Verblüffende Kehrtwende im Streit um Zürich-West: Swiss Prime Site lässt die alten Maag-Hallen stehen und landet einen Coup mit einem neuen MieterDas Unternehmen verzichtet auf einen neuen Wohnturm und damit auf Rendite. Stattdessen soll eines der populärsten Zürcher Museen einziehen und das Quartier beleben.25.06.2026, 07.00 Uhr4 LeseminutenDieser Teil der Maag-Hallen steht unter Schutz (hier auf einem Bild von 1994), der Rest aber hätte nach den ursprünglichen Plänen der SPS weichen müssen.KeystoneDie Swiss Prime Site (SPS) ist die grösste Immobilienfirma des Landes, ein Supertanker – und genau wie ein solcher manövrierte sie sich lange durch den Konflikt um ihr umstrittenes Bauvorhaben in Zürich-West. Unbeirrbar auf Kurs, der Bremsweg zu lang, um noch etwas zu ändern.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Bis zu diesem Donnerstagmorgen: Da dreht dieser vermeintlich so träge Koloss plötzlich eine Pirouette, und alles ist anders.Kein Abriss eines Grossteils der historischen Maag-Hallen neben dem Prime Tower, der ebenfalls der SPS gehört. Sondern Erhalt und umfassende Sanierung. Kein neues, 14-stöckiges Hochhaus voller Wohnungen. Dafür ein überraschender neuer Mieter für die Altbauten: Die Universität Zürich prüft, ihr Naturhistorisches Museum dorthin zu verlegen, eines der populärsten Museen der Stadt, speziell bei Familien.All das hat die SPS in einer Medienmitteilung bekanntgegeben, und damit mutmasslich Freund und Feind gleichermassen überrumpelt.Gerade von Letzteren gab es einige. Da wäre ein prominent besetztes Komitee zur Rettung der Maag-Hallen, in dem neben Künstlern und Gewerblern aus dem Quartier auch Politiker von links und rechts zusammenfanden. Da gab es Widerstand aus dem Stadtparlament, das Neubauten auf dem historischen Industrieareal verhindern wollte. Und da waren auch der Zürcher Heimatschutz sowie mehrere Nachbarn, die sich vor Gericht gegen das Bauprojekt der SPS wehrten.SPS-Chef wehrt sich gegen Vorwurf der RenditefixierungIn der juristischen Arena hatte die Immobilienfirma zwei Niederlagen erlitten, den Fall aber im vergangenen Herbst ans Bundesgericht weitergezogen. Ihre dort hängige Beschwerde hat sie nun zurückgezogen – und damit ihr Bauprojekt aufgegeben.Der neue CEO Marcel Kucher, seit Januar auf dem Chefsessel, begründet dies mit einer Güterabwägung: Auf der einen Seite seien die Unwägbarkeiten zu gross gewesen, um das Projekt wie geplant weiterzuentwickeln, auf der anderen Seite habe sich durch das Interesse der Universität plötzlich eine Chance eröffnet.Für die SPS bedeutet die Kehrtwende Mindereinnahmen, denn viele neue Wohnungen hätten zweifellos höhere Mieterträge generiert als ein Museum. Kucher bedauert denn auch, dass der geplante Wohnturm nicht zustande kommt. Er freue sich aber umso mehr, wenn jetzt ein kulturelles Angebot mit Ausstrahlung über die Stadt hinaus entstehe.«Der oft erhobene Vorwurf, dass eine Immobilienfirma wie unsere nur an der maximalen Rendite jedes einzelnen Objekts interessiert ist, trifft nicht zu», sagt er. Die SPS habe durch ihre starke Präsenz auf dem Maag-Areal ein vitales Interesse an einem vielfältigen, lebendigen Quartier. «Davon profitieren auch wir.»Die Investoren würden zwar erwarten, dass das Unternehmen Gewinn erwirtschafte, aber auch sie seien langfristig ausgerichtet. Zugleich könne die SPS so einige der Anliegen aufnehmen, die von ihren Kritikern immer wieder ins Feld geführt worden seien. Diese hatten vor Gericht mit Erfolg vorgebracht, dass das Ensemble der Maag-Hallen ein wichtiges Zeugnis von Zürichs industrieller Vergangenheit sei. Seine Umnutzung, die das Quartier belebt habe, sei beispielhaft.In der Vergangenheit schien das Gehör bei der SPS für solche Argumente schon weniger ausgeprägt – was möglicherweise auch mit dem Chefwechsel zu tun hat. Als sich vor einigen Jahren viel Prominenz für den Erhalt eines hochgelobten provisorischen Konzertsaals der Tonhalle auf dem Areal einsetzte, zeigte sich die Firmenleitung davon unbeeindruckt. Ein defizitärer Kulturbetrieb schien ihr weniger attraktiv als ein renditeträchtiger Wohnturm.Die bisherige Nutzung geht 2029 zu EndeEin Neubauprojekt auf dem Areal ist laut den SPS-Verantwortlichen nun definitiv vom Tisch. Aus einem hausinternen Projektwettbewerb resultierte zwar einst auch ein Vorschlag des renommierten Architekturbüros Lacaton & Vassal, der Alt- und Neubauten miteinander kombinierte. Dieser wurde aber von der SPS wegen rechtlicher, politischer und baulicher Hindernisse als zu riskant bewertet – und daran hat sich nichts geändert.Die historischen Hallen sollen nun also bleiben, wie sie sind, und langfristig als kulturelles Zentrum des Quartiers dienen. Vorgesehen sind neben Ausstellungs- auch Veranstaltungsflächen, zudem ein öffentliches Atrium.Dass das Naturhistorische Museum tatsächlich einzieht, ist nicht in Stein gemeisselt. Es besteht aber eine Absichtserklärung, die die Universität am Mittwoch mit der SPS unterzeichnet hat. Das Museum hätte in den alten Industriehallen mehr Fläche zur Verfügung, zugleich würde im Hochschulquartier dringend benötigter Platz frei. Der Rektor der Universität, Michael Schaepman, lässt sich denn auch mit den Worten zitieren, das Angebot von der SPS sei «mehr als eine interessante Option». Definitiv entschieden ist jedoch noch nichts.Klar ist aber, dass die Tage der heutigen Zwischennutzung gezählt sind: Der Vertrag mit der Maag Music & Arts AG, die in den Industriehallen mit Musicals und interaktiven Ausstellungen zu populären Themen ein breites Publikum anzieht, läuft laut der SPS im Frühling 2029 aus.Danach sollen die Sanierungsarbeiten beginnen. Anders als in der jüngeren Vergangenheit, als solche Terminangaben der SPS jeweils schnell wieder Makulatur waren, könnte es diesmal tatsächlich klappen.Passend zum Artikel