InterviewAndré Odermatt führte sechzehn Jahre lang das umstrittenste Dossier der Stadt Zürich. Seine Bilanz: «Man sollte in der Politik keine Versprechen machen, die man nicht halten kann»Abschiedsspaziergang mit dem scheidenden Hochbauvorsteher: Er spricht über hohe Mietpreise, städtisches Leben und Konflikte mit der SP.25.05.2026, 05.05 Uhr9 LeseminutenAls André Odermatt 2010 Stadtrat wurde, entstanden in Neu-Oerlikon fast im Akkord neue Häuser. Jetzt stehen im Quartier erneut Veränderungen an.Am Mittwoch ist Schluss. Dann wird der SP-Stadtrat André Odermatt seinen Schlüssel an den Parteikollegen Tobias Langenegger übergeben. Es ist seine finale Amtshandlung als Vorsteher des Hochbaudepartements. Sechzehn Jahre lang war Odermatt zuständig für jenes Dossier, das wie kein anderes im Fokus der öffentlichen Diskussion steht: Wohnbau und Stadtentwicklung.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ein paar Wochen zuvor steht Odermatt an einem kalten Morgen vor dem «Frischen Max» beim Bahnhof Oerlikon in der Sonne. Hinter ihm wirbelt ein Mann mit einem Elektro-Laubbläser Staub auf. Odermatt hat diesen Ort ausgesucht als Ausgangspunkt für einen Abschiedsspaziergang. Er grüsst mit dem für ihn typischen breiten und entspannten Lachen. Odermatt sieht nicht aus wie jemand, den seine Arbeit zermürbt hat. Obwohl er immer wieder in der Kritik stand, auch in der eigenen Partei.Die Entwicklung von Neu-Oerlikon hat er seine ganze Karriere über begleitet. Dieser Stadtteil war einst das industrielle Herz von Zürich. Doch nach dem Niedergang der Industrie blieben leere Hallen zurück. Ein urbanes Brachland, das auch eine Chance für Zürich war. Um sie zu nutzen, kreierte die Stadt ein Entwicklungsleitbild und setzte 1998 Sonderbauvorschriften in Kraft.Odermatt hat die Entstehung des Stadtteils zunächst als Parlamentarier verfolgt und war als Stadtrat dann für die Planung des Areals im Nordwesten des Bahnhofs verantwortlich.Herr Odermatt, in den nuller Jahren herrschte in Neu-Oerlikon eine enorme Aufbruchstimmung. Es wurde viel schneller gebaut als erwartet. Wäre eine solche Entwicklung heute noch möglich?Nein, das war eine andere Zeit. Es gab damals mit Zürich-West und Neu-Oerlikon zwei riesige Gebiete, die entwickelt werden konnten. Solche Transformationsareale haben wir nicht mehr. Auch die Stadt war damals eine andere. Zürich hatte finanzielle Probleme, litt unter Bevölkerungsrückgang. Man wollte das Potenzial dieser Gebiete möglichst rasch nutzen. Und auf dem Markt war viel Geld vorhanden, die Pensionskassen begannen, in grossem Stil in Immobilien zu investieren. Es wurde praktisch im Jahresrhythmus ein neues Wohngebäude hingestellt.Das war auch deshalb möglich, weil die Stadt mit den Bauherren kooperiert und ihnen viel Spielraum gelassen hat. Heute macht die Stadt hingegen immer engere Vorgaben.Man hat den Eigentümern in Neu-Oerlikon auch damals klare Vorgaben gemacht, die durchaus streng und pionierhaft waren. Vorgaben, dass auch Wohnungen und nicht nur Büros gebaut werden müssen. Zudem hat man Platz für Pärke sowie ein Schulhaus eingeplant. Davon hat das neue Quartier profitiert. Auch heute pflegen wir einen kooperativen Ansatz. Die Diskussionen drehen sich vor allem um den Anteil von preisgünstigem Wohnen. Und das ist für die Stadtentwicklung wichtig.Das grosse Bauprojekt beim Neugasse-Areal scheiterte, weil es die Politik mit der Forderung nach preisgünstigem Wohnen übertrieben hat.Das bedauere ich auch. Der Stadtrat hatte mit den SBB eine gute Lösung gefunden, zwei Drittel der Wohnungen wären preisgünstig gewesen. Die AL und mit ihr dann das ganze rot-grüne Lager schossen sich auf das Ziel 100 Prozent preisgünstige Wohnungen ein. Ich habe immer davor gewarnt, dass die SBB das Areal nicht an die Stadt verkaufen werden – und so ist es auch gekommen. Man sollte als Politiker keine Versprechen machen, die man nicht halten kann. Dieses Beispiel ändert aber nichts an meiner Haltung: Es ist sinnvoll, preisgünstigen Wohnraum einzufordern. Ohne eine gute Durchmischung entsteht kein Leben in einem Quartier.