumente zusammen: Erhalt von Wohnraum für Leute mit geringem Budget. Klimapolitische Einwände gegen Abriss und Neubau. Und die Überzeugung, dass auch Zweckbauten aus den 1960er und 1970er Jahren Wahrzeichen sein können.Müssen Spitäler vor Heimatschützern geschützt werden?Den bürgerlichen Parteien im Zürcher Kantonsrat geht diese Entwicklung zu weit. Sie haben zusammen mit der EVP die vorläufige Unterstützung für eine parlamentarische Initiative gesichert, die eine gezielte Gegenmassnahme fordert: Verbänden wie dem Heimatschutz soll das Rekurs- und Beschwerderecht entzogen werden, wenn es um Schutzobjekte im Bildungs- und Gesundheitswesen geht.Es seien «jedes Mass und jede Verhältnismässigkeit» verlorengegangen, meinte der Freisinnige Stephan Weber im Parlament warnend. Wenn der Bau neuer Schulen und Spitäler verteuert und verzögert werde, leide darunter die Grundversorgung der Bevölkerung. Weber erinnerte daran, dass allein das Universitätsspital Zürich über 19 Bauten mit Denkmalschutz-Status verfüge.Dies führte zur paradoxen Situation, dass Patientinnen und Patienten im grössten Spital des Kantons Zürich auch in Zukunft in einem Trakt aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg untergebracht werden. Obwohl nebenan gerade ein Neubau für fast eine Milliarde Franken entsteht.Der Grund: Aus Angst vor einer langwierigen Auseinandersetzung mit dem Heimatschutz wurde die Modernisierung des Spitalkomplexes um die Altbauten herum geplant. Als die Stadtzürcher Volksvertreter endlich merkten, dass dies nicht die beste Lösung für die Zukunft ist, verlangten sie unisono eine «Nichtunterschutzstellung». Doch auch in diesem Fall kam die Einsicht zu spät, um noch etwas zu ändern.So muss sich das Spital jetzt mit der Frage befassen, wie man die denkmalgeschützten Patientenzimmer mit unhygienischen alten Korkböden und den schlecht isolierten Fenstern sanieren kann. Räume, die man in einem Vintage-Hotel toll fände, aber nicht, wenn man sich gerade von einer Operation erholt. Ein Sprecher des Universitätsspitals sagt, man vertraue darauf, dass die eigenen Bedürfnisse von der Denkmalpflege ausreichend berücksichtigt werden.Und in Kilchberg? Dort haben die privaten Betreiber des Sanatoriums unlängst ihren Kaufvertrag erfüllen müssen und den Komplex des See-Spitals übernommen. Einen Komplex, den sie umgehend weiterverkaufen wollen. Denn sie haben keine Verwendung mehr dafür. Und zum Wahrzeichen taugt er auch nicht. Höchstens zum Mahnmal.Passend zum Artikel
Der Krampf mit den Spitalbauten der 1970er Jahre: Abriss oder Erhalt?
Die Zweckbauten gelten plötzlich als potenzielle Schutzobjekte. In Kilchberg scheitert darum der Neubau des Sanatoriums, in Baden ist sogar eine Asbestsanierung blockiert.







