Das Nationalteam als Gruppentherapie: Wie die Schweizer Eishockey-Stars an der WM die Sorgen im Klub vergessenDie Teams der hiesigen NHL-Stars tun sich auffallend schwer. Da stellt die WM mit ihrer Fülle an komfortablen Schweizer Siegen für Nico Hischier, Roman Josi und Co. eine willkommene Abwechslung dar.24.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenIn New Jersey in dieser Saison ein Sorgenkind, im Nationalteam der gewohnt produktive Skorer: Der Appenzeller Stürmer Timo Meier (vorne).Andreas Becker / KeystoneIm April endete für die New Jersey Devils wieder eine Qualifikationsphase mit zwei Gefühlen, die allzu vertraut geworden sind: Frustration und Ratlosigkeit. Das Fazit von Nico Hischier lautete: «Wir werden nicht jünger, es nervt.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Hischier, 27, ist der Captain dieser beständig erfolglosen NHL-Franchise. Die Devils drafteten ihn 2017 an allererster Stelle. Er galt als Heilsbringer, das ist das Los eines jeden Nummer-1-Drafts; die Vorschusslorbeeren können zur Bürde werden. Der Oberwalliser wurde bald entlastet. 2019 durften die Devils schon wieder an erster Stelle auswählen, sie entschieden sich für den Amerikaner Jack Hughes. Damit waren die Meinungen gemacht: In der Eastern Conference gehört die Zukunft den Devils.Doch sieben Jahre später ist die Organisation um einige Illusionen ärmer. Seit Hischier im Oktober 2017 im rot-weissen Devils-Tenue debütierte, hat das Team die Play-offs in neun Jahren nur drei Mal erreicht und dabei ein einziges Mal die Startrunde überstanden. Es ist eine niederschmetternde Bilanz, die nicht Hischier anzulasten ist. Er hat die Erwartungen erfüllt. Der Prospektbeschrieb des wohlerzogenen Musterschwiegersohns aus dem Oberwallis war akkurat: Aus ihm ist einer der komplettesten Center der Welt geworden, vielseitig, schnell und trotz ausgeprägtem defensivem Gewissen auch produktiv. Doch das Management schaffte es bisher nie, um ihn herum einen ernsthaften Titelanwärter aufzubauen.Ein Ex-Pokerspieler verhandelt für New Jersey den nächsten Hischier-VertragDer Nächste, der sein Glück versucht, ist der im April frisch eingestellte General Manager Sunny Mehta. Mehta, 48, hat eine Hockey-Biografie, die nicht alltäglich ist: Er war professioneller Pokerspieler und schrieb Bestseller über das Kartenspiel. Dem Eishockey wandte er sich zunächst als Blogger zu, der sich durch Statistiken wälzte. Er arbeitete sich kontinuierlich nach oben.Eine von Mehtas drängendsten Aufgaben wird sein, die Zukunft von Hischier zu regeln, dessen Vertrag in einem Jahr ausläuft. Und der eine kräftige Lohnerhöhung erhalten dürfte: Derzeit liegt sein Salär bei 7,25 Millionen Dollar pro Jahr. Es wäre keine Überraschung, sollten es ab 2027 um die 11 Millionen sein. Das würde ihn zum bestverdienenden Schweizer Eishockeyspieler der Geschichte machen.Geborgenheit statt Sorgen: Die Nationalspieler haben viel zu feiern.Denis Balibouse / ReutersDerzeit gibt es drei Schweizer, deren Konto üppiger befüllt wird. Einer davon ist Timo Meier, der Teamkollege Hischiers in New Jersey und im Nationalteam. Meier, 29, hat eine schwierige NHL-Saison hinter sich. Sein Salär von 8,8 Millionen Dollar konnte er mit 44 Skorerpunkten in 74 Partien zu selten rechtfertigen. Wobei die Erklärung nicht schwerfällt. Er begann gewohnt dynamisch, ehe er sich Mitte Dezember für einige Wochen beurlauben liess, um sich um «einen medizinischen Fall in der Familie» zu kümmern. Nach seiner Rückkehr erreichte er sein Rendement nicht mehr – auch an hochbezahlten Profisportlern gehen die emotionalen Herausforderungen des Lebens nicht spurlos vorbei.Hischier und Meier kochen in New Jersey regelmässig gemeinsam, die Schweizer Kolonie wird vom Zürcher Verteidiger Jonas Siegenthaler komplettiert, der die WM verletzt verpasst, zuletzt an den Spielen zur emotionalen Unterstützung aber doch präsent war. Die Weltmeisterschaft war für das Devils-Trio zuletzt immer wieder ein Ventil, um den Alltagssorgen der langen, ermüdenden NHL-Saison zu entfliehen. Alle stehen stets zur Verfügung, sofern es der Gesundheitszustand erlaubt; Hischier bestreitet bereits seine siebte Weltmeisterschaft.