«Natürlich muss auch gebaut werden. Aber es ist eine Mär, dass damit die Mieten sinken würden», sagt André Odermatt.Gerade Neu-Oerlikon wird oft dafür kritisiert, dass das Quartier steril wirkt – das pulsierende Leben sieht man hier nicht.Als Wohngebiet ist das Quartier durchaus beliebt, Umfragen zeigen eine hohe Zufriedenheit. Aber klar, heute würde man in der Planung vieles anders lösen. Wohnen ist wichtig, aber es braucht auch einen guten Mix mit Arbeitsplätzen, Läden, Restaurants und kulturellen Angeboten. Das ist der Geist hinter den Nachbesserungen, die wir nun im vorderen Teil dieses Entwicklungsgebiets umsetzen wollen.Zeigen sich hier nicht auch die Grenzen der Planbarkeit?Natürlich gibt es diese Grenzen. Urbanes Leben kann man nicht auf Knopfdruck generieren. Es braucht dazu Zeit. Aber auch gute Vorgaben helfen. So sind Erdgeschossnutzungen wichtig oder gute Platzgestaltungen. Wenn es aber um die konkrete Vermietung geht, ist es an den Grundeigentümern, sich auf Experimente einzulassen und einen spannenden Mix zu schaffen.Die politischen Anfänge auf der StrasseDer 65-Jährige blickt auf über drei Jahrzehnte in politischen Ämtern zurück. Sein politischer Weg begann in den 1980er Jahren auf den Strassen des Kreises 4. Odermatt war Mitte zwanzig und engagierte sich für mehr Wohnraum und Lebensqualität im damals noch nicht hippen, aber doch schon teuren Arbeiterquartier. Des nächtlichen Strassenlärms müde, organisierte Odermatt gemeinsam mit Anwohnern eine Barriere an der Müllerstrasse – nicht aus brennenden Containern, sondern eine hochoffizielle, bewilligte Schranke. Das dort bis heute geltende Nachtfahrverbot ohne Barriere ist sozusagen Odermatts ältestes politisches Vermächtnis.Beruflich hatte Odermatt nach der Ausbildung zum Primarlehrer den akademischen Pfad eingeschlagen, Geografie studiert und doktoriert. Doch der Ruf der Politik wurde lauter. Für Nachbarschaftsanliegen auf die Strasse zu gehen, habe ihm nicht mehr gereicht. Er wollte auf politischem Weg Veränderungen herbeiführen.1995 rückte Odermatt für die SP in den Gemeinderat nach. Eine spannende Zeit, mit grossen Sparübungen. Bau und Gebäudeunterhalt seien vernachlässigt worden – was sich später zu rächen begonnen habe. Es war auch die Zeit, in der zwar im Stadtrat eine linke Mehrheit herrschte, im Gemeinderat aber die Bürgerlichen die Nase vorn hatten. Die Debatten seien damals schon laut gewesen und es habe zum Teil heftige Auseinandersetzungen gegeben, sagt Odermatt. Die Angriffe galten aber den jeweiligen Parteien, nicht einzelnen Personen.Die Positionen würden heute pointierter vertreten und das Tempo habe zugenommen, sagt Odermatt. Sei ein Thema gross in den Medien, sei der Vorstoss dazu eigentlich schon geschrieben. Es gehe um Profilierung – die eigene und die der Partei. Früher habe man sich richtig in eine Materie einarbeiten müssen, um vom Fraktionsvorstand grünes Licht für einen Vorstoss zu erhalten.In den nuller Jahren musste Odermatt entscheiden: akademische oder politische Karriere? Die Lust an der Politik war grösser. 