Paranoia auf der Eisstation: Abgeschiedenheit schweisst Teams nicht zusammen, sie schafft SpannungenEine Studiengruppe hat das Sozialverhalten der Besatzung einer antarktischen Forschungsstation untersucht. Die Ergebnisse zeigen die negativen psychischen Folgen von Isolation auf das Zusammenleben.25.05.2026, 21.00 Uhr3 LeseminutenAbgeschiedenheit in der antarktischen Eiswüste (hier das britische Wordie House).GettySie bohren tief ins Eis und in die Geschichte. Ein Dutzend italienischer und französischer Forscher ist 2005 auf den Dome Concordia gebracht worden, eine wissenschaftliche Station inmitten der Ostantarktis. Ihre Aufgabe besteht darin, in alte Eisschichten vorzudringen, die Rückschlüsse auf die Vergangenheit der Erdatmosphäre ermöglichen. In Tiefen von 2400 bis 2500 Metern hat man bisher Eis im Alter zwischen 800 000 und 1,2 Millionen Jahren finden können.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Unterdessen wurden die Wissenschafter des Dome Concordia selbst zum Gegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung, einer sozialpsychischen Probebohrung, sozusagen. Forschende mehrerer Universitäten, darunter Zürich, Bern und Würzburg, haben das Sozialverhalten des Teams untersucht und ihre Ergebnisse in der Fachzeitschrift «PNAS» («Proceedings of the National Academy of Sciences») veröffentlicht.In dunkler AbgeschiedenheitDer Dome Concordia befindet sich im antarktischen Niemandsland auf einem Gebirge 3233 Meter über Meer und 950 Kilometer von der nächsten Küste entfernt. Weil ein Zugang im antarktischen Winter von Mitte Februar bis Mitte November nicht möglich ist, lebt die Besatzung in dieser Zeitspanne in völliger Abgeschiedenheit. Von Anfang Mai bis Anfang August sorgt die Polarnacht für Dunkelheit.Die Isolation in der Eiswüste, könnte man meinen, schweisse die Menschen erst recht zusammen und mache aus den Individuen eine solidarische Gemeinschaft. Aber die neue Studie kommt zu anderen Ergebnissen. Die zwölfköpfige Besatzung des Dome Concordia wurde während zehn Monaten beobachtet. Die zwölf Forscher trugen Sensoren, die erfassten, wann sie sich wie lange mit wem trafen. Überdies hatten sie mehrfach Fragebögen auszufüllen.Die Nähe verstärke die Beziehungen nicht unbedingt, vielmehr führe sie zu erhöhten Spannungen und psychischen Belastungen – dies ist nun das allgemeine Fazit der Studie. Personen mit vielen sozialen Kontakten fiel die Abgeschiedenheit nicht unbedingt leichter. Sie berichteten von Konflikten, wachsendem Misstrauen und folglich von gesunkener Leistungsfähigkeit. «Unter Extrembedingungen nehmen Einsamkeit, Misstrauen und Konflikte zu, während Zusammenhalt und Leistungsfähigkeit sinken», wird bilanziert.Festgestellt wurde eine Tendenz zu paranoidem Verhalten. Einige Teammitglieder hätten nach ein paar Monaten geglaubt, dass andere über sie sprächen oder sie beobachteten, berichtet der Würzburger Psychiater Sebastian Walther gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Diese Personen hätten angenommen, dass die anderen ihnen schaden wollten. Er wertet dies nach gängigen Kriterien als Paranoia in leichter Ausprägung.Ergebnisse für die WeltraumfahrtMan kann sich fragen, welche Schlüsse die Studie zulässt und welchen praktischen Nutzen sie mit sich bringt. Es handelt sich primär um eine Forschungsarbeit im Dienste ambitionierter technischer und wissenschaftlicher Projekte. Die Erkenntnisse sollen in die Planung von Langzeit-Weltraummissionen zum Mond und zum Mars einfliessen oder die Gestaltung extremer Arbeitsumgebungen in U-Booten oder auf Offshore-Plattformen begünstigen. «Die Ergebnisse zeigen, wie wichtig es ist, soziale Dynamiken früh zu erkennen und Teams gezielt zu unterstützen», kommentiert der Co-Autor Jan Schmutz von der Universität Zürich.Vielleicht darf man küchenpsychologisch auch ein paar Schlüsse ziehen für alltägliche soziale Gemeinschaften. Wahrscheinlich ist es auch für Paare und Familien wichtig, sich nicht abzuschliessen von der Umwelt und sich vielmehr aktiv am sozialen Leben zu beteiligen.Passend zum Artikel
Abgeschiedenheit auf Eisstation fördert Spannungen statt Teamgeist
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