«Es ist immer eine Ehre, dieses Trikot tragen zu dürfen», sagt er pflichtbewusst. Aber selbstredend ist es nicht zuletzt eine willkommene Abwechslung, dank oft komfortablen Siegen zweieinhalb Wochen lang die Leichtigkeit des Seins zu zelebrieren. Nach dem 9:0 gegen Österreich steht Hischier in der Swiss-Life-Arena in der Mixed Zone und sagt: «Natürlich macht es mehr Spass, wenn man gewinnt.»Allzu erfolgsverwöhnt ist derzeit keiner der Schweizer NHL-Exporte, jedenfalls nicht, was die Resultate mit dem Team angeht – sieht man einmal vom Torhüter Akira Schmid ab, der mit den Vegas Golden Knights noch immer in den Play-offs engagiert ist, allerdings seit Mitte März nicht mehr eingesetzt wurde.Der Einzige, der die zweite Runde erreichte, war der aufstrebende Verteidiger Janis Jérôme Moser, der von Tampa Bay im Dezember einen neuen Achtjahresvertrag erhielt, der mit 54 Millionen Dollar dotiert ist. Verrückt, dass er 2020 im NHL-Draft zunächst gänzlich übergangen wurde. Sein Talent war schon damals in Biel augenfällig, sein eindrücklicher Aufstieg dokumentiert auch das kollektive Versagen der Scouts, die ihn damals begutachteten.Josi und die Frage, ob es nicht doch noch einen Klubwechsel brauchtVom Vorstoss in die zweite Play-off-Runde weit entfernt waren neben Pius Suter (29, St. Louis) die Routiniers Roman Josi und Nino Niederreiter. Der Grossverdiener Josi wird am 1. Juni 36 Jahre alt, mit den Nashville Predators hat er seit acht Jahren keine Play-off-Serie mehr gewonnen. Die Uhr tickt, und der Berner Captain der Predators wird sich eher früher als später überlegen müssen, ob die Zeit nach 15 Jahren in Nashville nicht doch reif für eine Veränderung ist. Dann jedenfalls, wenn er seine grandiose Karriere noch mit dem Gewinn des Stanley-Cups veredeln möchte.Niederreiter, 33, spielte in Winnipeg mit nur 19 Punkten die statistisch schwächste Saison seit vierzehn Jahren. Er bekundete in diesem Winter hie und da Probleme mit dem horrenden Tempo in der NHL.Kurz: Fast alle aus dem NHL-Sextett im Schweizer Kader werden von Sorgen bedrückt. Auch darum rücken sie so häufig und gerne für die WM ein, ein Turnier, bei dem die überschaubare finanzielle Entschädigung gerade für NHL-Profis keinen Ansporn darstellt. Es geht um etwas anderes: Die Nationalmannschaft ist eine Art Gruppentherapie, in ihrer wohligen Atmosphäre findet die aktuelle Spielergeneration Geborgenheit unter Gleichgesinnten. Und es winkt nicht weniger als die Aussicht, mit dem ersten WM-Titel Geschichte zu schreiben.Der Umstand, dass die besten Spieler nach Möglichkeit stets einrücken, ist eine der wichtigsten Schweizer Trumpfkarten: Die umständliche Findungsphase, wie sie Top-Nationen wie Kanada, Schweden oder die USA kennen, wo ein Team zusammenkommt, das sich kaum oder gar nicht kennt, entfällt. Die sagenhafte Schweizer Dominanz in der Gruppenphase der letzten Jahre ist nicht zuletzt damit zu erklären.Bisher fehlt nur das ultimative Ausrufezeichen, trotz vier Finalqualifikationen seit 2013. Hischier ist es zu wünschen, dass er nach diesem Turnier nicht das gleiche Résumé ziehen muss wie vor einigen Wochen in New Jersey: dass diese Mannschaft nicht jünger wird und es nervt, dass es wieder nicht geklappt hat.Schweizer Trumpf: Die besten Spieler rücken wann immer möglich ins Nationalteam ein.Denis Balibouse / ReutersPassend zum Artikel
Hischier, Meier und Co.: Gruppentherapie im Schweizer WM-Team
Die Teams der hiesigen NHL-Stars tun sich auffallend schwer. Da stellt die WM mit ihrer Fülle an komfortablen Schweizer Siegen für Nico Hischier, Roman Josi und Co. eine willkommene Abwechslung dar.
