2010 gelang der Sprung in den Stadtrat. Das grosse Thema im Wahlkampf schon damals: die Wohnungsknappheit und hohe Mieten.Unweit des MFO-Parks in Neu-Oerlikon hat die Stadt ein gut 25 500 Quadratmeter grosses Grundstück erworben. Darauf sind nebst gemeinnützigen Wohnungen auch Gewerbe- und Kulturräume geplant. Die Eventhalle 550 bleibt erhalten.Die explodierenden MietenAndré Odermatt führt durch Neu-Oerlikon, vorbei an Backsteinbauten, die umgenutzt werden sollen. Den Industriecharme will man erhalten. Im Baufieber vor zwanzig Jahren wurde viel abgerissen, zu viel, denkt der Stadtrat heute.Dennoch stehen Veränderungen bevor: So hat die Pensimo von der ABB das Areal neben dem «Frischen Max» mit einem in die Jahre gekommenen Parkhaus erworben. Geplant ist eine Überbauung mit einem Hochhaus und 500 Wohnungen. Details zum Projekt sind noch nicht bekannt, die Wohnungen dürften an der Lage aber hochpreisig werden. Westlich des MFO-Parks hat die Stadt der ABB ein Grundstück abgekauft. Dort sollen gemeinnützige Wohnungen sowie Gewerbe- und Kulturräume entstehen.Die hohen Wohnkosten sind das Thema der Stunde in der städtischen Politik. Die Bürgerlichen sehen die steigenden Mietzinse primär als Problem von Angebot und Nachfrage. Es müsse mehr gebaut werden. Die Linke fordert indes mehr gemeinnützige Wohnungen, mehr Liegenschaftenkäufe durch die Stadt, Mietzinsdeckel oder ein Verbot von Business-Apartments.Seit über zwanzig Jahren ist Rot-Grün im Stadtrat in der Mehrheit, seit 2018 auch im Parlament. Trotzdem steigen die Wohnkosten stetig. Hat Ihre Politik versagt?Nein, wir haben nicht versagt. Aber für vieles fehlen uns auf städtischer Ebene die Kompetenzen. Darum ist der Stadtrat für die Wohnschutzinitiative, über die wir am 14. Juni abstimmen. Sie würde uns die Möglichkeit geben, unnötige Leerkündigungen zu verhindern. Es muss nicht immer alles abgerissen werden. Zudem müssten wir die Kompetenzen haben, die Mieten deckeln zu können. Auf Bundesebene hat ein anderes Thema endlich wieder Fahrt aufgenommen: Was ist eine gerechtfertigte Rendite? Aus meiner Sicht braucht es Mietzinskontrollen.Sie finden also, dass Rot-Grün nicht die falschen Rezepte hat, sondern dass es noch mehr von der gleichen Medizin braucht: noch mehr staatliche Intervention. Wäre es nicht besser, den Markt spielen zu lassen, dafür zu sorgen, dass endlich mehr gebaut und die Nachfrage gedeckt wird?Natürlich muss auch gebaut werden. Aber es ist eine Mär, dass damit die Mieten sinken würden. Wir haben es hier mit einem unvollkommenen Markt zu tun. In jeder attraktiven Stadt ist die Nachfrage viel höher als das Angebot. In den letzten Jahren sind die Bodenpreise wegen Spekulation durch die Decke gegangen. Das treibt die Wohnkosten in die Höhe. Damit stellt sich auch die Frage nach einer Anpassung des Bodenrechts. Dazu hat es auf Bundesebene ja Anläufe gegeben, die aber gescheitert sind.Was Sie eher in der Hand haben, wäre, die Dauer bei Baubewilligungen zu verkürzen. Diese wird als viel zu lange kritisiert. Auch damit liesse sich die Wohnungsknappheit bekämpfen.Die Baubewilligungsverfahren haben damit wenig zu tun. Ob man drei oder sechs Monate auf eine Bewilligung wartet, entscheidet nicht darüber, wie viel in Zürich gebaut wird. Zudem haben wir einiges zur Beschleunigung getan und alle Prozesse digitalisiert.Die Linke will sich auch in die Nutzung der Wohnungen einmischen. Wie stehen Sie zu einem Verbot von Business-Apartments?Ich bin für eine Begrenzung. In einigen Quartieren sind die Apartments zum Problem geworden. Das tut dem Leben dort nicht gut und schädigt auch die Hotellerie.Zürich ist nicht Venedig oder Barcelona. Denken Sie nicht, dass diese Entwicklung von selbst an ihre Grenze stösst?Business-Apartments werden ja nicht nur touristisch genutzt. Wir müssen schauen, dass dies nicht überhandnimmt. In der Bau- und Zonenordnung wollen wir es so lösen, dass man Business-Apartments nicht mehr an den Wohnanteil anrechnen darf – das schützt das Wohnen. Bei der SP-Initiative geht es hingegen darum, dass Wohnungen nicht mehr ausschliesslich kurzfristig vermietet werden dürfen. Das zu kontrollieren, wird eine grosse Herausforderung.Die funktionale schwarze Aktentasche hat André Odermatt während fast seiner ganzen Zeit als Stadtrat begleitet.Wenn einem die eigene Partei in den Rücken fälltDie Förderung des gemeinnützigen Wohnungsbaus gehört zu den wichtigsten Zielen der linken Parteien in Zürich und ist auch für Odermatt ein Kernanliegen. Ein Jahr nach seiner Wahl in den Stadtrat sagten die Stimmberechtigten Ja zum Drittelsziel. Bis 2050 soll ein Drittel aller Wohnungen gemeinnützig sein, also nicht gewinnorientiert vermietet werden.Fünfzehn Jahre später hat sich der Anteil mit rund einem Viertel kaum verändert. Zumindest habe der gemeinnützige Wohnraum mit dem privaten mithalten können, sagt Odermatt. Und: ein Drittel der Bevölkerung lebe heute in einer gemeinnützigen Wohnung. Zu seinen Erfolgen zählt Odermatt auch die Einführung einer Mehrwertabgabe, den kommunalen Richtplan oder die umfassende Revision der Bau- und Zonenordnung, die im März präsentiert wurde.Doch der Hochbauvorsteher musste auch einige Niederlagen einfahren. So versenkten die Stimmberechtigten etwa das zweite Projekt für ein neues Fussballstadion, nachdem ein erstes wegen Rekursen gescheitert war. Auch die eigene Partei fiel dem Stadtrat in den Rücken. Zuletzt bei den Hochhausrichtlinien.Hat es Sie geärgert, wie der Gemeinderat Ihren Vorschlag zu den Hochhausrichtlinien zerpflückte und die Gebiete für 40-Meter-Türme strich?Für die Leute, die die ganze Arbeit gemacht und planerisch alles gut begründet haben, ist es natürlich frustrierend. Die 40-Meter-Hochhäuser wären ein gutes Instrument gewesen, um Siedlungen qualitätsvoll zu verdichten, ohne abzureissen. Bei dieser Debatte ging es aber weniger um politische Mehrheiten. Es gibt einfach viele Leute, die Hochhäuser aus ihrem tiefsten Inneren heraus ablehnen. So ergab sich mit SP und SVP eine spezielle Achse.In der Debatte verlor sich das Stadtparlament fast schon in einer eigenen Planung und ergänzte allerlei Details. Woher kommt der Hang des Gemeinderats zum Mikromanagement, woher das Misstrauen gegenüber dem Stadtrat?Das Misstrauen gehört zur Rollenverteilung zwischen Gemeinde- und Stadtrat. Beim Gemeinderat gibt es die Tendenz, zu sagen, «da müssen wir mehr rausholen» oder «das müssen wir besser machen». Das gehört zur Politik. Auf Bundesebene, wo bürgerliche Mehrheiten herrschen, ist es übrigens nicht anders.Ihre Partei hätte aber auch mit Ihnen zusammen eine Lösung erarbeiten können, statt Ihre Arbeit öffentlich zu kritisieren.Die Partei will sich profilieren. Heute gilt auf jeder Ebene: Nach den Wahlen ist vor den Wahlen. Aber ich würde diesen Dissens nicht überbewerten. Ich kann auf jeden Fall sagen: Ich bin nach wie vor in der SP daheim und werde das auch bleiben.Die Autobahn in Schwamendingen ist unter einem Deckel mit einem Park darauf verschwunden. Ein Quantensprung für das Quartier in Sachen Lebensqualität, sagt André Odermatt.Odermatts StadtreparaturDer Spaziergang mit André Odermatt endet auf dem Überlandpark, jener Grünanlage in Schwamendingen, die auf der knapp einen Kilometer langen Einhausung entstanden ist. Während oben die Vögel zwitschern, brausen Tausende von Autos pro Tag über den überdachten Autobahnteil.Stadtreparatur nennt Odermatt dieses Bauwerk. Den Vorwurf von links, echte Stadtreparatur wäre, die Autobahn ganz zu entfernen, lässt er nicht gelten. Statt auf Unrealistisches habe sich die Stadt auf das Machbare konzentriert und für das Quartier einen Quantensprung in Sachen Lebensqualität erreicht.Die Einhausung hat einiges ausgelöst: Rundherum werden Siedlungen erneuert. Fast alle gehören Genossenschaften, einige haben bereits mit dem Bauen begonnen. Die Neugestaltung des Quartiers wird Odermatts Nachfolger Tobias Langenegger beschäftigen.Odermatt wird das nur noch aus der Ferne beobachten. Ganz abgeschlossen hat er mit der Politik aber noch nicht. Er will sich wieder mehr in der lokalen SP-Sektion engagieren.Passend zum Artikel
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